Fußball

Klassiker liefert großes Spiel100 Minuten Ablenkung bescheren der Liga eine bittere Wahrheit

01.03.2026, 08:03 Uhr
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Joshua Kimmich entschied das Spiel ganz spät. (Foto: picture alliance / HMB Media)

Der FC Bayern München hat in Dortmund am gestrigen Samstag die Meisterschaft gewonnen. Daran bestehen nur noch rechnerische Zweifel. Doch das Spiel bietet weitaus mehr als das. Beim BVB stehen nun große Entscheidungen an.

Als Schiedsrichter Sven Jablonski nach einem letzten Angriff des BVB das Spiel der beiden besten deutschen Mannschaften der vergangenen Jahrzehnte nach über 100 Minuten inklusive Nachspielzeit beendete, war die Bundesliga-Meisterschaft am letzten Februartag 2026 entschieden. Beim 2:3 (1:0) zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern aber hatte der Fußball sich an diesem frühen Samstagabend zumindest für die Dauer des Spiels über die Weltlage geschoben und die Zuschauer im Stadion und am TV vergessen lassen.

Einen Vorwurf musste sich die Partie im ehemaligen Westfalenstadion jedoch gefallen lassen: Sie war ein Unikat in einer zum großen Teil wenig aufregenden Bundesliga-Saison an der Spitze der Tabelle. Ein Blick auf diese genügte nach dem Spiel auch DFB-Kapitän Joshua Kimmich, um die eigene Dominanz anzuerkennen. "Das werden wir nicht mehr abgeben, das wird so bleiben", sagte der Matchwinner bei Sky.

Kovac schwärmt von Kimmich

Entkoppelt von der eigentlichen Meister-Entscheidung aber boten die fünf Tore durch Nico Schlotterbeck und Daniel Svensson auf Dortmunder Seite und Doppelpacker Harry Kane sowie Joshua Kimmich auf Münchner Seite großen Anlass zur Freude. Die Treffer waren eingebettet in eine Fülle voller verpasster Gelegenheiten (Guirassy zum 3:2), hitziger Diskussionen (Rot für Schlotterbeck?) und wuchtiger Gesänge von den Tribünen.

Das Topspiel des 24. Spieltags war eines von rarer Schönheit und respektvoller Kontroverse. Es gab traumhafte Tore, schnelle Wendungen und genau genug Schiedsrichter-Ärger, um die Fanseelen in einer Weise zu berühren, die alles andere ausblendet und das Zentrum der Wahrnehmung auf das Geschehen auf dem Platz lenkt.

"Das ist schon Weltklasse", schwärmte Dortmunds Trainer Niko Kovac über das entscheidende Tor in der 87. Minute, als Kimmich den Ball volley ins Netz drosch, "andere hauen das Ding aufs Dach". Auch der Chipball des Bayern-Kapitäns zum 1:1-Ausgleich durch Kane begeisterte den Trainer des Gegners. "Das muss man auch mal als gegnerischer Trainer anerkennen", sagte er.

Die Strategie der Bayern geht auf

Lange Zeit war es dem nach dem peinlichen Aus in den Champions-League-Playoffs bei Atalanta Bergamo angeschlagenen BVB gelungen, die Bayern mit großer Robustheit in viel zu viele Zweikämpfe weit vor dem Tor zu verwickeln und somit auch Rekordjäger Kane (45 Tore in allen Wettbewerben der Saison, 30 Tore in der Bundesliga) aus dem Gefahrenbereich zu schieben. Nur konnten die nach der Verletzung von Emre Can weiter geschwächten Dortmunder dieses Tempo nicht über 90 Minuten hochhalten.

"Wir wussten natürlich in der Halbzeit, dass es hinten raus für die Dortmunder schwieriger wird, das Tempo hochzuhalten", sagte Kimmich. "Sie haben harte Wochen mit vielen Spielen hinter sich, das hatten wir zuletzt nicht. Dementsprechend war uns schon bewusst, dass wir einen großen Vorteil haben, je länger das Spiel geht - und den haben wir kurz vor Schluss ja auch ausgespielt."

Innerhalb von sieben Tagen hat der FC Bayern in der Liga den Vorsprung auf Dortmund von sechs auf elf Punkte ausbauen können. Sie konnten unter der Woche mitansehen, wie sich der BVB in der Champions League selbst erledigte und dann in Dortmund zuschlagen.

Der BVB schreibt Verluste

Für die Gastgeber hingegen stehen nach dem Aus in Königsklasse und DFB-Pokal nur noch zehn Spiele in der Bundesliga an, dann ist die Saison wieder vorbei. Die spannendste Entwicklung der nächsten Wochen dürfte die nun anstehende Entscheidung rund um Nationalspieler Schlotterbeck sein. Vielleicht gesellen sich noch andere Transfergerüchte hinzu: Borussia Dortmund braucht das Geld.

Denn finanziell hat die Woche bei Borussia Dortmund deutliche Spuren hinterlassen. Bereits nach dem Aus bei Atalanta Bergamo sah sich der börsennotierte Klub genötigt, eine Ad-hoc-Mitteilung herauszugeben. Hatte der BVB vorher noch einen Erwartungsrahmen zwischen plus fünf Millionen Euro und minus fünf Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2025/2026 angegeben, so erwartet Dortmund nun einen Verlust zwischen 12 und 22 Millionen Euro.

Der Einzug in das Achtelfinale der Champions League hätte dem BVB allein elf Millionen Euro an Prämien eingebracht. "Dieses Weiterkommen war eingeplant, die Einnahmen hatten wir eingeplant", sagte Sportdirektor Sebastian Kehl direkt nach dem 1:4 in Bergamo. Neben dem finanziellen Schaden ging mit dem Playoff-Aus auch ein veritabler Imageschaden einher. Der BVB zementierte den Ruf eines Vereins, dem es immer wieder gelingt, einen Sieg auf den letzten Metern souverän und mit seltener Schönheit zu verspielen. International kennt man Borussia Dortmund fast nur noch als Verlierer.

Ein Problem für den Klub, dem es in der Vergangenheit immer wieder gelungen war, Weltstars wie Ousmane Dembele, Robert Lewandowski, Erling Haaland, Ilkay Gündogan oder Jude Bellingham auf den Weg zu bringen. Der aktuelle Kader hingegen ist von einer gewissen westfälischen Durchschnittlichkeit geprägt. Große Entwicklungssprünge werden den wenigsten Spielern zugetraut.

Der Unterschied zwischen Bayern und Dortmund

Daran konnte nun auch die Niederlage im Klassiker nichts ändern. Anders als in Bergamo hatten die Dortmunder zwar den Sieg nicht hergeschenkt, sich aber letztlich auf ihren Platz in der Bundesliga fügen müssen. Der ist auch in dieser Saison hinter dem FC Bayern. Aber zum ersten Mal seit längerer Zeit wohl auch vor den anderen Klubs der Liga. "Letzte Saison hatten wir 25 Punkte Rückstand, jetzt sind es elf. Das ist schon eine Entwicklung. Die Bayern kaufen für 60, 70 Millionen ein, wir holen Entwicklungsspieler", sagte der im Februar 2025 als Notfallsanitäter herbeigeeilte Kovac und traf damit nur halb den Kern.

Denn natürlich verfügt Borussia Dortmund immer noch über weitaus größere finanzielle Reserven als ein Großteil der Liga. Jedoch ist es dem BVB dabei zuletzt nur selten gelungen, die von Kovac als Entwicklungsspieler bezeichneten 25- bis 30-Millionen-Euro-Einkäufe wie Carney Chukwuemeka, Jobe Bellingham, Fabio Silva, Maxi Beier oder Yan Couto nachhaltig zu entwickeln. Nicht ausgeschlossen, dass die Prozesse nicht abgeschlossen sind, doch kurzfristig wird sich daran kaum etwas ändern.

Vincent Kompany will erleben, was die Spieler erleben

"Mit 52 Punkten nach 24 Spielen stehen wir nicht so schlecht da, wir wollen noch ein paar holen", sagte Kovac nach dem Spiel. "Wir wollen schnell in die Champions League kommen, und ich möchte schon auf diesem Platz die Ziellinie überschreiten." Es ist das Los des BVBs, der in diesen wunderbaren 100 Minuten von Dortmund am Samstag vom FC Bayern in die Schranken gewiesen wurde und doch endlich wieder Teil einer größeren Erzählung war.

"Das war meiner Meinung nach von beiden Mannschaften und deren Ausstrahlung mit dem absoluten Willen, nach vorn zu gehen und gewinnen zu wollen, absolute Werbung für die Bundesliga", sagte Bayern-Trainer Vincent Kompany, der sich nach dem Sieg gemeinsam mit der Mannschaft zum Gästeblock aufgemacht hatte. Ein Sieg in Dortmund, in dieser Art, ist auch für das Trainer-Wunderkind nicht alltäglich. "Ich wollte einmal kurz erfahren und spüren, was die Spieler hier erfahren", sagte er. "Das ist einfach auch ein Moment für mich. Dann bin ich aber auch schnell wieder weg. Denn diese Zeiten sind vorbei für mich."

Die Bundesliga hat bewiesen: In ihren besten Spielen verschafft sie Ablenkung, Aufregung und Linderung. Das nicht zu lösende Problem der Liga bleibt leider bestehen. Ganz oben hat sie von diesen Momenten viel zu wenig. Das ist schade.

Quelle: ntv.de, sue

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