Fußball

Tagebuch reizt Hertha zur Unzeit Klinsmann richtet den maximalen Schaden an

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So schnell werden sich Jürgen Klinsmann (l.) und Michael Preetz wohl nicht mehr die Hand geben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hertha BSC steckt in der Schlammschlacht mit Klinsmann bis zum Hals im Dreck. Als "widerlich und unverschämt" verurteilt Manager Preetz die Klinsmann-Protokolle. Doch der Schaden ist angerichtet und trifft den Fußball-Bundesligisten zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Hertha BSC möchte die Klinsmann-Ära ein für alle Mal hinter sich lassen - und zwar schnell. Doch die ehemalige Zusammenarbeit erlebt am heutigen Aschermittwoch noch mal einen bitterbösen Knall. Klinsmann, der per Facebook mit dem Verein Schluss machte, tritt mit einem seitenlangen Protokoll gegen Herthas Geschäftsführung noch mal kräftig nach. Sportmanager Michael Preetz platzt daraufhin der Kragen. Er nennt die Anschuldigungen "widerlich und unverschämt", und behalte sich rechtliche Schritte gegen Klinsmann vor, weil er dem Verein geschadet habe.

Die Laune ist im Keller. Eigentlich sollte es bei der Hertha-Pressekonferenz um das wichtige Bundesliga-Spiel am Freitag gegen Fortuna Düsseldorf gehen. Doch wie so oft in den vergangenen Wochen, bekommt der Verein ein Bein gestellt - es dreht sich (mal wieder) alles um Klinsmann und nicht um sportliche Leistungen. Pressesprecher Marcus Jung wirkt genervt, als er die Pressekonferenz mit den zynischen Worten eröffnet: "Ich denke mal, das Interesse gilt heute nicht alleine dem Spiel. Wie ihr alle mitbekommen habt, ist unser ehemaliger Trainer mit seinem engsten Umfeld unter die Autoren gegangen." Preetz, der angestrengt die Lippen zusammenpresst, entweicht bei den Worten ein kaum zu vernehmendes Lächeln. Eine Ansage, die sitzt. Schnell übergibt Jung das Wort an "Michael".

Preetz holt tief Luft. "Es ist in der Tat so, dass man in diesen Tagen den Eindruck gewinnen kann, dass wir bei Hertha BSC nicht wirklich zur Ruhe kommen in dieser wichtigen sportlichen Phase dieser Saison". Die Vorwürfe habe man im Verein mit großer Betroffenheit zur Kenntnis genommen. "Es wurde ja im Prinzip auch keiner von seiner Kritik ausgenommen." Der Manager, der von Klinsmann in seinem Schreiben besonders häufig attackiert wurde, gibt sich bezüglich der Kritik an seiner Person kämpferisch: "Ich halte das aus, ich bin stabil."

"Widerlich und unverschämt"

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Aber die Angriffe auf die Funktionsteams von Hertha BSC lässt Preetz dann doch nicht auf sich sitzen. Die Anschuldigungen gegen die Medien- und medizinische Abteilung seien "widerlich und unverschämt". Das sei "perfide" und werde "auf das Schärfste zurückgewiesen. Das sind alles Menschen, die 24 Stunden am Tag für diesen Verein im Einsatz sind". Klinsmann sieht das anders: "Die medizinische Abteilung ohne jegliche Dynamik, zerstritten, inkompetent, den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht gewachsen", heißt es in dem mehrseitigen Protokoll. "Es gibt eine Medienabteilung, die nur reagiert, keine Ideen hat und den Trainerstab niemals verteidigt. Es werden keinerlei Lösungen gesucht, keine Innovationen."

Liest man das Protokoll Klinsmanns entsteht das Bild eines fatalen, nicht bundesligareifen Klubs, in dem so ziemlich alles schiefläuft, was schieflaufen kann: der Kader zu groß, völlig ungleich zusammengestellt. Die Mannschaft in einem katastrophalen Zustand, "körperlich" wie "mental". Jahrelange Versäumnisse von Preetz und eine Geschäftsleitung, die "sofort komplett ausgetauscht" werden müsse. Kurz: Der Verein ist "komplett am Boden" und "ohne Perspektive". Harte Worte, die auch Investor Lars Windhorst nicht gefallen dürften. Wenn er sie denn glaubt. Laut Preetz habe Windhorst seine Position gegenüber Klinsmann bereits bei der letzten Pressekonferenz deutlich genug gemacht. Soll heißen: Der ehemalige Freund und Förderer des Ex-Trainers, der ihn eigens in den Aufsichtsrat beruft, hat die Schnauze voll.

Die Zweifel bleiben

Trotz Preetz' Zurückweisungen bleiben Zweifel, ob und inwieweit Klinsmann mit seiner Kritik vielleicht doch recht hat. Auf Twitter diskutieren Fans die Frage kontrovers. Während die einen das "Tagebuch" als einen kläglichen Versuch Klinsmanns ansehen, das eigene Verhalten zu rechtfertigen, geben andere zu bedenken, der Ex-Trainer könnte mit einigen Punkten recht haben. In einem Tweet von Hertha-Reporter Uwe Bremer ist die Rede davon, dass interne Mitarbeiter sich im Vertrauen geäußert hätten und Klinsmanns Schilderungen zustimmten. Dort heißt es: "Lässt man die Ich-Jürgen-habe-alles-richtig-gemacht beiseite, beschreibt es zu 98 Prozent die internen Abläufe und Beziehungen völlig korrekt."

Egal ob richtig oder falsch - für die Alte Dame, die mitten im Abstiegskampf steckt, sind die Protokolle die nächste Katastrophe. Vergeigt sie die nächsten wichtigen Spiele, dann war's das endgültig mit dem "Big City Dream". Ein Abstieg wäre nach den millionenschweren Investitionen und hässlichen Anschuldigen der vergangenen Wochen eine echte Blamage. Nach der 0:5-Klatsche gegen den 1. FC Köln am Samstag, muss der BSC gegen Düsseldorf jedenfalls liefern. Fortuna-Trainer Uwe Rösler sagte bereits, er wolle die Gunst der Stunde nutzen und "Hertha in den Abstiegskampf hineinziehen".

Ob sich die Hertha von der Schlammschlacht erholt oder ob sie endgültig mit weiteren schlechten sportlichen Leistungen darin versinkt, zeigt sich in den nächsten Wochen gegen die Kellerkinder Bremen und Paderborn. An "Big City" darf in der Hauptstadt jetzt niemand mehr denken. Das einzige Ziel muss heißen: Klasse halten. Nur so haben sie in der nächsten Saison die Chance, den hohen Ambitionen von Investor Windhorst standzuhalten. Ob dafür bald die nötige Ruhe im Klub einkehrt, ist fraglich. Interimstrainer Alexander Nouri bringt es auf den Punkt: "Wir haben ein extrem wichtiges Spiel vor der Brust und müssen uns darauf konzentrieren."

Quelle: ntv.de