Fußball

"Hoeneß war damals in Haft"Legendärer Müller-Wohlfahrt über Zoff mit Guardiola und sein Lebenswerk

05.04.2026, 11:35 Uhr
00:00 / 04:21
Dr
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist auch mit 83 Jahren noch als Mediziner tätig. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Rente genießen? Das ist nichts für Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Er hat sich ganz der Sportmedizin verschrieben, fliegt nach wie vor um die Welt, um Athleten zu behandeln. Warum das nicht bei allen gut ankommt und was er rückblickend bereut.

Viele Jahre rannte er mit wehenden Haaren auf den Rasen, wenn ein Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft oder des FC Bayern Schmerzen hatte. Dieses Bild hat sich als Erinnerung an Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bei vielen eingebrannt. Im August wird er 84 Jahre alt. Deutschlands bekanntester Sportmediziner hätte sich längst zur Ruhe setzen können, denkt aber gar nicht daran. "Ich arbeite so lange, bis mir der Himmel signalisiert: Es ist genug", sagt er dem "Spiegel".

Inzwischen rennt Müller-Wohlfahrt schon seit einigen Jahren nicht mehr auf die Fußballplätze. Seine Tätigkeit beim DFB beendete er 2018, beim FC Bayern hörte er nach einem zwischenzeitigen Comeback 2020 endgültig auf. Zuvor hatte er sich 2015 schon einmal verabschiedet, nachdem es mit Star-Trainer Pep Guardiola zum Zerwürfnis gekommen war - nach 38 Dienstjahren. Guardiola habe ihn für die Niederlage im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Porto verantwortlich gemacht. "Es hieß, wir hätten zu viele Verletzte im Team, und ich ließe Spieler zu lange pausieren. Völlig absurd. Das wollte ich nicht akzeptieren."

Er sei "empört" gewesen über diese "Fehleinschätzung, denn Spitzensportler aus der ganzen Welt kommen zu mir, weil meine Diagnostik präziser ist, die Heilung oft zügiger vorangeht als anderswo und weil meine Medikamente keine Nebenwirkungen haben", erinnert sich Müller-Wohlfahrt. Er habe sich die Rückendeckung der Klubspitze in dem Streit gewünscht, aber: "Uli Hoeneß, der immer zu mir gehalten hat, war zu diesem Zeitpunkt in Haft. Wäre er im Verein gewesen, wäre es nicht zum Bruch mit Guardiola gekommen, da bin ich mir sicher."

"Mich ärgert das maßlos ..."

Über Jahrzehnte behandelte Müller-Wohlfahrt einige der größten Namen des Sports, darunter Sprinter Usain Bolt, Rennfahrer Sebastian Vettel und Boxer Wladimir Klitschko. Noch heute reisen Athleten aus aller Welt in seine Münchner Praxis oder er fliegt selbst zu ihnen. Geschätzt werde er für seine Tast-Methode. Die meisten seiner Kollegen würden sich auf MRT-Bilder verlassen, doch "liegen die Kernspinaufnahmen bei Muskelverletzungen zu mehr als 50 Prozent falsch. Mich ärgert das maßlos, denn es hat enorme Konsequenzen: für den Sportler, die Mannschaft und den Verein."

Um die Präzision seiner Hände ging es auch in einem KI-Projekt, das er seit 2021 mit der TU München erarbeitete. Ein Algorithmus sollte Muskelverletzungen genauso präzise erkennen, doch laut Müller-Wohlfahrt ruht das Projekt, "weil die KI noch nicht so treffsicher diagnostiziert, wie ich mir das wünsche".

Dass er so einen guten internationalen Ruf genießt, liege an der Behandlung des bei einem Hubschrauberabsturz im Januar 2020 verstorbenen Basketball-Superstar Kobe Bryant. Dieser empfahl ihn weiter, weswegen sich auch in den USA viele Sportstars an Müller-Wohlfahrt wenden. Bolt behandelte er sogar während der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro - der Jamaikaner gewann wenige Tage später zum dritten Mal Gold über 100 Meter und sagte laut dem Mediziner: "Doc, diese Medaille gehört dir."

"Ja bist du denn verrückt geworden"

Darauf dass er von Kollegen für seine Methoden kritisiert wurde und für die Verwendung homöopathischer Mittel belächelt, reagierte er mit dem Ausspruch, er müsse niemandem mehr etwas beweisen. Zudem wurde er vor ein paar Monaten von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie für sein Lebenswerk in der Sportorthopädie ausgezeichnet.

Die viele Arbeit prägt Müller-Wohlfahrt und erfüllt ihn bis heute, es gibt aber auch eine Schattenseite: "Ich hätte mehr Zeit mit meinen Kindern, mit der Familie verbringen sollen, das schmerzt nach wie vor. Und manchmal denke ich, ja bist du denn verrückt geworden, so viele Jahre deines Lebens für die Medizin hergegeben zu haben. Andererseits: Ich liebe diesen Job so sehr, dass ich mich ihm kaum entziehen kann." Und so wird er auch mit 84 Jahren noch arbeiten.

Quelle: ntv.de, ara

Fußball-NationalmannschaftFußballHans-Wilhelm Müller-WohlfahrtKobe BryantUsain BoltJosep GuardiolaFC Bayern München