Fußball

Radikal offensiv und gierig Leipzig Herbstmeister? "Muss ein Witz sein"

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Ohne Worte

(Foto: imago images/opokupix)

Dank einer verwegenen Offensivkur stürmt RB Leipzig in der Fußball-Bundesliga zu Torrekorden und seiner ersten Herbstmeisterschaft. Vater des Zwischenerfolgs ist Trainer Julian Nagelsmann - der seine Mannschaft trotz der Erfolge so lange kritisieren dürfte, bis sie Meister wird.

Tyler Adams zog die Augenbrauen nach oben und lächelte irritiert, als er nach der Bedeutung der Herbstmeisterschaft gefragt wurde. "Autumn championship? Halftime championship? Christmas championship?" Das hatte der US-Amerikaner in Diensten von Bundesliga-Tabellenführer RB Leipzig noch nie gehört. "So was gibt's doch gar nicht! Das muss ein Witz sein", sagte der 20-Jährige, der gerade sein Comeback nach sieben Monaten Verletzungspause gefeiert hatte: "Meister am Ende der Saison, das kenne ich, das ist das, was wir hier versuchen."

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Yussuf Poulsen entschied kurz vor Schluss mit dem 3:1 die Partie gegen Augsburg.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Für Leipzigs Spieler und Trainer Julian Nagelsmann hat der inoffizielle Titel Herbstmeister nur eine nachrangige Bedeutung. Nicht mehr als eine Momentaufnahme ist der erste Rang nach der Hinrunde für die RB-Protagonisten. Doch Fans und Öffentlichkeit betrachten das Überwintern auf dem ersten Rang als weiteren Meilenstein bei der Entwicklung des Klubs. Als Yussuf Poulsen zum 3:1 (0:1)-Endstand im lange hart umkämpften letzten Spiel des Jahres gegen den FC Augsburg traf (89.), entrollten die Anhänger im Fansektor B ein Banner.

"RB Leipzig - Herbstmeister 2019, geil", stand auf dem Transparent. "Spitzenreiter, Spitzenreiter", hallte es dazu durch das Stadion. Nachdem die Mannschaft nach Abpfiff gemeinsam mit den jüngsten RB-Fans ein Ständchen gesungen hatte und das Stadion einstimmte, ließen sich die Spieler in der Kurve feiern. Und auch Trainer Julian Nagelsmann riefen die Anhänger in die Kurve, was ihm gar nicht so recht war. "Das habe ich gemacht, um den Fans gerecht zu werden, weil sie uns zum Sieg getragen haben", sagte der 32-Jährige.

Fast 70 Prozent Ballbesitz, aber Rückstand

Nachdem die Stimmung auf den Rängen lange eher nervös gewesen war, hatte die Kulisse nach dem 1:1 ihre Wucht entfaltet. Denn der Titelaspirant war gegen die formstarken Ausgburger lange einem 0:1-Rückstand hinterhergelaufen. Den Führungstreffer hatte Stürmer Florian Niederlechner nach scharfer und perfekt platzierter Flanke von Marco Richter unter die Latte gedrückt (8.). RB hatte zwar fast 70 Prozent Ballbesitz und erspielte sich auch gute Gelegenheiten. Doch zum Ausgleich bedurfte es eines Kraftaktes von Konrad Laimer, der beispielhaft für die Entwicklung vieler Spieler bei RB in dieser Saison steht. Nach aggressiver Balleroberung am Augsburger Sechzehnmeter-Raum behielt der Österreicher die Übersicht und schoss den Ball unter Bedrängnis rechts oben ins Tor (68.). Patrik Schick per Kopf nach einer Ecke (80.) und eben Poulsen, der nach Vorarbeit von Timo Werner nur noch einzuschieben brauchte, drehten das Spiel endgültig.

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Wurde von den Fans gefordert - und ließ sich dann gern feiern: RB-Erfolgstrainer Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Zwar hat Rasenballsport schon besser Fußball gespielt, mit weniger Fehlern im Spielaufbau, kreativeren Aktionen und effektiverer Chancenverwertung als gegen Augsburg. Doch die Partie war durchaus symptomatisch für die Hinrunde des sächsischen Erstligisten. Bereits zum sechsten Mal in dieser Hinrunde holten die Leipziger mit viel Charakter Rückstände - eine Veränderung zur Vorsaison - auf und entfachten erneut so viel Druck, dass die Tore reihenweise fielen. Im achten Bundesligaspiel in Serie hat die Nagelsmann-Elf nun mindestens drei Mal getroffen - neuer Rekord im deutschen Oberhaus. 48 Treffer haben Timo Werner & Co. nun in 17 Spielen erzielt - so oft hat zur Saison-Halbzeit seit der Saison 1985/86 kein Team mehr getroffen. "Das zeigt eine gewisse Gier, die die Jungs nach vorn haben", lobte Nagelsmann.

Radikale Offensivkur

Torschütze Laimer schilderte: "Wenn man auf Platz eins steht, braucht man eine unheimliche Konstanz. Es ist grandios, dass wir es dieses Jahr geschafft haben, alle drei, vier Tage unsere Leistung auf den Platz zu bringen." Nur im Oktober schwächelte die Mannschaft, bis beim 6:1 im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg der Knoten platzte. Seither schossen die Leipziger wettbewerbsübergreifend 42 Tore in zwölf Spielen. "Wir wissen noch gar nicht, was in uns steckt. Wir können noch viel mehr", sagte der diesmal unglückliche Toptorjäger Werner bei Sky.

Trainer-Jungstar Nagelsmann hatte RB nach dem durchaus erfolgreichen Defensivkurs unter Ralf Rangnick im vergangenen Jahr mit seinem Amtsantritt eine Offensivkur verordnetet. Und zwar deutlich radikaler als angekündigt. Ergebnis: RB schießt ein Drittel mehr Tore als in der Vorsaison, kassierte aber nur drei Treffer mehr. Der wohl begabteste Trainer seiner Generation hat sich zum Ziel gesetzt, Leipzigs Tugenden im Gegenpressing und Umschaltspiel mit mehr Spielkontrolle und fußballerischer Klasse zu verbinden. Nichts weniger als die Verknüpfung zweier Spielideen, was in dieser Ausprägung europaweit nur wenigen Ausnahmetrainern wie Josep Guardiola und Jürgen Klopp gelingt.

Nach einer Halbserie ist Nagelsmanns Handschrift bereits deutlich zu erkennen. "Zu der Power, zum Tempo und zum Gegenpressing kommt jetzt noch ein sehr, sehr feiner Fußball, ein druckvolles Kombinationsspiel in der letzten Zone", gratulierte Gäste-Trainer Martin Schmidt. "Das ist sehr schwer zu verteidigen." Und Marco Rose, Trainer von Leipzigs erstem Verfolger Borussia Mönchengladbach, sagte: "Bei RB ist es ein herausragender Kader, mit einem sehr guten Trainer und einer Top-Infrastruktur. Das ist ein Verein, der dahingehört und auch den Anspruch hat."

Zum Meistertitel kritisieren

Nagelsmann ging dennoch immer wieder kritisch mit seinem Team ins Gericht, monierte vor allem die fehlende fußballerische Klasse in Spitzenspielen. "Wir stehen zu Recht da, wo wir stehen. Aber wir sind in unserem aktuellen Status kein Meisterschaftskandidat", hatte er noch am Freitag gesagt. "Wenn wir da bleiben wollen, müssen wir Schritte machen, weil wir irgendwann auch gegen diese Teams gewinnen müssen. Sonst wird es schwer, vor denen zu stehen."

Gemeint sind der FC Bayern (vier Punkte Rückstand) und Borussia Dortmund (sieben Punkte). Nicht ausgeschlossen, dass Nagelsmann sein Team zum Meistertitel kritisiert. Nach dem Sieg gegen Augsburg zog er jedoch auch für sich persönlich ein gutes Fazit seines ersten halben Jahres bei RB. "Das bedeutet mir etwas", sagte er. "Nach Ralf Rangnick und einer sehr erfolgreichen letzten Saison zu übernehmen, war nicht die ganz einfachste Aufgabe. Ich bin froh, wie gut die Jungs mitgezogen haben."

Der jüngste Trainer der Liga kündigte an: "Wir werden mit der Galligkeit weiterarbeiten. Diese Gier werden wir beibehalten, auch wenn wir nicht in der Verfolgerrolle sind." Das klang ein wenig danach, als sei ihm der Herbstmeistertitel gar nicht so recht. Denn RB kann die Rolle als Titelkandidat nun nicht mehr abstreiten. In der Bundesliga-Historie wurden mehr als zwei Drittel der Hinrunden-Champions auch Deutscher Meister. "Es muss sehr viel in die richtige Richtung laufen, um am Ende auf Platz eins zu stehen. Dafür müssen wir eine außergewöhnliche Rückrunde spielen", blickte Laimer voraus. Doch der Traum, auch am Ende ganz oben zu stehen, lebt in Leipzig. "Es ist erst die Hälfte geschafft", verabschiedete sich Nagelsmann zur Weihnachtsfeier im Leipziger Kunstkraftwerk. "Wenn wir wirklich was gewinnen, dann gehe ich freiwillig in die Kurve." Einen richtigen Titel meint Nagelsmann, den auch Tyler Adams kennt.

 

Der SC Paderborn wird die Bundesliga-Hinrunde definitiv als Schlusslicht beenden. Wer als Tabellenführer in die Winterpause geht, war zunächst in der Theorie noch offen. Nach der Berlin-Gladbacher Nullnummer steht fest: Es ist erstmals in der Bundesliga-Geschichte RB Leipzig.

Quelle: ntv.de

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