Fußball

Bayerns gefährliche Abhängigkeit Lewandowski frustriert Bankdrücker Müller

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Sportliche Lebensversicherung des FC Bayern: Robert Lewandowski, hier mit Arjen Robben und Thiago.

(Foto: imago/ActionPictures)

Der FC Bayern berauscht sich an Robert Lewandowski und Robert Lewandowski berauscht sich am FC Bayern. Kein Spieler ist für die Münchener so wichtig wie der Angreifer. Einen Weltmeister hält das allerdings in der Krise.

Der Moment, der zeigt, wie unverzichtbar Robert Lewandowski für den FC Bayern ist, ist eigentlich ein trauriger. Ihn erlebt Thomas Müller. Am späten Mittwochabend gegen 22.45 Uhr, nahezu unbeobachtet in den Katakomben der Allianz-Arena. Wenige Minuten zuvor ist der deutsche Fußballmeister zum achten Mal hintereinander ins Halbfinale des DFB-Pokals eingezogen. Er hat den FC Schalke 04 mühelos mit 3:0 (3:0) besiegt; erst mit begeisterndem Pressing und gnadenloser Effektivität, später dann im souveränen Verwaltungsmodus.

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Kein Kommentar: Thomas Müller.

(Foto: imago/Lackovic)

Der Protagonist des Spiels war einmal mehr Stürmer Robert Lewandowski. Zwei Tore hatte er erzielt (3./29. Minute) und das dritte clever für den spanischen Freigeist Thiago aufgelegt (16.). So gut, so normal. Der 28 Jahre alte Angreifer plauderte folglich in den Minuten nach dem Abpfiff vor den Kameras auf dem Rasen über die überzeugende Leistung seines Teams, analysiert den rauschhaften Beginn und erklärt, warum seine Mannschaft mit zunehmender Spieldauer den Modus habe wechseln müssen - Kräfteschonen lautet das Stichwort der Stunde.

Von all dem bekommt jener Thomas Müller um viertel vor elf nichts mit. Hinter der hünenhaften Gestalt des zur Halbzeit verletzt ausgewechselten und deshalb früh geduschten Mats Hummels, der in der Mixed Zone Antworten gibt, schleicht sich der Torjäger außer Dienst von dannen. Da er sich aber trotz hagerer Figur und Hummels Massivität nicht allen Blicken entziehen kann, fällt er auf.

Die zarten Gesprächsanfragen weniger Journalisten lehnt er ab, er hat's eilig. Weg von hier. Von jenem Ort, an dem er 90 Minuten ignoriert wurde. Von seinem Trainer Carlo Ancelotti. Der findet in seinem neuen Erfolgssystem nämlich immer seltener Verwendung für den seit Monaten kriselnden deutschen Weltmeister, lässt stattdessen gegen Schalke die ebenfalls eher weniger beachteten Kingsley Coman und Joshua Kimmich spielen. Denn vorne trifft und zaubert ja Lewandowski.

Die Tormaschine funktioniert

Der Pole ist die sportliche Lebensversicherung für die Bayern. Spielt er gut, oder wie gegen Schalke einmal mehr herausragend, spielen die Münchener erfolgreich. Spielt er nicht gut, was eher selten vorkommt, wird’s für die Bayern sehr beschwerlich. In dieser Saison gilt das mehr denn je. Lewandowski ist der einzige Spieler im Kader, der regelmäßig trifft. 33 Partien hat er bislang absolviert und nun nach dem Doppelpack im Pokalspiel gegen Schalke 29 Tore verbucht. Noch beeindruckender ist die Bilanz nur in der Rückrunde: Neun Spiele, zehn Treffer. Die Tormaschine Lewandowski funktioniert ohne Produktionsausfall - seit Jahren.

Ganz anders als der Mann, der ihn beim Toreschießen wahlweise entlasten oder unterstützen soll: Thomas Müller. Die bayerische Konstante der vergangenen Spielzeiten durchlebt die schwerste Krise seiner Profilaufbahn. Der Mann, der für die Bayern 279 Spiele absolviert hat, der 107 Tore und 96 Vorlagen vorweisen kann, trifft nicht mehr. Das ist momentan aber vor allem eines: ein bloß individuelles Problem. Ancelottis Team kommt auch ohne den schlacksigen Raumdeuter aus. Auf den drei von Müller gerne bespielten Positionen gibt’s dank Energiebündel Arjen Robben auf der rechten Seite, Zauberfuß Thiago in der Mitte und eben Lewandowski im Sturm keine Sorgen. Noch nicht.

Denn auch wenn Robert Lewandowski derzeit alles überragt und nicht nur sich selbst, sondern auch seine Teamkollegen glänzen lässt, er ist die Achillesferse im bayerischen Aufgebot. Niemand, wirklich niemand könnte ihn im Falle einer Verletzung auch nur annähernd ersetzen. Das liegt nicht nur an den auf allen fußballerischen Ebenen herausragenden Qualitäten des Angreifers, sondern auch daran, dass sich der FC Bayern keinen weiteren Spieler mit dem zentralen Aufgabengebiet Sturmzentrum leistet.

Bislang hat der Torjäger in seiner Zeit beim FC Bayern nur eine Handvoll Spiele wegen kleinerer Blessuren verpasst. Mehr als eine Partie am Stück fehlte er nie. Darum wagen sie beim Rekordmeister das Risiko. "Da muss man nicht unbedingt noch irgendeinen zweiten großen Mittelstürmer in der Hinterhand haben", sagt Klubvorstand Karl-Heinz Rummenigge. Die Rechnung geht auf, jedenfalls solange sich die polnische Tormaschine keinen Produktionsausfall leistet - oder aber Thomas Müller wieder trifft. Davon ist er an diesem Mittwochabend jedoch einmal mehr meilenwert entfernt. Ancelotti hält ihn in den wichtigen Spielen immer häufiger für verzichtbar, ganz anders als Robert Lewandowski.

Quelle: ntv.de