Fußball

Gefährliche Selbstzufriedenheit Löw trotzt Frankreichs Warnsignalen

15 Spiele in diesem Jahr, kein einziges verliert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Das entspannt den Bundestrainer extrem. Dabei gibt es durchaus einen Grund zur Sorge. Und der heißt Frankreich.

Als auf der Pressekonferenz nach dem letzten Länderspiel des Jahres eigentlich alles gesagt ist, übernimmt DFB-Pressesprecher Jens Grittner noch einmal. Er fragt den Bundestrainer, ob er den Journalisten zum Jahresende noch etwas mit auf den Weg geben möchte. Joachim Löw stutzt kurz, dann lächelt er mit großer Selbstzufriedenheit und sagt: "Ein friedliches Fest, Gesundheit und bitte keine Nervosität in irgendeiner Form." Von der hat sich Deutschlands oberster Fußballlehrer selbst längst befreit, wie er in einem langen Monolog nach dem 2:2 (0:1) seiner DFB-Elf an diesem Dienstagabend gegen Frankreich in Köln referierte. "Ich bin absolut entspannt. Nach diesem Jahr sowieso." Denn es war dank des Last-Minute-Treffers von Lars Stindl (90.+3) und Toren von Timo Werner (56. zum 1:1) sowie Alexandre Lacazette (34. und 71.) das erfolgreichste Länderspieljahr seit 1997 für den DFB.

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Läuft bei Joachim Löw: Unter seiner Regie ist das DFB-Team nunmehr seit 21 Spielen in Serie ungeschlagen.

(Foto: dpa)

Das allerdings hat für den Bundestrainer keine Priorität - auch wenn es ihm natürlich ein "gutes Gefühl" gibt. So sagt er jedenfalls. Löw hatte sich und seiner Mannschaft ja öffentlichkeitswirksam Erkenntnisse statt Ergebnisse für den Jahresend-Doppelpack gegen England am Freitag und nun eben die Franzosen verordnet. Er hatte sogar Fehler eingefordert. Fehler, aus denen man lernen könne. So wie er selbst immer und immer wieder gelernt hat. Zum Beispiel aus dem EM-Halbfinale 2012 gegen Italien, als er sich zu sehr am Gegner orientierte, so Teile des erfolgreichen deutschen Spiels opferte und mit 1:2 verlor. Diese Stärke des Lernens betont er nun wieder. Aber er mischt sie mit seiner gefährlichen Überzeugung, auf alles vorbereitet zu sein, für alle Eventualitäten einen Plan zu haben. So unerschütterlich kann er im Sommer kommenden Jahres bei der Weltmeisterschaft in Russland nur erneut am Titel gemessen werden.

Arroganz des Seriensiegers?

Aber Löw ist clever genug, sich nicht der Arroganz des Seriensiegers hinzugeben. Auch wenn er um die "gute Basis" weiß, "die wir uns in den vergangenen Jahren erarbeitet haben. Wir wissen was wir können, aber wir müssen uns auch ein bisschen weiterentwickeln." Zumal er ja wissen müsste, dass im Fußball eben nicht alles planbar ist und der Zufall durchaus eine Rolle spielt. Der Bundestrainer aber tut sich schwer, das anzuerkennen.

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Nach der bisher letzten Niederlage seines Teams, dem 0:2 im Halbfinale der EM 2016 gegen eben jene Franzosen, wirkte er nach dem Spiel so, als habe ihn das Schicksal persönlich beleidigt. Er beharrte darauf, dass seine Mannschaft die bessere gewesen sei - und vergaß darüber, dem Sieger zu gratulieren: "Die Franzosen waren fast ängstlich, weil wir so dominant waren", hatte er an diesem 7. Juli gesagt und war dabei verdammt nahe an der Grenze zur Überheblichkeit balanciert. Nun in Köln konstatierte er, er habe bei großen Turnieren schon zu viel erlebt, als dass ihn noch irgendetwas aus der Ruhe bringen könne. Diese, seine Erfahrung sei ein durchaus großer Vorteil. Was aber natürlich nicht heißen solle, dass er und seine Spieler nichts mehr lernen könnten. Zum Beispiel beim Umschaltspiel. Das nämlich machte Löw zum Kernthema seiner akademischen Entwicklungsarbeit. Das hatte er nach dem 0:0 in London zunächst einigermaßen heftig kritisiert - und lobte es nun nach der Partie gegen Frankreich. Vor allem in der zweiten Halbzeit habe ihm das schon ausgesprochen gut gefallen. Nur so könne es gegen starke Mannschaften gehen: "Die Räume, die man in kurzen Phasen des Spiels hat, muss man dann auch nutzen." Und: "Wenn wir das gut machen, sind wir nach vorne kaum zu bremsen."

Mentale Stärke? Können die Franzosen auch

Dabei adaptierte seine Mannschaft das zuvor 45 Minuten erlebte. Denn die Gäste mit ihrer Vollsprintoffensive um Kylian Mbappé, Anthony Martial und Doppeltorschütze Lacazette beeindruckten mit einer gut funktionierenden Spielidee, mit Tempo und Entschlossenheit - nicht aber mit Effektivität, was man aber auch dem wirklich starken DFB-Torhüter Kevin Trapp anrechnen muss. Mindestens vier Mal musste der Paris-Ersatzmann spektakulär eingreifen, um Einschläge nach französischem Tempospiel zu verhindern. Und es hätten noch einige Paraden mehr sein können, wenn sich die Spieler der personell noch längst nicht in Topbesetzung - Paul Pogba, Ousmane Dembélé, Dimitri Payet, Thomas Lemar und Hugo Lloris fehlten verletzt - spielenden Équipe Tricolore nicht mitunter selbst im Weg gestanden hätten, wie beispielsweise Martial und Mbappé bei einem Konter allein gegen Niklas Süle nach einer knappen halben Stunde, oder aber im Abschluss heftig geschludert hätten - erneut Mbappé.

So attestierte Löw den Franzosen nach den immer mal wieder angedeuteten Wuchtproben, nun einer der Topfavoriten auf den WM-Titel im kommenden Jahr zu sein. Seine Mannschaft sei ja in der Kölner Besetzung auch nicht eingespielt gewesen. Die Franzosen waren das allerdings aufgrund der skizzierten Personallage ebenfalls nicht. "Du brauchst bei so einem Turnier vor allem mentale Stärke und psychische Robustheit", sagte der Bundestrainer noch. Auch das spreche für sein Team. Die jungen Franzosen, die allesamt bei europäischen Topklubs ihr Geld verdienen, machten indes ebenfalls nicht den Eindruck, als ließen sie sich durch allzu viel beeindrucken. Was Löw nicht davon abhielt, ganz schnell wieder in den Modus der gefährlichen Selbstzufriedenheit zu switchen: "Sorgen? Warum soll ich mir Sorgen machen? Gedanken, die mache ich mir schon, klar." Aber es sei doch so: "Wir agieren fußballerisch auf ganz hohem Niveau." Nervös wirkte er wirklich nicht.

Quelle: n-tv.de

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