Fußball

Und Schürrles Mama kriegt den Ball Löws vogelwilde Spaßfußballer drehen frei

3ejz0609.jpg2947461589549824138.jpg

Die deutschen Torschützen unter sich: Mario Götze, André Schürrle und Mesut Özil.

(Foto: dpa)

Immer wenns für die DFB-Elf gegen Schweden geht, gibts ein Spektakel. Wieder fallen acht Tore, nur dieses Mal mit dem besseren Ende für die Deutschen. Während Bastian Schweinsteiger sich ganz auf sein Jubiläum konzentriert, glänzt André Schürrle mit drei Toren - und einer verwegenen Ansage.

Schweden - Deutschland 3:5 (2:1)

Tore: 1:0 Hysen (6.), 2:0 Kacaniklic (42.), 2:1 Özil (45.), 2:2  Götze (53.), 2:3 Schürrle (57.), 2:4 Schürrle (66.), 3:4 Hysen (69.), 3:5 Schürrle (76.)

Schweden: Wiland - Bengtsson, Nilsson, Antonsson, Martin Olsson - Elm (58. Svensson), Källström - Larsson, Kacaniklic (73. Durmaz) - Toivonen (84. Wernbloom), Hysen
Deutschland: Neuer - Lahm, Boateng, Hummels, Jansen - Schweinsteiger, Kroos - Thomas Müller (46. Götze), Özil (82. Draxler), Schürrle - Kruse (75. Höwedes)

Referee: Collum (Schottland) Zus.: 49.251

Jubilar Bastians Schweinsteiger fands irgendwie seltsam, und auch der Bundestrainer wirkte nicht restlos begeistert, als er konstatierte: "Wir haben gege n Schweden wieder ein relativ spektakuläres Spiel gesehen." Wobei er sich das relativ getrost hätte sparen können. Mit 5:3 (1:2) gewann die deutsche Fußball-Nationalelf ihr abschließendes WM-Qualifikationsspiel vor 49.251 Zuschauern in Stockholm und feierte ihren achten Sieg in der neunten Partie. Nach dem bizarren 4:4 im Hinspiel vor einem Jahr, als der DFB-Elf eine 4:0-Führung nicht zum Sieg reichte, boten beide Mannschaften ein vogelwildes Fußballspiel mit wiederum acht Toren und höchstem Unterhaltungswert.

Die Sache mit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Brasilien war schon vor der Partie in Sack und Tüten, auch die Gastgeber hatten sich bereits Platz zwei in dieser Gruppe C und damit die Teilnahme an zwei Relegationsspielen gesichert. Was solls, mögen sich die Spieler gedacht haben, drehen wir mal frei, kommt eh nicht drauf an. Wobei die Schweden die Sache wesentlich durchdachter angingen, indem Tobias Hysén und Alexander Kacaniklic die einzigen beiden Torchancen in der ersten Halbzeit optimal nutzten. Die Deutschen hingegen ließen sich zweimal so prima ausspielen, dass der Verdacht aufkam, sie hätten sich vorgenommen, die Schweden diesmal mit 4:0 in Führung gehen zu lassen. Doch Geburtstagskind Mesut Özil durchkreuzte den Plan noch vor der Pause.

Hinterher behaupteten Schweinsteiger und Löw nahezu unisono, sie hätten zur Halbzeit in der Kabine "gespürt, dass wir das Spiel noch drehen werden". Taten sie jedenfalls, und zwar in imposanter Manier, als hätten sie mal eben beschlossen, jetzt mal ernst zu machen, um bloß nicht die Mannschaft zu sein, die erstmals in der Geschichte des DFB ein Auswärtsspiel in der WM-Qualifikation verliert. Mario Götze besorgte den Ausgleich, bevor André Schürrle dreimal traf. Und obwohl wieder Hysén für die Schweden zwischendurch auf 3:4 verkürzten, gabs keine ernsthaften Zweifel am Sieg einer letztlich dominanten DFB-Elf, die den Vergleich in der Summe mit 9:7 gewann. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

imago_sp_101522400101_14780131.jpg5932928680176298238.jpg

Undankbares Spiel für Manuel Neuer.

(Foto: imago sportfotodienst)

Manuel Neuer: Nachdem nun unglaubliche drei Spiele lang die Null gestanden hatte, kassierte der 27 Jahre Schlussmann in seinem 43. Länderspiel die Treffer gleich im Dreierpack. Der Münchner erlebte sein persönliches Déjà-vu gegen die schwedischen Effizienzmeister: Die ersten drei Schüsse auf sein Tor waren drin. Und er ebenso macht- wie schuldlos. Zweimal durfte er immerhin parieren, mehr gabs nicht zu tun in der muckelig warmen Turnhalle im Vorort Solna - das Dach der Friends Arena war geschlossen. Zu allem Überfluss bekam er einen hart geschossenen Freistoß des schwedischen Kapitäns Sebastian Larsson auf die Nase, was höllisch wehgetan haben muss. Alles in allem: ein gebrauchter Abend. Er wird sich gut überlegen, ob er nicht bei der nächsten Partie gegen Schweden lieber absagt.

Philipp Lahm: Wie haben ja mal behauptet, dass der Kapitän selbst dann, wenn er nicht seine beste Leistung zeigt, immer noch gut ist. In seinem 103. Länderspiel, mit dem er nun in der Bestenliste Franz Beckenbauer eingeholt hat, war der 29 Jahre alte Münchner ein guter rechter Außenverteidiger. Auch wenn er sich gar ein Foulspiel und einige Fehlpässe leistete - was bei ihm besonders auffällt, weil es so selten vorkommt. Seine Flanken kamen auch nicht immer an. Sein Fazit bezog sich dann aber auf die ganze Mannschaft: "Es ist nicht nur defensiv, sondern auch offensiv noch ein bisschen zu tun." Spielte in der letzten Viertelstunde, nachdem der Schalker Benedikt Höwedes ins Spiel gekommen war, auf der Sechserposition im defensiven Mittelfeld - wie daheim beim FC Bayern unter Josep Guardiola. Nun fragen sich alle: Testet der Bundestrainer diese Variante demnächst mal über 90 Minuten? Vielleicht beim Testspiel am 15. November in Mailand gegen Italien?

imago_sp_101523400005_14780637.jpg7139532104693907111.jpg

Jérome Boatengs Stellungsspiel ist noch verbesserungswürdig.

(Foto: imago sportfotodienst)

Jérome Boateng: Der 25 Jahre alte Münchner war in sei nem 34. Länderspiel zweitbester deutscher Innenverteidiger. Wenn es darum ging, den Ball diagonal nach vorne zu passen und so das Aufbauspiel anzukurbeln, war er besser als häufig zuvor. Ihm ist anzumerken, dass sein Selbstbewusstsein von Spiel zu Spiel wächst und er festen Willens ist, im nächsten Sommer als Stammspieler nach Brasilien zu fahren. Defensiv meist solide, wirkte er bei den Gegentoren allerdings unglücklich. Beim 0:1 ließ er den Schweden Hysén laufen, beim 0:2 stand er so weit vorne, dass Kacaniklic zu viel Platz hatte. Zudem spielte er mit Philipp Lahm auf Abseits - offenbar ohne den Kollegen Hummels zu informieren. Das mit dem Stammplatz könnte dennoch klappen.

Mats Hummels: Böse Zungen haben ja schon nach sechs Minuten drauf verwiesen, dass die deutsche Mannschaft zuvor ohne den 24 Jahre alten Dortmunder drei Spiele ohne Gegentor geblieben ist. Und kaum darf er wieder spielen, schlägt es wieder ein. Eine Koinzidenz, kein Kausalzusammenhang. Hummels zeigte in seinem 26. Länderspiel eine solide Leistung, gewann viele Zweikämpfe und Kopfballduelle. Er hätte sich nur bisweilen besser mit dem Kollegen Boateng abstimmen müssen. Aber da gehören immer zwei zu, was die gesamte Defensive betrifft sogar mehr. Was passiert, wenn Per Mertesacker wieder fit ist, der in Stockholm angeblich erkältet beim Aufwärmen einen durchaus fidelen Eindruck machte, weiß nur der Bundestrainer.

Marcell Jansen: Der 27 Jahre alte Linksverteidiger des Hamburger SV darf auch nach seinem 42. Länderspiel für sich reklamieren, einer der eifrigsten Spieler seiner Mannschaft zu sein. Und auch wenn der Dortmunder Marcel Schmelzer nach wie vor als erster Anwärter auf diese Position gilt - Jansen etabliert sich immer mehr als Alternative, auch für die WM. Hätte beim ersten Gegentor zusammen mit Bastian Schweinsteiger beherzter eingreifen können.  Überzeugte ansonsten aber nicht nur durch seinen Eifer, mit dem er die Außenlinie hoch und runter rannte, sondern auch, indem er den offensiven André Schürrle im Zusammenspiel prima unterstützte.

imago_sp_101521400028_14779894.jpg6441450264632143444.jpg

Mit akkuratem Scheitel zum 100. Länderspiel: Bastian Schweinsteiger.

(Foto: imago sportfotodienst)

Bastian Schweinsteiger: Der 29 Jahre alte Mittelfel dspieler des FC Bayern bekam als Einziger vor dem Spiel einen Blumenstrauß und lief als Einziger in einer langen Unterhose auf, obwohl es in Solna nun wirklich nicht kalt war. Durfte - oder musste? - hinterher zum wiederholten Male sagen, dass er sehr stolz darauf ist, nun exakt 100 Mal für die DFB-Elf gespielt zu haben. "Macht sehr viel Spaß, dabei zu sein." Da wollen wir ihm zur Feier des Jubiläums die Freude nicht verderben und allzu deutlich auf seine schwache Leistung als die defensivere Hälfte der Doppelsechs verweisen oder gar erwähnen, dass er an diesem Abend einer der Schlechteren seiner Mannschaft war. Er weiß es ja selbst: "Ich versuche, langsam wieder in die alte Form zu kommen. Ich weiß, dass ich noch arbeiten muss. Es ist aber gut, dass ich schmerzfrei laufen kann." Und sonst? "Es war ein bisschen komisch in der ersten Halbzeit, wir hatten das Spiel im Griff, und sie machen zwei Tore." Und überhaupt: "5:3 ist kein gutes Ergebnis, ein 2:0 ist mir lieber." Das sehen wir wiederum völlig anders.

Toni Kroos: Die 23 Jahre alte, aber nicht deswegen bessere Hälfte der Münchner Doppelsechs vor der Viererabwehrkette kam im 39. Länderspiel nicht dazu, ihre allseits gelobte, um nicht zu sagen überragende Schusstechnik unter Beweis zu stellen. Machte seine Sache vor allem im Spielaufbau aber gut, verteilte die Bälle, war der Vermittler zwischen Abwehr und Angriff.  Er hatte die Sache im Griff, wenn er auch nicht so überragte wie Ende vergangener Woche in Köln beim 3:0 gegen Irland. Und auch wenn er nach der Pause etwas abtauchte, darf sich die Vorlage zum 5:3 zugute schreiben.

imago_sp_101522400105_14780135.jpg635495634290720677.jpg

Thomas Müller hat schon bessere Länderspiele gemacht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Thomas Müller: Der 24 Jahre Münchner musste in seiner 46. Partie für die DFB-Elf auf der rechten Außenbahn zur Pause raus. Und da der drei Jahre jüngere Vereinskollege Mario Götze prompt den Ausgleich erzielte und nach längerer Verletzungspause auch sonst in seinem immerhin schon 24. Länderspiel zeigte, dass er weit mehr drauf hat, als für seinen persönlichen Sponsor unlautere Werbung zu machen, lässt sich erahnen, dass die nicht der Abend des Thomas Müller war. Dabei wäre er mit seiner unorthodoxen Spielweis prädestiniert gewesen für den Angriffswirbel in der zweiten Halbzeit. Immerhin traf er nach zwölf Minuten mit einem Kopfball aus scheinbar aussichtsloser Position die Latte des schwedischen Tores. Mehr aber auch nicht.

Mesut Özil: An seinem 25. Geburtstag durfte der Spielmacher des FC Arsenal in seinem 51. Länderspiel auch wieder in der Nationalelf auf der zentralen Position im Mittelfeld auflaufen. Und erwies sich, nachdem er nach einer halben Stunde den Zauderer von Öz gegeben und den Ausgleich vertändelt hatte, wieder einmal als der Mann für die besonderen Momente, indem er kurz vor der Pause mit seinem 17. Tor insgesamt und dem 8. in dieser Qualifikation den Anschlusstreffer erzielte. Nach der Pause legte er dem Kollegen Götze den Ausgleich auf und hatte danach wesentlichen Anteil an der sehr guten zweiten Halbzeit seines Teams. Nur das mit den Eckbällen könnte er bei Gelegenheit noch einmal üben. In der 82. Minute musste er angeschlagen vom Platz, für ihn kam der 20 Jahre alte Schalker Julian Draxler ins Spiel, sein neunter Einsatz für die DFB-Elf - und das in einem Stadion, das der Schalker Arena schon sehr ähnlich ist.

André Schürrle: Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler wurde originellerweise zum Mann des Spiels gewählt. War in seiner 28. Partie für Deutschland so glücklich über seinen Länderspieltore Nummer neun, zehn und elf, dass er sich zu der verwegenen Ankündigung verstieg: "Vielleicht gebe ich den Ball meiner Mutter." War aber so brav, sein Licht unter den Scheffel zu stellen: "Aber wichtig war, dass wir zum Abschluss gewonnen haben." Dafür war Joachim Löw äußerst angetan. Am meisten davon, dass Schürrle das tat, was der Bundestrainer ihm nahegelegt hatte: mehr Zug zum Tor zu entwickeln. "Der Wechsel zu Chelsea hat ihm sicher gutgetan." Dort habe er sich "angewöhnt, in den Zweikämpfen körperliche Robustheit zuzulegen". Kurzum: Der Ex-Leverkusener hat gegen Irland und nun in Schweden mehrere Argumente im Kampf um den Platz im linken Mittelfeld geliefert. Auch bei der WM. Was wohl Lukas Podolski dazu sagt?

Max Kruse: Gegen Irland noch 82 Minuten auf der Bank, fand sich der 25 Jahre alte Angreifer der Borussia aus Mönchengladbach in seinem fünften Länderspiel zum zweiten Mal in der Startelf wieder und erlöste so Mesut Özil vom Fluch des falschen Neuners. Spielte wie ein echter Stürmer häufig mit dem Rücken zum gegnerischen Tor und verteilte die Bälle. Gab gleich dem Kollegen Özil die Vorlage zum 1:2, leitete auch  das 2:2 ein. Insgesamt eine sehr ordentliche Leistung, da er einer ist, der sich gerne am Kurzpasswirbel beteiligt. Das nützt ihm zwar nichts, wenn Miroslav Klose und Mario Gomez wieder dabei sind. Aber Kruse kann sich schon einmal mit dem Gedanken anfreunden, im nächsten Sommer mit im Flieger nach Rio zu sitzen. Eine Viertelstunde vor dem Ende der Partie wurde er für den Schalker Benedikt Höwedes ausgewechselt, der in seinem 16. Länderspiel als rechter Verteidiger dafür sorgen sollte, dass es nicht wieder ein 4:4 gibt. Und damit eine Kettenreaktion auslöste: Lahm rückte auf Schweinsteigers Position der defensiven Sechs, Schweinsteiger auf die Kroos'sche offensive Sechs, Kroos auf Özils Spielmacherstelle und Özil auf Kruses Platz, der ja rausgegangen war.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen