Fußball

Rutemöller zum 75. Geburtstag "Machet Otze!" - und wie es dazu kam

imago22465544h.jpg

Der eine, Rutemöller, beerbte den andere, Daum. Sie sprachen anschließend trotzdem miteinander.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Zur Saison 1990/91 beerbt Erich Rutemöller beim 1. FC Köln quasi über Nacht den Lautsprecher der Liga, Christoph Daum. Nach einem Jahr ist das große Abenteuer Fußball-Bundesliga für ihn dann schon wieder beendet. Und dennoch ist er bis heute unvergessen.

"Wir brauchen keinen Rudi Völler, wir haben Erich Rutemöller", sangen sie in den 80er-Jahren beim Bonner SC in der Oberliga Nordrhein. Von 1984 bis 1989 trainierte der aus Recke im Norden der westfälischen Region Tecklenburger Land stammende Rutemöller den damaligen Hauptstadtklub. Fußballerische Diaspora. Und genauso stellte sich der Alltag dar: Beschaulich und unaufgeregt verliefen die Tage.

Ein Jahr später war für Erich Rutemöller nichts mehr so, wie es einmal war. Er hatte quasi über Nacht den Vizemeister der Saison 1989/90 übernommen: 1. FC Köln. Große, weite Fußballwelt. Bundesliga und Europapokal. Und: Er hatte den Lautsprecher der Liga beerbt. Christoph Daum. Dieser war den FC-Verantwortlichen offensichtlich zu mächtig geworden. Seine Entlassung traf Daum "wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel".

Und auch die Fans hatte das Führungsgremium um den Präsidenten Dietmar Artzinger-Bolten kalt erwischt. Die Anhänger des FC hatten sich nach der zweiten Vizemeisterschaft in Folge trotz des Abgangs von Thomas Häßler große Hoffnungen für die kommende Saison gemacht. Und einer der wesentlichen Gründe für diese gesteigerte Erwartungshaltung war der Trainer gewesen. Der Rebell Christoph Daum, der es gewagt hatte, sich mit dem Alphatier der Bundesliga, Uli Hoeneß, anzulegen. Doch der war nun nicht mehr da.

Schwere Verletzungen zum Trainerstart

imago00938682h.jpg

Littbarski war für Köln unheimlich wichtig.

Stattdessen hatten die Verantwortlichen einen komplett Namenlosen ans Ruder gelassen. Die Stimmung war bereits im Keller, bevor auch nur ein einziger Ball in dieser Spielzeit geschossen worden war. Und dann verletzten sich auch noch die Führungsspieler Pierre Littbarski und Paul Steiner so schwer, dass sie monatelang ausfielen. Es gibt wahrhaft angenehmere Voraussetzungen für den persönlichen Start in eine verheißungsvolle Zukunft.

Im Rückblick kann man wohl sagen, dass Erich Rutemöller möglicherweise, wie es immer so schön heißt, einfach zu weich und zu emotional für das knallharte Bundesligageschäft gewesen ist. Als nach durchwachsenem Start in die Saison sich Pierre Littbarski kurz vor dem fünften Spieltag das Kreuzband riss, erzählte Rutemöller hinterher sichtlich bewegt: "Vor dem Spiel gegen Wattenscheid standen wir unter Druck. Ich lag nachts um ein Uhr in meinem Hotelbett. Da klingelte das Telefon. Litti war dran. Gerade mal 60 Minuten nach seiner zweistündigen Operation. Er wünschte mir viel Glück fürs Spiel. Da hatte ich Tränen in den Augen und wusste: In dieser Mannschaft bin ich zu Hause!"

"Gespenst Udo Lattek"

Als eines der ersten Magazine hielt "Der Spiegel" damals die besondere Art Rutemöllers in einem Artikel fest: "Die Kicker sind ihm derart ans Herz gewachsen, dass der Trainer von den Herren Pierre Littbarski, Frank Ordenewitz und Maurice Banach spricht wie ein Hobbyzüchter über seine besten Stallhasen: 'Der Litti, der Otze und der Mucki.'" Rutemöller war hörbar anders. Plötzlich erklangen ungewohnte, weiche Töne in der Liga. Eine Sprache und Herangehensweise, die im harten Kontrast zu seinem Vorgänger beim FC stand. Und dieser ließ zudem keine Gelegenheit aus, um gegen den neuen Trainer zu sticheln. Schon im September verkündete Christoph Daum im auflagenstarken "Fussball-Magazin": "Vielleicht erfolgt eine Rückkehr nach Köln ja schneller, als es so mancher im Augenblick wahrhaben will." Ein Satz mit Knalleffekt. Und er verfehlte seine Wirkung nicht.

Am Ende der Saison landete der 1. FC Köln auf dem siebten Tabellenplatz. Die Mannschaft hatte in einem enttäuschenden Ligafinale die Qualifikation für den Uefa-Pokal verspielt. Zu Hause hatte es gegen den neuen deutschen Meister, 1. FC Kaiserslautern, eine 2:6-Klatsche gegeben. Das "Gespenst Udo Lattek", der als Sportdirektor und (ehemaliger) Daum-Freund, Rutemöller weitgehend die Unterstützung in schwierigen Situationen versagt hatte, spukte lautstark durch das Müngersdorfer Stadion. Später meinte Rutemöller einmal: "Manchmal erscheint mir Udo Lattek im Traum. Dann rutscht mir die Hand aus." Und so musste schon kurz nach dem Start in die neue Saison der Mann aus dem beschaulichen Reck im Tecklenburger Land den 1. FC Köln wieder verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war auch seine Ehe am turbulenten Bundesligaalltag zerbrochen. Ein hoher Preis, den Rutemöller in diesen Tagen für seinen Ausflug in die große, weite Fußballwelt bezahlen musste.

"Machet Otze!"

imago25654047h.jpg

Rutemöller - ein "ausgezeichneter Fachmann".

(Foto: imago images/WEREK)

Dass es damals so schnell wieder vorbei war beim FC, hatte allerdings noch einen anderen Grund als die sportlich eher enttäuschenden Ergebnisse. Und diese Geschichte kennt eigentlich jeder Fan, der sich jemals ein wenig mit der Historie des deutschen Fußballs beschäftigt hat. Sie ist so typisch für den Trainer und Menschen Erich Rutemöller wie keine andere. Im Halbfinale des DFB-Pokals hatte sein Spieler Frank Ordenewitz damals die zweite Gelbe Karte kassiert. Da er nun für das Finale gesperrt gewesen wäre, heckten Rutemöller und Ordenewitz folgenden Plan aus: Der Spieler sollte sich eine weitere Karte und damit die Gelb-Rote abholen. Somit hätte er seine Sperre im folgenden Bundesligaspiel absitzen können. Gesagt, getan. Doch dann kam dieser besondere Typ und Mensch Erich Rutemöller dazwischen. Vor laufenden Kameras plauderte er freimütig die ganze Geschichte aus. Sie gipfelte in dem mittlerweile längst legendären Satz: "Machet Otze!"

Der DFB konnte in der Folge gar nicht anders reagieren, als Frank Ordenewitz zu sperren und Erich Rutemöller eine Geldstrafe aufzubrummen. Zu allem Überfluss ging anschließend das Finale gegen Werder Bremen auch noch verloren. Nach einem weiteren kurzen Abstecher in das Rampenlicht des Profifußballs bei Hansa Rostock wechselte Rutemöller in die zweite Reihe und arbeitete viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen sehr erfolgreich beim DFB. Denn eine Sache hatte sein Widersacher in den Anfangstagen beim FC auch gesagt. Christoph Daum hatte Rutemöller als "ausgezeichneten Fachmann" bezeichnet. Das war und ist er ohne Frage. Und das wussten sie in den 80er-Jahren auch schon beim Bonner SC zu schätzen. Heute feiert Erich Rutemöller seinen 75. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch alles Gute und Glück auf!

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs" bei Amazon bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour

Quelle: ntv.de