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Trainer hat Liverpool entfesselt Millimeter fehlen Klopp zur perfekten Saison

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Jürgen Klopp macht sehr viel richtig in dieser Saison, perfekt wird sie aber nicht.

(Foto: imago images / Action Plus)

Jürgen Klopp leistet beim FC Liverpool Erstaunliches. Er entfesselt den Verein und führt ihn zu seiner besten Saison überhaupt. Am Ende steht aber vorerst eine Enttäuschung. In der kommenden Spielzeit soll ein neuer Angriff auf den Meistertitel unternommen werden.

Es war klar gewesen, dass der Nachmittag eher in einer Enttäuschung  enden würde als mit dem nächsten Fußball-Wunder, auch ihm, auch Jürgen Klopp. Trotzdem hatte er Probleme, seine Emotionen zu sortieren, als das Wunder wie im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona ausgeblieben und die Enttäuschung tatsächlich eingetreten war. Wie er sich fühle, wurde der Trainer gefragt nach dem 2:0 seines FC Liverpool im abschließenden Ligaspiel gegen die Wolverhampton Wanderers, das nicht zum Titel gereicht hatte, weil Manchester City, der alte und neue Meister, wie erwartet bei Brighton & Hove Albion gewonnen hatte. "Gemischt", antwortete Klopp.

Natürlich, sein Team habe "eine unglaubliche Saison" absolviert, sagte er. Würde es "einen Preis für den größten Entwicklungssprung" geben, dann hätte ihn seiner Meinung nach der FC Liverpool verdient. Doch das konnte nichts daran ändern, dass sich der Moment schlecht anfühlte, in dem klar war, dass das Warten auf die erlösende erste Meisterschaft seit fast drei Jahrzehnten weitergeht: "Wenn man etwas wirklich will, dann fühlt man auch die Enttäuschung", sagte Klopp. Wenn man etwas will – und nicht bekommt.

Diese Saison fast alles richtig gemacht

Normalerweise wird nach Gründen gesucht, warum es nicht gereicht hat, nach Gründen des Scheiterns. Als Liverpool dem Titel 2014 zum bislang letzten Mal nahegekommen war, lieferte der Ausrutscher von Kapitän Steven Gerrard das ideale Symbolbild. Für Liverpools 1:3-Niederlage im Finale der Champions League gegen Real Madrid vor einem Jahr waren vor allem die Fehler von Torwart Loris Karius verantwortlich. Am Ende des diesjährigen Titelrennens hat der Verein allerdings das Gefühl, fast alles richtig gemacht zu haben. Bei einem Gegner wie Manchester City müsse man "sehr, sehr nahe an der Perfektion" sein, um Meister zu werden, sagte Klopp. Seine Mannschaft war sehr, sehr nahe dran.

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Wie nahe, das zeigt das Zahlenmaterial: Liverpool holte 97 Punkte, so viele wie noch nie. Im Zeitalter der Premier League hätte das nur zweimal nicht zum Titel gereicht, nämlich in der vergangenen Saison und in dieser. Die Mannschaft hatte die beste Defensive mit den wenigsten Gegentoren und den meisten Zu-Null-Spielen. Sie kassierte nur eine Niederlage. Eine einzige. Anfang des Jahres, bei Manchester City. In dieser Partie gab es eine Szene, in der City-Verteidiger John Stones den Ball auf der Torlinie klärte. Elf Millimeter fehlten zum Treffer. Elf Millimeter fehlten zur Meisterschaft. Auch am Ende einer langen Saison fuhr Liverpool Sieg um Sieg ein. Das 2:0 gegen Wolverhampton war der neunte Erfolg hintereinander. Die Mannschaft ist nicht eingebrochen unter dem Druck, immer weiter gewinnen zu müssen.

"Nur Idioten sagen so etwas"

Es wäre fragwürdig, die Vizemeisterschaft als Scheitern zu werten. Der Titel wurde durch Manchester City gewonnen, nicht durch Liverpool verloren. Selbst für die englische Presse, die Trainer normalerweise  ausschließlich an Trophäen misst, hat Klopp Erstaunliches geleistet. Er selbst sprach vor ein paar Wochen davon, dass sich sicher ein paar "sehr schlaue Leute" finden würden, die ihm vorrechneten, in welchem Spiel sein Team die Meisterschaft verloren hätte: "Das ist Bullshit. Nur Idioten sagen so etwas." Doch vielleicht wird Klopp zumindest kurz an Leicester denken, wenn er die Saison reflektiert. Oder an West Ham. Oder an Manchester United. Oder an Everton. Mit Unentschieden gegen diese Teams verspielte Liverpool zwischen Ende Januar und Anfang März einen Siebenpunkte-Vorsprung an der Tabellenspitze.

Trotzdem hat Klopp geschafft, wofür er im Herbst 2015 engagiert wurde. Er hat einen in Lethargie erstarrten Klub wiederbelebt. Er hat den Verein entfesselt, wie beim jetzt schon legendären 4:0 gegen Barcelona in der vergangenen Woche am bislang beeindruckendsten zu sehen war. Er hat es geschafft, dass die Mannschaft so gut spielt wie vielleicht noch nie – und dass das Publikum an der Anfield Road so laut brüllt wie lange nicht. "Wir sind, was wir sind, weil wir zusammengekommen sind und alle unseren Teil beitragen", schrieb Klopp vor dem Spiel gegen Wolverhampton in der Stadionzeitung.

Und ganz vorbei ist die Saison ja noch nicht. Ein Spiel bleibt noch, das Finale der Champions League in Madrid gegen Tottenham Hotspur. Ein Sieg wäre für viele Liverpool-Fans zwar kein Ersatz für die heiß ersehnte Meisterschaft, aber er wäre der denkbar beste Trostpreis. Er würde den Fortschritt veredeln, den der Klub unter Klopp macht, und er würde unterstreichen, was der Trainer nach dem Spiel gegen Wolverhampton sagte, im Moment der Enttäuschung. Er sagte: "Jeder weiß, dass wir wieder angreifen werden, zu 100 Prozent." Es klang wie eine Warnung an Manchester City.

Quelle: n-tv.de

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