Fußball

Wiederaufbau des Oranje-Teams Neuer "Beckenbauer" soll Niederlande retten

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Frenkie de Jong spielt zurzeit noch für Ajax Amsterdam, aber Top-Klubs wie Barcelona und Bayern München sind am niederländischen Supertalent interessiert.

(Foto: imago/VI Images)

Einst galt die niederländische Nationalmannschaft als gefürchtet, die Jugendakademien als Edelschmieden. Doch nun kämpft Bondscoach Koeman gegen den fortschreitenden Niedergang. Viele Hoffnungen ruhen auf einem 21-jährigen Ausnahmetalent.

Die Niederlande schrammten im Weltmeisterschaftsfinale von 2010 zum dritten Mal in ihrer Geschichte am großen Triumph vorbei. Das Oranje-Team unterlag in der Verlängerung gegen Spanien und der langsame Niedergang begann. Diesen konnte auch Louis van Gaal vier Jahre später mit seinem ultradefensiven Fußball nicht aufhalten, auch wenn die Niederlande das Turnier mit einer Bronzemedaille beendeten. Die Generation um Robin van Persie, Arjen Robben und Wesley Sneijder näherte sich unaufhaltsam dem fußballerischen Rentenalter und vergleichbare Spieler dieser Klasse kamen nicht nach.

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So könnte die Elftal der Zukunft aussehen. Das aktuelle Alter in Klammern.

Heute ist Bondscoach Koeman damit beschäftigt, Wiederaufbauarbeit zu leisten. In einer solchen Situation befindet sich die stolze Fußballnation seit den 1970ern zum ersten Mal. In den 70ern zauberten Johan Cruyff und Johan Neeskens über die Spielfelder Europas. Auf die Cruyff’sche Generation folgten die Marco van Bastens und Ruud Gullits in den 1980ern, die Patrick Kluiverts und Clarence Seedorfs in den 1990ern und eben die van Persies und Sneijders im neuen Jahrtausend.

Nun heißen wichtige Schlüssel Georginio Wijnaldum und Memphis Depay, die bei all ihrer Klasse eben nicht das Format haben, ein Team in ein WM-Halbfinale zu führen - also genau dorthin, wo die Niederländer sich selbst eigentlich sehen. Koeman stellte bei seinem Amtsantritt im Frühjahr Vergleiche mit Island an. "Sie haben keine großartige individuelle Qualität, aber einen ordentlichen Kader beisammen, an zwei Turnieren in Folge teilgenommen und stärkere Gegner geschlagen. Wir müssen ein neues Team ohne Weltklassequalität aufbauen. Wir müssen Island für die nächsten zwei, drei oder vier Jahre sein", sagte Martin Wijffels, ein Journalist der niederländischen Tageszeitung "Algemeen Dagblad", damals zu Sky Sports.

Keine Spielgestalter mehr

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Bondscoach Ronald Koeman steht für den Glanz vergangener Tage.

(Foto: imago/VI Images)

Bei genauerem Hinsehen wirkt der Vergleich mit Island allerdings ungerechtfertigt. Denn die Jugendabteilungen von PSV und Ajax bringen seit Jahren wieder ein Top-Talent nach dem nächsten hervor. Mit Ajax erreichte beispielsweise Peter Bosz vor zwei Jahren das Finale der Europa League und empfahl sich für eine Anstellung bei Borussia Dortmund. Der erst 19-jährige Ajax-Kapitän Matthijs de Ligt gilt als eines der größten Innenverteidigertalente Europas. Sein Nebenmann Virgil van Dijk wechselte im letzten Winter für knapp 80 Millionen Euro zu Liverpool. Depay schoss für Olympique Lyon in der vergangenen Spielzeit der französischen Ligue Un Tore am Fließband.

Was den Niederländern allerdings fehlt, ist eine Kreativzentrale im Mittelfeld. Auch deshalb wählte van Gaal bei der WM 2014 einen derart destruktiven Ansatz. Er wusste, dass sein Team aus dem Spiel heraus wenig kreieren konnte. Das spielgestalterische Element fehlt bis heute. Auf Sneijder oder auch Rafael van der Vaart folgten Handwerker wie Wijnaldum, der bei Liverpool für Jürgen Klopp wichtige Arbeit im Mittelfeld verrichtet, aber eben nur selten das Ruder bei eigenem Ballbesitz übernimmt. Kevin Strootman hätte eventuell ein solcher Spielgestalter werden können, aber jener verbrachte die letzten Jahre vornehmlich in Krankenbetten und Rehazentren.

Neue Generation in den Startlöchern

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Dieses Kreativvakuum könnte schon bald ein neues Ausnahmetalent füllen. Die Rede ist von Frenkie de Jong, der ebenfalls für Ajax seine Stiefel schnürt und von Top-Klubs wie etwa Barcelona und Bayern München gejagt wird. De Jong ist ein ungewöhnlicher Spielertyp, eine Reminiszenz an den totaalvoetbal, den Totalen Fußball der 1970er, in welchem ständige Positionswechsel und fluide Formationen ein Hauptmerkmal des niederländischen Spielstils darstellten. Der 21-Jährige kann vom Innenverteidiger bis zum Zehner jede Position ausfüllen und mit seiner außergewöhnlichen Spielintelligenz auf jeder Position brillieren.

"Frenkie ist sehr ballsicher, kreativ, hat ein sauberes Passspiel. Für einen zentralen Spieler bringt er darüber hinaus ein enormes Tempo mit", berichtet beispielsweise Amin Younes, der mit de Jong bei Ajax zusammenspielte. Die niederländische Medienlandschaft jubelt bereits, dass mit de Jong die "Kreativität zurückkehrt". Im typischen 4-3-3 der Oranje wird er in nächster Zeit vor allem auf der Halbposition, der Acht, agieren und das Angriffsspiel vorantreiben. Für die Absicherung sind eher Wijnaldum oder Davy Pröpper zuständig.

Aufgrund seiner eleganten Ballführung und dem Vorwärtsdrang auch aus der Abwehrkette heraus werden sogar schon Vergleiche mit Franz Beckenbauer - dem großen Rivalen von Cruyff - angestellt. Die Niederlande hoffen auf einen neuen Superstar und de Jong könnte genau dieser werden. Gleichzeitig steht er symbolisch für die neue Ajax-Generation, zu welcher auch de Ligt und Justin Kluivert, der mittlerweile in Rom spielt und seinem Vater Patrick nacheifert, gehören.

Gefahr durch Konter für Deutschland

Doch diese Generation benötigt sicherlich noch etwas Zeit, bis sie den niederländischen Verbandsfußball zum Niveau vergangener Tage zurückführen kann. Bis dahin wird das Oranje-Team aber vor allem mit einem defensivorientierten und auf Sicherheit bedachten Fußball Vorlieb nehmen. Wer am heutigen Abend im Duell zwischen den Niederlanden und der deutschen Mannschaft (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) am dritten Spieltag der Nations League etwa mit einem Sturmlauf der Gastgeber rechnet, wird wohl rasch enttäuscht werden.

Deutschland muss versuchen, das Mittelfeld um Wijnaldum und de Jong zu durchbrechen und die eigene individuelle Überlegenheit auszuspielen. Dass die Niederländer gefährlich sind, bewiesen sie bei der knappen 1:2-Niederlage in Frankreich vor einigen Wochen. Das Tempo der Angriffsreihe um Depay kann bei Konterangriffen zum Tragen kommen - insbesondere gegen die weiterhin konteranfällige DFB-Auswahl. Gerade deshalb sind die Niederlande ein guter Gegner für Deutschland, das sich selbst in einer kleinen Umbruchphase befindet.

Aber im Vergleich zum westlichen Nachbarn ist das, was der deutsche Nationalmannschaftsfußball momentan durchlebt, noch harmlos. Deutschland kämpft um die Rückkehr an die Weltspitze, die Niederlande gegen das Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Quelle: n-tv.de

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