Fußball

Der Kampf gegen die Zweifler "Nikokovac" - das bayrische Reizwort

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Meister ist Niko Kovac schon. Pokalsieger kann er noch werden. Aber was kommt dann?

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Deutscher Meister ist der Trainer Niko Kovac nun. Pokalsieger kann er mit dem FC Bayern noch werden. Das sind gute Argumente für seine Arbeit. Für die gibt es aber auch am Ende einer äußerst kuriosen Saison keine öffentliche Wertschätzung.

Im fußballbayrischen Sprachgebrauch ist "Nikokovac" zu einem Reizwort geworden. Wann immer jemand "Nikokovac" sagt, zieht das zwangsläufig die Frage nach sich, ob der aktuelle Trainer des FC Bayern wirklich der richtige Trainer für diesen Verein ist. Eine Antwort sitzen die, die das zu entscheiden haben, zunehmend genervt aus. Entweder halten sie den Zeitpunkt, um darüber zu reden, für unangebracht, oder sie betonen, dass eine Jobgarantie für einen Protagonisten des Bereichs "sportliche Verantwortung" nicht zielführend sei. Für jeden Mitarbeiter beim FC Bayern, das betont der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sehr regelmäßig wenn er über Kovac redet, gelte das Prinzip der Leistung.

Nun hat der Trainer die Leistung vollbracht, Deutscher Meister zu werden. Den Pokalsieg kann's ebenfalls noch geben, am Samstag gegen RB Leipzig, in seiner Heimatstadt Berlin. Und das nach einer Saison, die mehr nennenswerte Ereignisse hervorbrachte als die vergangenen zehn Jahre in München: furioser Start, furioser Einbruch, Peinlichkeits-PK der Bosse, mosernde Spieler, Taktik-Kritik, überragende Aufholjagd, Titel - und eine nicht aufzuhaltende Trainerdebatte. Weder vom mächtigen Klubpräsidenten Uli Hoeneß, noch vom weniger mächtigen Sportdirektor Hasan Salihamidzic und erst recht nicht von Rummenigge. Das alles zehrt vor allem am Trainer. Der sagte kurz vor dem titelentscheidenden Bundesliga-Finale: "Ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, Mensch zu bleiben. Der Mensch ist schon eine sehr schwierige Spezies."

Und die hat sich in diesem (Fußball-)Jahr sehr schwer damit getan, die Erfolge des FC Bayern dem Trainer anzurechnen. Klare Siege wurden als Selbstverständlichkeit hingenommen, schwache Spiele dem Kroaten angekreidet. Selbst nach dem sehr beeindruckenden 5:0 in der Rückrunde gegen den damaligen Noch-Tabellenführer Borussia Dortmund gab's wenn überhaupt nur sehr leise Hymnen auf die Arbeit des 47-Jährigen. Was nach dieser, seiner ersten Saison in München dagegen hängenbleibt: eine zu defensive Taktik, keine dominante Spielidee, keine Flexibilität während eines Spiels. Alles auf tragische Weise in 90 Minuten verdichtet beim chancen- und mutlosen Champions-League-Aus im Achtelfinal-Rückspiel gegen Jürgen Klopp und seinen selbstbewussten FC Liverpool.

Bekenntnisse? Eiertanz!

Diese Indizienkette hatte vor dem letzten Bundesligaspieltag gar zu der Meldung geführt, dass das Aus von Kovac bereits beschlossene Sache sei. Ganz egal wie diese Saison endet. Nun, der FC Bayern hatte es sehr eilig, diese Meldung als "totale Ente" zu bezeichnen, wie Rummenigge es formulierte. Das Gegenteil hätte indes niemanden überrascht. Ein klares Bekenntnis zum Trainer, der noch einen Vertrag bis zum Ende Saison 2021 hat, waren die Aussagen nicht. Wieder einmal nicht. Ein verbaler Eiertanz auf Kosten des Trainers, den insbesondere Rummenigge bis zum letzten Pflichtspiel der Saison gnadenlos durchzieht.

Am Tag vor dem Finale sagte er bei einer "Bild"-Veranstaltung auf die simple Frage, ob Kovac auch in der kommenden Saison Coach bleibt: das sei eben nicht "mit Ja oder Nein" zu beantworten. Diese Frage entscheide sich auch keinesfalls nun im Berliner Olympiastadion, denn: "Es wäre verrückt, wenn man von einem Spiel die Zukunft abhängig macht. Das wäre absolut unverantwortlich." Um dann zu betonen, die Laufzeit des Kovac-Vertrages sei "von niemandem bei uns infrage gestellt" worden - obwohl sich beide Seiten nach der Saison natürlich zusammensetzen und die Spielzeit analysieren müssten.

Alle Fragen beantwortet? Natürlich nicht. Und deswegen behandelte auch jeder Text zu Comeback-Meisterschaft und Vielleicht-Double irgendwie das Thema "ausgelaugter Trainer." Ein Dauerthema, wie man es beim FC Bayern sehr lange nicht mehr hatte. Selbst im Herbst 2017 nicht, als erst Carlo Ancelotti daran verzweifelt war, dem Bayern-Team nach den Rücktritten von Xabi Alonso und Philipp Lahm ein neues stabiles Rückgrat zu implementieren - und dann der FC Bayern an Coach Carlo.

Die "elendigen Diskussionen"

Es ist ein Thema, was nicht nur am Trainer zehrt, sondern auch an der Mannschaft. Das hat Thomas Müller diese Woche erklärt. Ein Fußballer, der in dieser Saison mit Teilzeit-Reservistenrolle (inklusive Instagram-Wut-Posting seiner Frau) im Klub, Formkrisen und verordnetem Karriereende in der Nationalmannschaft selbst sehr zehrende Momente zu verarbeiten hatte. Im Interview mit dem Bezahlsender Sky sagte Müller, dass er von den "elendigen Diskussionen" um Kovac genervt sei. Diese würden ihn und die Mannschaft auch gar nicht interessieren. "Deshalb werde ich mich dazu nicht hinreißen lassen und noch Öl ins Feuer gießen."

Kovac habe in dieser Saison "auch außerhalb vom Trainingsplatz einen sehr harten Kampf zu kämpfen gehabt, den ich so noch nicht erlebt habe". Und dass die Spieler ihren Chef nach dem gewonnenen Titel nicht hatten hochleben lassen, deute nicht auf Spannungen hin, betonte Müller: Die Aufholjagd zur Meisterschaft sei ein Zeichen dafür, dass "das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gut ist". Die Stimmung sei sogar sehr gut. Und das würde sie bleiben, wenn die Münchner am Samstag im Berliner Olympiastadion das zwölfte Double der Vereinsgeschichte perfekt machen - das erste seit 2016 unter Josep Guardiola.

Und nur darum geht es, alles andere sei in diesem Moment "deplatziert", das betonte Kovac in Berlin. Reizworte? Dafür ist der Bayern-Coach zu höflich und zu professionell. "Lassen sie uns über den Fußball reden, der morgen wichtig ist. Alles andere ist sekundär."

Quelle: n-tv.de

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