Fußball

Pyrotechnik, Raketen und Randale in deutschen Stadien Null Chance für null Toleranz - redet lieber

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Die hässliche Seite des Fußballs: Dortunder Fans in Gelsenkirchen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die überwältigende Zahl der Zuschauer gehen ins Stadion, um Fußball zu sehen. Friedlich. Doch es gibt immer wieder Idioten, die nicht nur Pyrotechnik abbrennen, sondern auch Raketen auf Zuschauer schießen und randalieren. Doch null Toleranz ist keine Lösung.

Randale rund ums Revier-Derby, das Spiel in Dresden vor dem Abbruch, Schlägereien zwischen Fans eines Vereins untereinander - der deutsche Fußball kommt dieser Tage in Verruf. Schuld sind einige wenige Chaoten, die Sicherheitskräften und Vereinen auf der Nase herumtanzen. Die drohen mit Konsequenzen, doch dabei wird es größtenteils bleiben. Das Problem: Lösungsansätze sind nicht praktikabel oder zu teuer. Und jetzt? Müssen alle Beteiligte das machen, was sie vor Monaten verpasst haben. Sie müssen miteinander reden.

Arena auf Schalke, vergangenen Samstag, kurz vor halb vier: Rauchschwaden ziehen über den Gästeblock, vermummte Chaoten durchbrechen die Plexiglaswände. Sie feuern Leuchtraketen ab, auf das Spielfeld und auf die Tribüne, wo Eltern ihre weinenden Kinder trösten müssen. Auf dem Weg zum Stadion randalieren sie in Bussen und Bahnen, im Stadion versuchen Fans, gegnerische Blöcke zu stürmen. Es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist, sagt später ein Polizeisprecher. Der Verein schäme sich für diese Chaoten, lässt Borussia Dortmund verlauten.

Auch wenn die überwältigende Mehrheit der Zuschauer in den Stadien friedlich ist: Dass im deutschen Fußball etwas schief läuft, ist nicht neu. Pyrotechnik gehört zur Fan-Kultur, sagen die Ultras, wie sich die organisierten, fanatischen Anhänger der Vereine nennen. Sie wollen farbenfrohe Kurven, was prinzipiell nicht verkehrt ist - solange niemand zu Schaden kommt. Aber: "Wenn Raketen in Zuschauerränge geschossen werden, hat das mit Fan-Kultur nichts zu tun - das ist reine Selbstdarstellung. Wir werden mit null Toleranz vorgehen und durchgreifen", kündigte Dortmunds Manager Michael Zorc an.

Nackt ausziehen? Das ist menschenunwürdig

Wenn das allerdings so einfach wäre, längst müssten wir diese Bilder nicht immer wieder sehen. Es besteht faktisch null Chance für null Toleranz. Weil sich die Täter vermummen, wird man sie nicht ausfindig machen. Lauthals angekündigte Stadionverbote sind nicht mehr als ein Wunschgedanke. Zu verhindern, dass Pyromaterial in die Stadien geschleust wird, ebenso. Das Pulver wird in Behälter verstaut, die nicht größer als ein kleiner Finger sind. Es muss sich etwas grundlegend ändern, denn diese Spezies an Unverbesserlichen wird nicht aussterben, ganz egal, ob man 20 oder 200 von ihnen wegsperrt.

Was also tun, damit Bilder wie vom Revier-Derby oder den Zweitliga-Spielen zwischen Dresden und Cottbus sowie zwischen Bochum und Kaiserslautern, als es im Gäste-Block lichterloh brannte, der Vergangenheit angehören? Spürhunde für Pyrotechnik oder Nacktscanner sind angedacht, werden aus Kostengründen aber abgelehnt. Bei einigen Risikospielen gab es schon Ganzleibesvisitationen. Fans müssen sich dabei komplett ausziehen und jede Körperöffnung preisgeben. Daraufhin folgte ein Aufschrei in der Fan-Szene; völlig zu Recht, denn das ist menschenunwürdig.

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Nahe am Spielabbruch: Cottbusser Chaoten in Dresden.

(Foto: imago sportfotodienst)

Nicht wenige Sicherheitsexperten werfen die Idee auf, die Stehplätz ab zuschaffen. Aber löst diese Maßnahme das Problem? Ob ich eine Leuchtrakete von einem Sitz- oder einem Stehplatz abschieße, ist im Ergebnis egal. Einzige Hoffnung wäre, dass steigende Ticketpreise die Chaoten von den Stadien fernhalten. Darunter leidet aber auch der normale Fan, der zum Fußball geht, um Fußball zu schauen und nicht, um Randale zu machen. Es wäre schade, wenn es so weit kommt, ist aber schon längst nicht mehr auszuschließen, wenn man den Verantwortlichen vom DFB genau zuhört.

Um den Grund für die Entwicklung in Sachen Pyrotechnik zu verstehen, muss man zurückblicken: Es ist mehr als zwei Jahre her, da saßen Vereine, Fan-Organisationen und die DFL zusammen, um darüber zu sprechen, ob und wie man Pyrotechnik legalisieren könnte. Im November 2011 gaben die DFL und der DFB eine Pressemitteilung heraus. "DFB und Ligaverband beenden Diskussion um Pyrotechnik", hieß es nach ergebnislosen Gesprächen - ein Schlag ins Gesicht der Ultra-Gruppen, für die es, zumindest zum Teil, um nichts anderes mehr geht, als einen albernen Rachefeldzug zu führen. Es wird immer extremer und das Wochenende zeigt die Entwicklung: Die Holzköpfe gefährden damit nicht nur sich selbst, sondern immer wieder Unbeteiligte. Damit muss Schluss sein!

Nehmt euch ein Beispiel an unseren Nachbarn!

Die Ultras dürfen allerdings nicht generell verurteilt werden, denn ihre eigentlich friedlich gedachte Bewegung ist längst zur Anlaufstelle für Menschen geworden, denen an Fußball nichts liegt. Nicht nur in Dortmund hat man Probleme damit, dass Rechtsradikale diese Gruppen unterwandern, um Randale zu machen, und die Ultras dadurch in Verruf bringen. Wehren sie sich dagegen, bleibt das nicht folgenlos: Vor zwei Wochen wurden linksorientierte Duisburger Ultras sogar von MSV-Hooligans attackiert. Anhänger der gleichen Vereine gehen aufeinander los - welch ein Irrsinn im Quadrat. Hier sind Fan-Projekte und Polizei gefragt, die den Chaoten in Zusammenarbeit das Handwerk legen und sie zur Vernunft bringen müssen.

Das kategorische Nein zum Abbrennen von bengalischen Feuern und die Null-Toleranz-Haltung wird aber genauso wenig bringen wie Stadionverbote, Spürhunde oder Nacktscanner. Der Dialog muss endlich wieder aufgenommen werden. Dabei sind Fan-Projekte in der Verantwortung, dabei müssen aber auch Vereine und die DFL zum Einlenken bereit sein und sich Beispiele wie in Norwegen, der Schweiz oder Österreich vor Augen führen. Dort ist das "kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik" erlaubt.

Vereine stellen bei ihrem Verband einen Antrag, übernehmen zudem die Haftung. Eigenverantwortung ist hier das Zauberwort. Es wird sichergestellt, in welchem Zeitraum und in welchem Ausmaß gezündelt werden darf. In Österreich hat das Konzept Erfolg: Durch die Regelung sind Verstöße gegen das 2010 eingeführte Pyrotechnik-Gesetz in der ersten Spielzeit um 84 Prozent zurückgegangen.

Sollten sich die jeweiligen Vertreter auf ein ähnliches Modell einigen können, wäre ein erster Schritt getan, doch dazu müssen die Gespräche endlich wieder aufgenommen werden. Ansonsten drohen dem deutschen Fußball vielleicht bald ähnliche Zustände wie in Frankreich. Dort ist allen Fans von Olympique Lyon aus Sicherheitsgründen jetzt verboten worden, zum brisanten Derby beim Erzrivalen AS Saint-Etienne zu reisen - es ist der letzte Schritt, um Gewalt und Randale zu verhindern, der aber auch das kaputt macht, wofür der Fußball steht: Leidenschaft, die von friedlichen Fans getragen wird.

Quelle: n-tv.de

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