Fußball

Teilweise überfordert gegen Prag Ohne Bürki wäre der BVB kollabiert

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Bester Borusse. Und das mit Abstand: Roman Bürki.

(Foto: imago images/Team 2)

Danke FC Barcelona, danke Julian Brandt - aber danke vor allem Roman Bürki: Borussia Dortmund qualifiziert sich am letzten Spieltag doch noch für das Achtelfinale der Champions League. Der Weg in die K.-o.-Runde ist aber überraschend mühsam.

Nach Schlusspfiff sprang Hans-Joachim Watzke von seinem Sitzplatz auf, klatschte begeistert in die Hände, um dann schnurstracks von der VIP-Tribüne auf den Rasen zu eilen, wo Dortmunds Geschäftsführer jeden Fußballer, dem er Herr werden konnte, an sich drückte. Währenddessen ging es auch vor der Dortmunder Bank um intensiv ausgelebte Gefühle: Trainer Lucien Favre fiel Sportdirektor Michael Zorc mit einer Leidenschaft in die Arme, die man dem sonst so zurückhaltenden Schweizer gar nicht zugetraut hätte.

Es müssen sich also große Dinge ereignet haben an einem empfindlich kühlen Dezemberabend im größten Stadion der Republik. Tatsächlich feierte der BVB einen bemerkenswerten Erfolg, der allerdings nicht so erinnerungswürdig war, weil die Darbietung der heimischen Mannschaft so mitreißend gewesen wäre. Das war sie mit Sicherheit nicht, doch Spannung und Dramaturgie dieses Showdowns in der Gruppenphase der Champions League boten mehr als genug Stoff, um den Emotionen freien Lauf zu lassen.

Es war ja vorab schon klar, dass über das Dortmunder Schicksal nicht nur im eigenen Stadion entschieden würde, sondern jenseits der Alpen in Mailand im alt-ehrwürdigen San Siro. Nur wenn die Borussia am sechsten und letzten Spieltag besser abschneiden würde als Inter, wäre das Überleben im Zig-Millionen-Euro-Zirkus Champions League garantiert. Und siehe da, es hat sich tatsächlich alles gut gefügt: Der BVB entledigte sich seiner Pflichtaufgabe gegen den überaus wehrhaften Kontrahenten Slavia Prag mit viel Dusel und einem überragenden Torhüter Roman Bürki mit 2:1 (1:1), während Inter Mailand dem mit einer B-Auswahl angetretenen FC Barcelona mit 1:2 unterlag. Für den BVB trafen Jadon Sancho (10.) und Julian Brandt (61.), Tomáš Souček erzielte den zwischenzeitlichen Ausgleich (44.).

Harmonisch-entspannte Betriebsatmosphäre

Borussia Dortmund - Slavia Prag 2:1 (1:1)

Dortmund: Bürki - Akanji, Hummels, Zagadou - Hakimi (83. Balerdi), Brandt, Weigl, Guerreiro - Hazard (82. Piszczek), Sancho (87. Dahoud) - Reus. - Trainer: Favre
Prag: Kolar - Coufal, Kudela, Takacs (83. Husbauer), Boril - Soucek, Sevcik - Masopust (72. Traore), Stanciu, Olayinka - Skoda (65. Hilal). - Trainer: Trpisovsky
Schiedsrichter: Sergej Karasew (Russland)
Tore: 1:0 Sancho (10.), 1:1 Soucek (44.), 2:1 Brandt (61.)
Zuschauer: 65.079
Gelb-Rote Karte: Weigl wegen wiederholten Foulspiels (77.)
Gelbe Karten: Brandt, Zagadou - Boril (2), Coufal

Alles gut also im Revier nach einem Kraftakt, den Favre als wichtigen Entwicklungsschritt für sein bislang so wankelmütig auftretendes Team einstufte: "Es war eine der schwierigsten Gruppen, und wir haben uns für die nächste Runde qualifiziert." Bislang herrsche in Dortmund "noch im Wochenrhythmus mal Hoch- und mal Untergangsstimmung", hat ein Chronist jüngst sehr treffend festgestellt. Derzeit tendiert die Laune nach drei Siegen in Folge beim börsenorientierten Fußballunternehmen mal wieder stark in Richtung Hausse. Was natürlich in erster Linie an den Resultaten liegt, aber auch daran, dass die Betriebsatmosphäre harmonisch und entspannt ist, wie Abwehrchef Mats Hummels zu berichten weiß.

So sei die Maßnahme, die Grundausrichtung zu modifizieren und statt der defensiveren Grundausrichtung mit Viererkette die mutigeren Variante mit Dreierkette zu installieren, auf einen konstruktiven Dialog zwischen Trainer und Mannschaft zurückzuführen. "Er geht auf uns zu, wir gehen auf ihn zu", erklärte Hummels. Fakt ist, dass es nun besser läuft, "er hat auf jeden Fall die richtigen Maßnahmen ergriffen."

Allerdings hätte es gegen spielstarke Tschechen auch durchaus ins Auge gehen können. "Sie laufen 132 Kilometer pro Spiel – das ist Weltrekord, glaube ich", hatte Favre vor Spielbeginn verkündet. Die 90 Minuten bestätigten ihn, denn obwohl sie bereits ausgeschieden waren, stürmten die Gäste munter drauflos und stürzten überforderte Dortmunder von einer Verlegenheit in die nächste. Da auch die Gastgeber zahlreiche gute Möglichkeiten liegen ließen, sprach Hummels von einem "wilden Ritt gegen diese mutige Mannschaft".

"Fünf, sechs, sieben Weltklasseparaden"

Dass sie am Ende nicht abgestraft wurden, hatte die Borussia ihrem Torhüter zu verdanken. Roman Bürki hatte einen dieser besonderen Tage erwischt, an denen einem Sportler alles gelingt. Es begann mit einer artistischen Einlage, als der Schweizer im Stile eines Kunstturners mit einem eingesprungenen Spagat rettete, ging weiter mit einem irren Reflex nach einem abgefälschten Ball und mündete in mehreren weiteren spektakulären Glanzparaden.

Sein vor ihm agierender Kollege Hummels hatte "fünf, sechs oder sieben absolute Weltklasseparaden" gezählt und lag dabei nur fast richtig. Am Ende konnte Bürki acht außergewöhnliche Rettungstaten auf seinem Arbeitszeugnis notieren. Der Mann auf der Linie war der gefeierte Held, der nach dem Schlusspfiff auch von den Schattenseiten seines Jobs zu berichten wusste. In den vergangenen Wochen habe er "viele unglückliche Gegentore bekommen, ich hatte fast keine Saves. Heute konnte ich einiges gut machen."

Der zweite Dortmunder Matchwinner hieß Julian Brandt, dem nicht nur der Siegtreffer gelang, sondern der hinter den Spitzen erneut eine ungeheure Spielfreude versprühte. "Seitdem Julian im Zentrum spielt, bringt er uns einen unglaublichen Mehrwert", hat Hummels erkannt: "Er bietet sich viel an, macht die tiefen Laufwege – das alles ist sehr stimmig." Doch an den Wahnsinn von Roman Bürki reichte auch die Leistung des Nationalspielers nicht heran. Am Ende eines denkwürdigen Abends wurde Hummels gefragt, ob die Mannschaft ihrem Retter nun das ein oder andere Bier ausgebe. Der Weltmeister von 2014 grinste breit und gab zu bedenken, er wisse gar nicht, "ob er so etwas mag. Wenn nicht, kriegt er von mir ein Bircher Müsli." Mit seiner Expertise lag Hummels goldrichtig, wie Bürki auf Nachfrage einräumte: "Da hat er Recht, auf Alkohol stehe ich nicht so."

Quelle: ntv.de, Felix Meininghaus