Fußball

Neue Liebe beim Erdoğan-Klub? Özils "Traumhochzeit" zerplatzt in 1000 Einzelteile

Mesut Özil muss nur anderthalb Jahre nach seiner "Traumhochzeit" mit Fenerbahçe die Sachen packen. Er zieht in Istanbul wenige Kilometer weiter zum Erdoğan-Klub Başakşehir. Das passt. Özils überladene Suche nach Liebe und Anerkennung wird aber auch dort unvollendet bleiben.

Dies ist die Geschichte über einen jungen Mann und seinen abermaligen Versuch von Zärtlichkeit. Über einen Menschen und dessen Sehnsucht. Über einen Fußballer, der Liebe sucht, geliebt werden will - und mal wieder krachend scheitert. Am Mittwoch gibt Fenerbahçe Istanbul bekannt, dass Mesut Özils bis 2024 laufender Vertrag mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird. Nur einen Tag später wechselt der 33-Jährige zu Başakşehir. Der Klub aus Istanbul, der eng mit dem autokratischen Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, verbunden ist.

Die Geschichte handelt von einem Rio-Weltmeister, der schnellen Trennung von seiner Jugendliebe - und einem weiteren Kapitel des schmerzhaften Scheiterns in der Karriere des ehemals besten deutschen Fußballprofis. Auch von einem abermaligen Neuanfang, der irgendwie passt, doch eigentlich nur missglücken kann. Denn die Liebe, die Özil sucht, wird er im Fußball wohl nicht mehr finden. Bei Erdoğan schon gar nicht.

Ein paar Gedankenschritte zurück. Beim Start müssen beide wenig Fremdeln überwinden. Die Vertrautheit ist sofort da. Es ist die "Traumhochzeit" zwischen einem Künstler am Ball und seiner "Jugendliebe". So Özils Worte, als er Anfang 2021 bei Fenerbahçe unterschreibt. "Gott gab mir die Chance, das Fenerbahçe-Trikot zu tragen", sagt er damals. Stolz und Freude versprüht der Mittelfeldspieler mit seinem nach Zugehörigkeit schreienden Geltungsdrang.

"Du bist jetzt zu Hause"

Alle, die es mit gelben Wellensittichen halten, sind zu dem Zeitpunkt aus dem Häuschen. Mit Özil soll der Istanbuler Renommierklub nach Jahren der Erfolglosigkeit endlich wieder eine Meisterschaft gewinnen. Solche Beachtung, die lautstark nach außen getragene Zuneigung, liebt der sensible Regisseur. "Die Fußballmarke Özil ist für Fenerbahçe die Erfüllung eines Traums", titelt die türkische Zeitung "Milliyet". In einem Video heißen gar frühere Fenerbahçe-Stars wie Roberto Carlos, Jay-Jay Okocha oder Robin van Persie den neuen Istanbuler willkommen. "Ich bin ein langjähriger Bewunderer deines Spiels", sagt darin etwa van Persie: "Du bist ein sehr besonderer Spieler. Wie du den Ball behandelst, Pässe siehst, Vorlagen lieferst, Tore erzielst - das ist einzigartig. Ich bin sicher, du findest die Freude am Spiel bald wieder. Du bist jetzt zu Hause."

Jetzt, anderthalb Jahre später, ist schon wieder alles aus. Keine Liebe, keine Zuneigung. Die Freude am Spiel, sie und Özil finden bei Fenerbahçe nie wirklich zusammen. Das neue Zuhause, es wird schon wieder eingerissen. Eine Meisterschaft gewinnt der Regisseur nicht, stattdessen wird er in der vergangenen Saison suspendiert und ist auch direkt unter dem neuen Trainer Jorge Jesus außen vor. Die Traumhochzeit zerplatzt zu einem erneuten Kapitel des Scheiterns in Özils überaus erfolgreicher Karriere.

Denn was Özil vor seinen missglückten Stationen mit dem linken Fuß anstellt, verzückt die komplette Fußballwelt. Bei Werder Bremen sorgt er mit Diego für Spielfreude und den Gewinn des DFB-Pokals 2009, in Madrid bedient der begnadete Passgeber Superstar Cristiano Ronaldo stets mit solch präzisen Zuspielen, dass dieser nur noch einschieben muss. Der Portugiese reagiert äußerst verstimmt, als Real seinen besten Vorlagengeber 2013 nach England abgibt.

Zu kitschig und zu bombastisch

Doch beim FC Arsenal beginnt nach starken ersten Saisons bald der Abstieg des ehemaligen Weltklassefußballers. Özils Zeit in London nimmt schließlich ein unrühmliches Ende. Statt Vorlagen, Toren und Liebe erhält er bald nur noch einen Platz auf der Bank. Anschließend wird Özil nicht einmal mehr für die Premier League gemeldet, trotz seines üppigen Gehalts von umgerechnet 390.000 Euro pro Woche, und hält sich nur in seinem Garten fit. Zu viele Schläge ins Gesicht für den sensiblen Spielgestalter. Kritik an seinem Spiel bezieht er oft auch auf sich selbst. "Ich habe Arsenal, dem Klub, den ich liebe, meine Loyalität und Treue geschworen", schreibt er im Oktober 2020 auf Twitter: "Es macht mich traurig, dass dies nicht erwidert wird."

Diese Liebe will Özil jetzt doch noch in Istanbul finden. Bei Başakşehir. Allein, er wird dabei wieder kein Glück haben. Es ist seine überladene Suche nach Loyalität, Liebe und Treue, die im Leben kaum erfüllbar ist. Im harten Fußball-Business ohnehin nicht. Özil will ankommen. Ein Zuhause haben, in dem er sich wohl und beschützt fühlt. Doch seine Traumhochzeit mit Fenerbahçe ist von Anfang viel zu kitschig, bombastisch und besetzt. Özil, der immer schüchtern, wenn nicht etwas traurig wirkt, versucht vor allem in seiner späten Karriere, auf Verunsicherungen und Rückschläge stets mit Grandiosität zu antworten. Die Jugendliebe, sie fühlt sich so aufrichtig, warm und richtig an wie keine danach. Im Nachgang ist sie aber oft zu naiv, oberflächlich, unwissend.

Başakşehir, von Kritikern FC Erdoğan getauft, wird im vergangenen Jahr mit 16 Punkten Rückstand Vierter in der Süper Lig und dürfte Özil sportlich kaum in alte, erfolgreiche Zeiten zurückversetzen. Zwar wird er diesmal gar von oberster Stelle im Land Zuneigung und Zuspruch erhalten, doch auch die stärkere Verbindung mit dem immer autokratischer handelnden Präsidenten wird Özil auf lange Sicht nicht erfüllen. Die tiefe, wahre Liebe, sie hat weder in der Politik noch bei dem Retortenverein und Konstrukt Başakşehir, das in der heutigen Form erst seit 2014 existiert und auch ein Symbol für Erdoğans stetig anwachsende Macht sein soll, Platz.

Sehnsucht und ein letzter Versuch

Dabei scheint Özils neuer Klub irgendwie auch die logische, vielleicht letzte Wahl vor einem Wechsel in arabische oder US-amerikanische Gefilde. Ein erneuter Versuch von Liebe, Loyalität und Rückhalt? Eine Sehnsucht nach den starken, schützenden Armen eines Machthabers? Nun, der Ex-DFB-Kicker lässt sich immerhin schon vor der WM 2018 mit Erdoğan fotografieren. Vielleicht eine unkluge Entscheidung damals, aber der oft kritisierte Özil bekommt wieder einmal unverhältnismäßig viel Häme ab. Als er im Vorfeld und während der Weltmeisterschaft rassistisch angefeindet wird, beklagt er zu Recht, dass "niemand von der Nationalmannschaft aufgestanden ist und gesagt hat: 'Hört auf damit, das ist unser Spieler'".

Özil bricht mit dem DFB-Team und auf gewisse Weise ebenfalls mit einer seiner Heimaten. Auch deshalb sucht er jetzt wieder nach einem Wohlfühl-Ort. In Deutschland wird man ihn wohl nie mehr spielen sehen, zu verkrustet ist das Verhältnis noch immer. Als er im vergangenen September in der Europa League mit Fenerbahçe bei Eintracht Frankfurt gastiert, sein erster Auftritt hierzulande seit dem DFB-Rücktritt, wird ihm viel Hass entgegengespien. Und Mesut Özil, wer mag es dem einst so genialen Spielgestalter verübeln, sucht noch immer genau das Gegenteil.

Quelle: ntv.de

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