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WM-Countdown (19) Preiswert essen in Moskau: ein Geheimtipp

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Essen in Moskau kann auch günstig sein!

(Foto: Katrin Scheib)

Wo umweht einen in Moskau sowohl der Mantel der Geschichte als auch der Geruch einer alten Mensa? Die Antwort ist überraschend - und überraschend günstig. Ein Russland-Erlebnis, das so wohl nur wenige WM-Reisende haben werden.

Essen in Moskau, das kann teuer werden. Erst recht, wenn man sich im Stadtzentrum bewegt und, wie die meisten Touristen, in diejenigen Cafés und Restaurants geht, die im Reiseführer stehen oder nah an den großen Sehenswürdigkeiten liegen. Nun gibt es durchaus auch in Kreml-Nähe bezahlbare Möglichkeiten, ein warmes Essen zu bekommen. Der Foodcourt im Einkaufszentrum GUM zum Beispiel, oder ein paar Schritte weiter die Imbissstände oben im Kinderkaufhaus Detskij Mir. Aber wer einen echten Geheimtipp sucht, der sollte es mal mit einem Mittagessen in der Leninbibliothek versuchen.

Katrin Scheib I

Katrin Scheib.

(Foto: Pascal Dumont)

Ich hab das neulich mit zwei Gästen aus Deutschland mal durchgespielt. Die Bibliothek selbst ist schnell gefunden - sie liegt an der gleichnamigen Metrostation, unweit des Eingangs zum Kreml. Vorbei an der Dostojewski-Statue, auf deren Kopf vermutlich wieder mal ein paar Tauben hocken. Zwischen den Säulen zum Haupteingang, danach sofort nach rechts durch die Tür, hinter der eine nette ältere Dame Besucherausweise verteilt (man muss ihr sein Anliegen nicht erklären, das ist ihr Hauptjob.) Wir gehen durch die Eingangsschleuse, lassen die Jacken an der Garderobe, natürlich kostenlos.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Durch die nächste Kontrolle und dann sofort links, den Schildern zur Toilette nach. Runter in den Keller, rechts geht’s zur Toilette, aber links, wenn man an der Theke mit den Schokoriegeln vorbei ist, in die Bibliothekskantine. Gast 1 und 2 sind schon jetzt ziemlich angetan, denn die Kantine ist ein Relikt aus Sowjetzeiten: Kein einladender Raum, aber man ahnt die Generationen von Besuchern und Mitarbeitern, die hier schon über den Boden zur Theke geschlurft sind, sich ein Plastiktablett und Plastikbesteck gegriffen haben, um dann von Plastiktellern zu essen und aus Plastikbechern zu trinken. Niemand hat sich die Mühe gemacht, diesen Raum irgendwie zu verschönern. An der Seite stehen große, offene Mülleimer, in die man später reinkippt, was nach dem Essen noch auf dem Tablett ist.

"Bitte Ruhe-Schilder" einfach ignorieren

Gekocht wird hier traditionell und einfach. Die Theke beginnt mit einer Edelstahlvitrine voller Salatschälchen - rote Bete, Kartoffeln, Zunge, Möhren. Es folgen Fleisch, Fisch und die Sättigungsbeilagen, Gemüse ist eher in der Unterzahl. Oben auf der Theke stehen erst Becher mit Kompott (was auf Russisch Obstsaft mit Stückchen drin bedeutet) und dann Platten mit etwas, das in Russland eigentlich immer schmeckt: Piroggen. Frische, luftige Hefebrötchen, gefüllt mit Hähnchen, mit Pilzen, mit Kohl, mit Pflaumen, mit Quark.

Kurz darauf sitzen wir drei an unserem Tisch, unter Kunstlicht, an der Wand hängt ein "Bitte Ruhe"-Schild, das wir genauso ignorieren wie alle anderen. Bestandsaufnahme: Tee und eine Pirogge hat jeder von uns. Gast 1 isst kein Fleisch, hat sich also für das Lachsfilet entschieden, dazu Reis und einen Salat aus Gurken und Radieschen.. Vor Gast 2 steht eine Frikadelle, mit Möhren und Käse überbacken, dazu Kartoffelpüree und Salat. Und auf meinem Tablett: Schweineschnitzel, mit Ananas überbacken, dazu Nudeln und Rote-Bete-Salat. Blick auf den Kassenbon: 832 Rubel, das sind 11,75 Euro - für uns drei zusammen, und wir sind alle satt und zufrieden.

Gast 2 holt sich schnell noch eine Pirogge, dann leeren wir unsere Tabletts über der Mülltonne und fahren mit dem Aufzug nach oben. Erst günstiges Mittagessen in einer authentisch russischen Kantine, dann ein Verdauungsspaziergang durch die altehrwürdige Bücherei, in deren Sälen mal Lenin an der Wand hängt und mal ein Blick auf die Christ-Erlöser-Kathedrale vom Lesen ablenkt. Ein Russland-Erlebnis, das so wohl nur wenige WM-Reisende haben werden.

Alle Folgen des WM-Countdown finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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