Fußball

Erster legaler Rauch im Stadion Pyro frei beim HSV - mit Ultra-Wohlwollen?

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Sieht ganz nett aus - aber ob das die Ultras wirklich davon abhält, ihre eigene Pyro zu zünden?

(Foto: imago images/Baering)

Der Hamburger SV darf als erster Profiverein in Deutschland ein Pyro-Feuerwerk kontrolliert abbrennen lassen. Im Vergleich zu illegalen Aktionen ist das schnell verraucht. Gehören die Zeiten der illegalen Feuerwerkskörper im Fußball damit trotzdem bald der Vergangenheit an?

Ein gewisses Kribbeln ist immer dabei, wenn zwei Fußballmannschaften vor zigtausend Zuschauern in ein Stadion einlaufen. Doch am Samstag, als der Hamburger SV das Zweitliga-Heimspiel gegen den Karlsruher SC bestritt, schien die Spannung noch größer zu sein als sonst. 49.518 Zuschauer standen fast ausnahmslos auf, als die Profis den Spielertunnel verließen. Doch kaum jemand blickte in diesem Moment auf die Akteure auf dem Platz. Vielmehr richtete sich die Aufmerksamkeit auf das Geschehen vor der Nordtribüne, also vor dem Fanblock des HSV. Von dort aus wurden mehrere Rauchtöpfe in den Farben blau und weiß gezündet. Das Besondere: Erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs wurde dies vom Verein organisiert - also legal und mit ausdrücklicher Genehmigung des DFB.

Doch warum organisiert ein Verein, der sich wie alle Bundesligisten jahrelang gegen Pyro ausgesprochen hat und für das Fehlverhalten der eigenen Fans mehrere Hunderttausend Euro Strafe zahlen musste, plötzlich selbst ein Feuerwerk? "Der HSV begreift Pyrotechnik als Teil der Fankultur", antwortet Cornelius Göbel, Leiter der Abteilung Fankultur beim HSV. "Die in den letzten Jahren ergriffenen Maßnahmen und härteren Sanktionen wie Geldstrafen, Kollektivstrafen, Verbot von Fanutensilien oder überzogene Einlasskontrollen haben nachweislich nicht dazu geführt, dass Pyrotechnik in Stadien weniger zum Einsatz gekommen ist. Wir sind der Meinung, dass es erforderlich ist, neue Wege zu gehen."

Pyro wie im Theater

*Datenschutz

Allzu imposant war die Pyro-Show nicht. Unter den Augen von Pyrofachleuten und der Feuerwehr wurde ein sogenanntes T1-Feuerwerk gezündet. Um das richtig einzuordnen: Ein T1-Feuerwerk ist ganzjährig im Handel erhältlich, kann ab 18 Jahren erworben werden und wird zum Beispiel auch als Theater- oder Bühnenpyrotechnik genutzt. Verglichen mit den vielen nicht genehmigten Pyro-Feuerwerken, die fast wöchentlich in den Stadien gezündet werden, war der blau-weiße und in die Luft steigende Rauch in Hamburg eher unscheinbar. Die Fans schienen trotzdem zufrieden zu sein und schwenkten ihre Fahnen.

Ein revolutionäres Feuerwerk war laut der Fangruppe "Castaways", deren Mitglieder die Rauchtöpfe gezündet haben, ohnehin nicht beabsichtigt. "Wir sind uns bewusst, dass diese geplante und genehmigte Aktion keine neuen Maßstäbe in Sachen Pyrotechnik in Fußballstadien setzen wird. Weder die eingesetzte Menge noch die Art des Einsatzes sind in irgendeiner Form revolutionär", heißt es in einem Flyer, der im Stadion verteilt wurde. Vielmehr sollte der Pyro-Einsatz ein erster Schritt sein, um einen Kompromiss zwischen den pyro-begeisterten Fans und den sicherheitsbedachten Vereinen bzw. Verbänden zu finden.

Van Drongelen: Pyro gehört zum Fußball

Bei den Spielern kam die Aktion gut an. "Wenn man in ein Stadion reinkommt und man so etwas sieht, finde ich das super", sagte HSV-Innenverteidiger Rick van Drongelen und fügte hinzu: "Ich finde, das gehört zum Fußball dazu. Ich kann verstehen, warum die Fans das geil finden." Ähnlich sah es Lukas Hinterseer, der den HSV mit seinen zwei Toren zum Sieg schoss: "Die Choreographien sind bei uns immer gut. Wenn dann auch noch ein bisschen Rauch hinzukommt, ist das schön anzusehen."

Auch in den sozialen Medien waren die Reaktionen überwiegend positiv. Auf der Facebook-Seite des HSV schreibt ein User: "Ich glaube, das könnte genau der Weg für die Zukunft sein." Doch es gibt auch andere Stimmen. Einige Experten haben Zweifel, dass sich die Fanszene mit ein paar genehmigten Rauchtöpfen zufriedengibt. "Ich glaube nicht, dass das das Gelbe vom Ei ist", sagte zum Beispiel Sig Zelt vom Bündnis "ProFans" der dpa. "Es würde mich wundern, wenn das der Schlüssel wäre, den Frieden mit den aktiven Fans herzustellen und alle glücklich zu machen. Das ist eine sehr kontrollierte Sache, der jeglicher Überraschungsmoment fehlt."

HSV-Trainer Hecking befürchtet Trittbrettfahrer

Auch HSV-Trainer Dieter Hecking scheint skeptisch: "Wenn das die Fans befriedet, Pyro auf diese Art und Weise als ihre Fankultur darzustellen, ist das in Ordnung. Aber hoffentlich gibt es nicht irgendwelche Trittbrettfahrer, die dann auch noch ihr eigenes Pyro zünden."

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Zum Vergleich: So zündelten die HSV-Ultras am 34. Spieltag der Saison 2017/18.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Mit dieser Sorge steht er nicht alleine da. Die Gewerkschaft der Polizei ist von der Idee, dass Vereine Pyrotechnik legalisieren, nicht sonderlich angetan. "Dadurch können die Einsätze unserer Kolleginnen und Kollegen rund um das Fußballgeschehen hierzulande noch brenzliger werden", sagte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Jörg Radek. Polizeiliche Erfahrungen würden nämlich besagen, dass die Ultra-Bewegung auf "verbands- oder vereinsorganisierte Stimmungsaktivitäten mit massiver Ablehnung" reagiert.

Das könnte bedeuten: Einige Fans lehnen die legalen Pyro-Shows ab und zünden lieber ihr eigenes Feuerwerk. "Wir halten das Entgegenkommen des DFB vor diesem Hintergrund nicht nur für blauäugig, sondern auch für sehr riskant", erklärte Radek. Immerhin: In Hamburg hielten sich die Fans am Samstag an das Versprechen, kein eigenes Pyro zu zünden.

Keine Pyro-Show im Derby gegen St. Pauli

Welche Folgen wird die Pyro-Aktion in Hamburg nun auf die Fanszene haben? Sind die Zeiten der illegalen Feuerwerke auf den Stehrängen bald Vergangenheit? Göbel bleibt realistisch: "Es wäre naiv zu glauben, dass Ultras aufgrund dieser Aktion das Abbrennen von bislang verwendeten pyrotechnischen Mitteln sofort unterlassen." Trotzdem glaubt er an das Projekt: "Die Rückmeldung aller Beteiligten war positiv. Das war ein guter erster Schritt. Nun müssen wir das erst einmal reflektieren." Wann und ob es weitere genehmigte Pyro-Feuerwerke geben wird, konnte er noch nicht sagen: "Für solche Aussagen wäre es zu früh." Für das nächste Heimspiel sei jedenfalls nichts geplant. "Beim Derby gegen den FC St. Pauli wird es kein legales Feuerwerk geben", sagt Göbel.

Bleibt abzuwarten, ob die Fans stattdessen ein illegales zünden. Genau dies geschah nämlich bei den letzten Derbys im großen Ausmaß.

 

Quelle: ntv.de