Fußball

Europa-Party mit wenigen Gästen RB Leipzig feiert die Minuskulisse weg

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Nicht einmal zur Hälfte gefüllt: aber die, die im Leipziger Zentralstadion waren, kannten sich. Auch schön.

imago/Matthias Koch

Der Besucherzuspruch ist so niedrig wie zuletzt in der zweiten Liga, doch was RB Leipzig gegen Zenit auf dem Rasen zeigt, hat durchaus europäisches Format. Und Trainer Ralph Hasenhüttl sagt: "Wir wurden getragen von den Zuschauern."

Gute Partys bemessen sich nicht an der Vielzahl der Gäste. Wichtig ist, dass die richtigen und wichtigen Besucher da sind. So war das am Donnerstagabend auch im Stadion von RB Leipzig. Vor dem Achtelfinal-Hinspiel in der Fußball-Europaliga gegen Zenit St. Petersburg war das große Thema bei RB-Gegnern ebenso wie bei den eigenen Anhängern, dass das Stadion nicht einmal zur Hälfte gefüllt sein würde.

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Apropos Party: Den Fans aus St. Petersburg scheint es auch gefallen zu haben.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Und in der Tat kamen nur 19.877 Zuschauer - eine Minuskulisse für Rasenballsport. Zuletzt waren im Dezember 2015 in der zweiten Liga gegen den FSV Frankfurt weniger da. Doch diejenigen, die im Stadion waren, haben den späten Besuch unter der Woche nicht bereut. RB Leipzig bot eine der spielerisch besten Partien in dieser Saison und gewann gegen die biederen Gäste aus Russland verdient mit 2:1 (0:0).

Und auch darüber hinaus entwickelte sich auf den Rängen schnell eine verschworene Atmosphäre mit dem familiären Charme aus Drittliga- und frühen Zweitligatagen - man kannte sich eben und konnte sich sicher sein, dass der Nachbar damals auch schon dabei war. Jene 22.681 Plätze, die vor allem auf der verwaisten Gegengerade leer geblieben waren, vermittelten zwar sicher kein Europapokal-würdiges Bild im Fernsehen. Akustisch im Stadion aber war kaum zu spüren, dass die Arena nicht einmal halb voll war, so sehr legten sich die Anhänger ins Zeug. Das nötigte auch Trainer Ralph Hasenhüttl ein Lob ab. "Wir wurden heute getragen von den Zuschauern, auch in den Momenten, in denen wir nicht so viele Chancen hatten. Man hat die Lust am Europapokal gemerkt."

Rückenwind für die Bundesliga

Und die war auch auf dem Spielfeld zu spüren. "Es hat heute Spaß gemacht zu spielen. Wir haben mit Freude agiert und viele Torchancen herausgespielt", sagte Spielmacher Emil Forsberg, der anders als gewohnt viel auf der rechten Seite und im Zentrum agierte. Dem wiedergenesenen Schweden, der erstmals nach seiner langwierigen Bauchmuskelverletzung wieder 90 Minuten durchspielte und zu den Antreibern, Ideen- und Taktgebern gehörte, war anzumerken, wie gut ihm dieser überzeugende Auftritt getan hat. "Wir haben immer auf ein, zwei Kontakte gespielt, sind sofort in die Tiefe gegangen und haben durch die gute erste Hälfte auch das Tempo hochgehalten", analysierte Forsberg.

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Es läuft: Timo Werner und Naby Keita.

(Foto: imago/Eibner)

RB nahm die Partie von Beginn an ernst und bespielte den russischen Ligavierten mit viel Ballbesitz (62 Prozent). Zwar fehlten in der ersten Hälfte noch die klaren Chancen; von Forsbergs Freistoß an den Innenpfosten einmal abgesehen (36.). RB agierte in den ersten 45 Minuten noch mit zu wenig Drang zum Tor, das Positionsspiel zwischen den Spielmachern Forsberg und Bruma sowie dem Sturmduo war noch nicht gut genug abgestimmt. Doch dass das Team erst in der zweiten Hälfte voll auf den ersten Treffer ging, war auch Teil des Matchplans. Als Rasenballsport die Offensivbemühungen intensivierte, hielt das Defensivbollwerk der von Ex-Inter-Coach Roberto Mancini trainierten Gäste nicht mehr Stand.

Erst spielte Timo Werner per Hacke Doppelpass mit Bruma, der das 1:0 erzielte (56.). Danach veredelte Werner einen tollem Schnittstellenpass von Naby Keita per Lupfer zum 2:0 (77.). In der Bundesliga ist der Nationalstürmer nun bereits seit sechs Partien ohne Tor; in der Europaliga traf er im dritten Spiel bereits zum dritten Mal. Auch ein Argument dafür, dass RB sich keinesfalls zwischen dem wenig lukrativen Europapokal und der strategisch immens wichtigen Qualifikation für die Champions League in der Bundesliga entscheiden muss. Die Art und Weise wie RB gegen Zenit auftrat, sollte dem Tabellensechsten eher Rückenwind für die bisweilen mühsamen Aufgaben in der Bundesliga geben.

"Wir haben keine Albträume deswegen"

Etwas geknickt waren an diesem Abend nur Kapitän Willi Orban, Torhüter Peter Gulacsi und die Spitze seines linken Ringfingers. Bei einer Abwehraktion war dem Keeper der Ball so unglücklich an die Hand geprallt, dass die Fingerkuppe nun betrübt 45 Grad vom Finger absteht und derzeit nur durch einen Verband fixiert werden kann. "Wahrscheinlich bleibt das jetzt bis zum Ende meiner Karriere so, sodass ich den Finger immer tapen muss", sagt Gulacsi. Kurz nach der unglücklichen Aktion fing sich Gulacsi auch noch einen direkten Freistoß von Zenit-Kapitän Domenico Criscito (86.) ein - unhaltbar.

Orban sagte: "Mich ärgert das sehr. Vier Minuten haben gefehlt, um international mal zu Null zu spielen. Jetzt haben wir eine gute Ausgangsposition, wir hätten aber eine sehr gute haben können." So sieht Trainer Hasenhüttl das Rückspiel in einer Woche als "50:50-Spiel. Wir werden ein Auswärtstor brauchen, aber die Qualität haben wir. Deswegen bin ich guter Dinge." Und auch bei Forsberg überwog die Freude über die gute und bis auf den Gegentreffer abgeklärte Partie bei weitem. "Das Gegentor ist zwar ärgerlich, aber wir haben keine Albträume deswegen."

Die Fans sahen das ähnlich. Auch nach Abpfiff hallten die "Europapokaaaal, Leipzig internationaaaaal"-Gesänge noch kraftvoll durchs Stadion. Vielleicht wird die abgekühlte Verabredung zwischen Europaliga und Leipzig doch noch zu einer rauschenden Partyserie.

Quelle: n-tv.de

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