Fußball

Herbstmeister war einmal RB Leipzig schrumpft zum Remis-Champion

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Julian Nagelsmann teilte nach dem Spiel kräftig gegen sein Team aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Rückstände in Serie und eine Standardschwäche: RB Leipzig hat in dieser Saison der Fußball-Bundesliga alle Chancen auf den Titel und muss nun trotzdem um die Champions League bangen. Das Spiel gegen Hertha offenbart die Probleme der Leipziger - und des Trainers Wut.

Julian Nagelsmann konnte seinen Zorn über RB Leipzigs 2:2 (1:1) gegen Hertha BSC nur mühsam unterdrücken. Eine grundsätzliche Gipfelkreuz-Rede wie im Januar, als er die mentale Bereitschaft seiner Mannschaft grundsätzlich infrage gestellt hatte, verkniff er sich zwar. Aber die Art und Weise, wie die frühe Hertha-Führung durch Marko Grujic nach einer Ecke zustande gekommen war (9.), kritisierte der RB-Chefcoach harsch.

"Unfassbar schlecht", "katastrophal", "wie eine Schülermannschaft", "völlig ohne Gegenwehr" habe sein Team in der Szene verteidigt. "Wenn ein Spieler aus fünf Metern mit dem Fuß frei zum Abschluss kommt, ist das nicht zu erklären, warum wir da so körperlos verteidigen", kritisierte der 32-Jährige.

Leipzigs Idee bei Ecken und Freistößen ist, nicht Mann gegen Mann, sondern im Raum rund um den Fünf-Meter-Raum zu verteidigen. Doch das lief nicht zum ersten Mal schief. "Die zentralen Spieler gehen aus der Ordnung heraus und stehen für zehn Sekunden auf derselben Position", ärgerte sich Nagelsmann. "Der Sinn einer Raumverteidigung ist, dass man sich nicht um den Mann kümmert, sondern um den Ball. Aber wenn du stehst, verteidigst du gar nichts, weder den Ball noch den Mann."

Verharren in Schockstarre

Während sich gleich fünf Spieler um Herthas Abwehrhünen Dedryck Boyata am kurzen Pfosten kümmerten, aber allesamt unter dem Ball durchsegelten, war Dayot Upamecano so überrascht davon, dass Torschütze Marko Grujic angerauscht kam, als hätte er gar nicht mitbekommen, dass das Spiel bereits fortgesetzt wird. Der Franzose verharrte in Schockstarre, nicht fähig zu einer Reaktion.

RB Leipzig - Hertha BSC 2:2 (1:1)

Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Upamecano, Halstenberg - Adams, Sabitzer, Laimer, Nkunku (66. Angelino) - Dani Olmo (58. Lookman), Timo Werner (79. Wolf) - Schick (79. Orban). - Trainer: Nagelsmann

Berlin: Jarstein - Pekarik, Boyata, Torunarigha, Plattenhardt (11. Mittelstädt) - Grujic, Skjelbred (77. Arne Maier) - Lukebakio (71. Dilrosun), Darida (71. Piatek), Cunha - Ibisevic (78. Ngankam). - Trainer: Labbadia

Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock)

Tore: 0:1 Grujic (9.), 1:1 Klostermann (24.), 2:1 Jarstein (68., Eigentor), 2:2 Piatek (82., Foulelfmeter)

Zwar kritisierte Nagelsmann gleich auch noch die Spielansetzung, weil Hertha sich zwei Tage länger hatte ausruhen dürfen. Für die Schläfrigkeit von Upamecano und Co. mochte Nagelsmann jedoch auch die Müdigkeit nach dem 5:0 gegen Mainz am Sonntag nicht als Ausrede gelten lassen. "Das man bisschen müde ist, ist noch lange kein Indiz dafür, dass man so verteidigt", teilte der Trainer aus. Die Sekunden vor einem Standard seien "eine kurze Ruhephase, ehe man dann wieder aktiv werden muss. Wir haben die Ruhephase so lange ausgedehnt, bis der Ball im Tor lag."

So war die Szene wohl prägend für das gesamte Spiel. "Wenn wir nicht in Rückstand geraten, gewinnen wir, weil im Verlauf der ersten Halbzeit der Druck groß wurde, als wir dann mal im Spiel waren", sagte Nagelsmann. Doch auch spielerisch wusste RB anders, als beim rauschhaften Triumph in Mainz zuvor, überhaupt nicht zu überzeugen, war ungenau und ineffektiv.

Zu oft in Rückstand

Die Partie offenbarte zwei generelle Probleme der Leipziger. Erstens gerät das Team in schöner Regelmäßigkeit in Rückstand und muss sich dann mit dieser Hypothek erst wieder befreien. 13 mal schon musste die Nagelsmann-Elf in der Bundesliga Rückständen hinterherlaufen, zehnmal reichte es danach nicht mehr zu einem Sieg. So avancierte der Herbstmeister mit nun zehn Unentschieden gemeinsam mit dem FC Schalke zum Remis-Meister und verspielte die in dieser Saison durchaus vorhandenen Chancen auf die Schale. "Wir müssen irgendwann mal lernen, dass wir nicht ständig in Rückstand geraten dürfen", monierte Nagelsmann angefressen. Eine Frage von Cleverness und Erfahrung, Bereitschaft und Siegermentalität.

Und zweitens hat RB auch wieder ein Standardproblem, was nach der demoralisierenden Standard-Gegentoreflut 2018 in der vergangenen Saison bereits überwunden schien. Alle drei Gegentore der drei Geisterpartien resultierten aus ruhenden Bällen. Dazu kommt noch der aberkannte, vermeintliche Siegtreffer des SC Freiburg in der Nachspielzeit, der zwar nicht zählte, aber ebenfalls schlecht verteidigt war. Insgesamt hat RB in der Liga nun bereits zehn der 29 Gegentore nach Standards bekommen. Mehr als ein Drittel. Gegentreffer, die viele Siege kosteten und die vermeidbar gewesen wären.

Jarstein-Patzer wird verziehen

So befindet sich RB mittendrin im Geisterspieltrend, dass den Gastgebern ohne ihre Fans der Punch fehlt. In den 27 Geisterpartien gab es lediglich fünf Heimsiege. Einer davon gelang der Hertha, die ohne Fans und mit Bruno Labbadia mit sieben Punkten in neun Spielen noch ungeschlagen ist. Labbadia verlieh dem Team eine feste Struktur mit hervorragender Balance zwischen Defensive und Offensive. Wie robust und körperlich präsent das Team gegen RB agierte, kaum Torchancen zuließ und wie gut das Stellungsspiel funktionierte, war beeindruckend.

Ebenso, wie souverän und väterlich Labbadia seinen Torhüter Rune Jarstein verteidigte, der sich den Ball zum zwischenzeitlichen 2:1 der Leipziger durch Patrik Schick (68.) selbst ins Tor gerudert hatte. "Ich habe es vor der Mannschaft angesprochen: Rune hat die letzten zwei Spiele wirklich tolle Bälle gehalten. Da möchte ich dann sehen, dass die Mannschaft für ihn einsteht. Das hat sie gemacht", sagte Labbadia. "Man musste Rune nur ins Gesicht sehen, da wusste man, dass es eine tolle Reaktion der Mannschaft war."

Am Ende des Abends standen beide Trainer in den Katakomben der Leipziger Arena einträchtig zusammen und werteten das Spiel nochmal im Dialog aus. Julian Nagelsmann gestikulierte, Labbadia hörte sich das ruhig an. Die Ruhe und Konstanz, die er ausstrahlt, tun der Hertha nach den Wirren der vergangenen Monate sichtbar gut.

Quelle: ntv.de

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