Fußball

Historisch-verrückter CL-Erfolg RB Leipzig träumt von Barça und Liverpool

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Emil Forsberg und seine Leipziger haben keine Angst vor den großen Namen im europäischen Fußball.

(Foto: imago images/Christian Schroedter)

In gerade einmal zehneinhalb Jahren spielt sich RB Leipzig von der fünften Liga in die K.-o.-Runde der Champions League. Gegen Lissabon zeigt die Mannschaft, was ihr noch fehlt, aber auch, was sie auf höchstem Niveau bereits leisten kann.

Emil Forsberg drückte das Trikot, durchnässt von Schweiß und von Rasenflecken grün verfärbt, in seinen Händen zusammen. Das Trikot mit der Nummer 10, in dem er RB Leipzig erst per Elfmeter (90.) und dann mit dem Kopf in der sechsten Minute der Nachspielzeit ins Achtelfinale der Champions League befördert hat. Nur zehneinhalb Jahre nach der umstrittenen Gründung des Red-Bull-Klubs und dem Start in der fünften Liga hat es Rasenballsport in die K.-o.-Phase der Champions League geschafft. Der Doppelpack des Schweden binnen sieben Minuten zum 2:2 (0:1) gegen Benfica Lissabon krönte die atemlose Schlussphase eines verrückten Spiels, in dem es lange so aussah, als müssten die Feierlichkeiten vertagt werden. Umso heftiger eruptierten die Emotionen. Der Jubel beim Ausgleich in der neunminütigen (!) Nachspielzeit erinnerte an Naby Keitas Siegtreffer gegen Borussia Dortmund im allerersten Bundesliga-Heimspiel.

Forsberg, der bereits seit der 2. Liga in Leipzig ist, schraubte sich nach feiner Flanke von Timo Werner von der linken Seite im Strafraum so hoch wie ein Volleyballer zum Angriffsschlag, stand stabil in der Luft und verwandelte mit der Stirn. 35 Tore hat der Führungsspieler aus dem nordschwedischen Sundsvall bereits für RB Leipzig erzielt. Doch dieses so wichtige, das dem Klub weitere 9,5 Millionen Euro einbringt, war das erste per Kopf. "Das kann man nicht noch einmal von mir erwarten, das war einmalig", sagte Forsberg beseelt. "Ich brauchte einfach nur den Kopf auszuschalten und den Ball reinzumachen. Den Verein ins Achtelfinale zu schicken, war ein toller Moment", freute sich der 28-Jährige. "Vor allem in den letzten 20 Minuten haben wir Leidenschaft und Mentalität gezeigt. Manchmal ist ein 2:2 schöner als ein 4:0."

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Vor Anpfiff hatten die Fans einen überdimensionalen Henkelpott die Ränge nach unten gezogen, versehen mit dem verwegenen Titel: "Champions of Europe 2020". Zwar hatten die Leipziger in der ersten Hälfte gute Chancen durch Forsberg, Werner und Christopher Nkunku, der aus sieben Metern scheiterte. Auch ein klarer Elfmeter nach Stoß an dem Franzosen wurde RB verwehrt. Doch es war bereits zu sehen, dass die Mannschaft den Ausfall von fünf Abwehrspielern nicht besonders gut verkraftete. Ohne Willi Orban, ohne Ibrahima Konaté, ohne Stefan Ilsanker, ohne Marcel Halstenberg und zunächst auch ohne Nordi Mukiele musste der junge Waliser Ethan Ampadu als zentraler Verteidiger ran, der Uruguayer Marcelo Saracchi gab den Linksverteidiger.

Gulascis Verletzung als Wendepunkt

"Defensiv in der tiefen Position wie beim Gegentor" habe das formierte Gebilde noch nicht funktioniert, analysierte Trainer Julian Nagelsmann. So fiel das 0:1 von Pizzi nach zu naivem Abwehrverhalten von Ampadu und Saracchi (20.). Vor allem aber hakte es ohne die arrivierten Defensivspieler am Aufbauspiel. Als der sonst so verlässliche Lukas Klostermann dann in die Leipziger Drangphase hinein ausrutschte, Benfica-Stürmer Carlos Vinicius allein auf Torhüter Peter Gulacsi zueilte und den Ungarn beim 0:2 voll mit dem Knie ausknockte (59.), schien die Partie für RB gelaufen und der Achtelfinal-Traum fürs Erste geplatzt.

Doch als sich das Team von der Auswechslung Gulacsis und dem zweiten Gegentor erholt hatte, zeigte es mitreißenden Alles-oder-nichts-Fußball. Mit Mukiele, der nun doch für Ampadu ins Spiel gekommen war, stellte Nagelsmann auf Viererkette um, sodass RB mehr Stabilität entwickelte. Durch die Einwechslung des tschechischen Leihspielers Patrik Schick, der viele Bälle im Strafraum hielt und den Elfmeter vor dem 1:2 herausholte, hatte RB offensiv die Option, mehr mit langen Bällen zu operieren. Zwar hatte man lange das Gefühl, dass an diesem Abend kein Ball mehr auf reguläre Weise den Weg ins Benfica-Tor finden würde – nicht wenige Zuschauer unter den gut 38.000 verließen das Stadion bereits ab der 80. Minute. Doch RB erzwang das rettende Remis förmlich.

Leipzig - Benfica 2:2 (0:1)

Tore: 0:1 Pizzi (20.), 0:2 Vinicius (59.), 1:2 Forsberg (90., Foulelfmeter), 2:2 Forsberg (90.+6)
RB Leipzig: Gulacsi (64. Mvogo) - Klostermann, Ampadu (56. Mukiele), Upamecano, Saracchi (70. Schick) - Laimer, Demme - Sabitzer, Forsberg - Nkunku, Timo Werner - Trainer: Nagelsmann
Benfica Lissabon: Odisseas Vlachodimos - Almeida, Ruben, Ferro, Grimaldo - Taarabt, Gabriel - Pizzi (90. Caio), Cervi (90. Jota) - Chiquinho, Vinicius (82. De Tomas) - Trainer: Lage
Schiedsrichter: Jesus Gil Manzano (Spanien)
Zuschauer: 38.339 im Zentralstadion

"Das ist ein historisches Kapitel für diesen jungen Klub, den diese Spieler geprägt haben", ordnete Nagelsmann ein. Der Trainer war nach Abpfiff in die Fankurve geeilt und hatte dort mit den Anhängern immer wieder die Arme nach oben gerissen. Sogar auch noch im Gehen, als er die Arme rhythmisch nach hinten schwang und so ganz nebenbei den Rückwärtsjubel erfand. Ein 8:0 wie gegen Mainz vor vier Wochen sei auch mal schön, so der Chefcoach. "Aber nachhaltiger für die intrinsische Motivation und für Erinnerungsmomente bleibt ein Spiel wie dieses im Kopf." Klubboss Oliver Mintzlaff hatte die Anspannung noch nicht ganz aus dem Jackett geschüttelt und sagte noch ein wenig ungläubig: "Wir haben hier vor zehneinhalb Jahren begonnen und stehen jetzt im Achtelfinale der Champions League. Das haben wir damals nicht geplant und auch nicht vor drei, vier Jahren. Das müssen wir erstmal begreifen, einen Moment innehalten und uns wirklich freuen."

Camp Nou ist schön, Anfield auch

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Anfield ist schön, sagt Emil Forsberg. Da hat er recht. Sagen wir.

(Foto: imago images/Sportimage)

Doch der Blick der Protagonisten war schnell wieder auf die nächsten Ziele gerichtet. Mit einem Punkt zum Abschluss der Runde in Lyon würde RB die Gruppe als Tabellenführer beenden. Und dann? "Wir wollen jetzt natürlich auch im Achtelfinale weiterkommen, haben die Chance, viel zu erreichen", sagte Forsberg und kündigte selbstbewusst an: "Um zu gewinnen, musst du jeden schlagen. Für mich ist es egal, wer kommt. Camp Nou ist schön, Anfield auch, im Bernabeu habe ich schon gespielt." Mintzlaff hat weniger große Namen, sondern vor allem das Weiterkommen im Blick. "Die Fans wünschen sich Barcelona oder Madrid, und wir wünschen uns eine machbare Aufgabe", so der Vereinspräsident und Geschäftsführer.

Dass der Achtelfinaleinzug nicht nur hinsichtlich des Renommees, sondern auch finanziell guttut, bestätigte der Klubentwickler, seit 2014 bei RB dabei. Ein Großteil gehe als Prämien an die Mannschaft, "der Rest wird investiert", sagte der Vertraute von Investor und Hauptsponsor Dietrich Mateschitz. RB muss nun auch strukturell und was Einnahmen angeht, wo der Klub nicht zu den Top 20 Europas zählt, weiter zulegen, um kontinuierlich zu wachsen. "Dass wir es jetzt erstmals ins Achtelfinale geschafft haben, heißt noch nicht, dass wir zu den besten 16 Teams Europas zählen", betonte Mintzlaff.

Als alles zu diesem Leipziger Meilenstein gesagt war, verabschiedete sich auch Emil Forsberg als letzter Spieler in die Nacht. "Das Trikot will vielleicht jemand aus meiner Familie haben", sagte er strahlend. Vielleicht hängt es eines Tages auch im Museum, als geschichtsträchtiges Exponat.

Quelle: n-tv.de