Fußball

Blogger Kießling im Interview "RB kein Monolith, der die Fans alleine lässt"

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"Heute haben wir einen Stamm von 20.000 bis 25.000 Zuschauern, die unabhängig vom Erfolg ins Zentralstadion kommen."

(Foto: imago/Contrast)

Innerhalb von sieben Jahren stürmen sie in die Bundesliga - und dort einfach weiter. Die Rasenballsportler forden den FC Bayern heraus. RB-Blogger Matthias Kießling über geschmacklose Anfeindungen und den Untergang der Fußballkultur.

Von der fünften in die erste Liga in sieben Jahren - wer es mit den Rasenballsportlern aus Leipzig hält, der hat weitaus mehr Siege gefeiert als unter Niederlagen gelitten. Zumal der Klub als Aufsteiger auch in der höchsten deutschen Spielklasse Erfolg hat. Nach 15 Spieltagen in der Fußball-Bundesliga und dem souveränen 2:0 gegen die Berliner Hertha am Samstag stehen elf Siege, drei Remis, eine Niederlage und Platz zwei in der Tabelle hinter dem FC Bayern, der sich zu einem 1:0 in Darmstadt quälte. Heute nun (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) kommt es in München zum Gipfeltreffen.

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Das ist RB-Blogger Matthias Kießling.

Anlass genug, mit Matthias Kießling zu sprechen. Er ist Fan von RB Leipzig und von Anfang an dabei. Was er denkt und was er erlebt, das schreibt er ausführlich, reflektiert und kritisch in seinem Portal Rotebrauseblogger auf. Wenn ihn etwas nervt, dann sind es diejenigen, die stets anführen, dass der vom Getränkekonzern Red Bull zum Zwecke der Werbung gegründete Klub für den Untergang der abendländischen Fußballkultur stehe. Aber stimmt das nicht? "Red Bull investiert in den Fußball, um Dosen zu verkaufen", sagt Kießling. Nur sei es so: Der Konzern mache das, was jeder andere Geldgeber auch mache - nur konsequenter. "RB hat eine typische Gründungsgeschichte seiner Zeit. So wie in der DDR die Polizei und die Armee Sportvereine gegründet haben, so gründen jetzt Unternehmen Klubs. Wie die Welt gerade ist, so ist auch unser Verein entstanden."

n-tv.de: Aber das ist ja schon ein Alleinstellungsmerkmal von RB?

Matthias Kießling: Derzeit ja. Aber der Zusammenhang, eingebettet in Kommerz, ist doch überall derselbe: Es wird Fußball gespielt - und es gibt Firmen, die Geld geben, weil sie noch mehr Geld verdienen wollen oder es als Marketing für die eigene Nachhaltigkeit brauchen. Es gibt keinen Profiklub, bei dem dieser Zusammenhang nicht gilt oder bei dem das Geld aus rein ideellen Gründe und nur des Fußballs wegen investiert wird.

Die Kritik an den Leipzigern aber hält an. Nervt Sie das?

Ich kann mit vielen Fanaktionen leben, auch mit blöden und ätzenden Bannern. Was ich schwierig finde, ist das Verhalten der Vereine. Da fehlt bisweilen die Distanz zu den Aktionen der Anhänger. Das stößt mir sauer auf. Zum Beispiel beim Zweitligaspiel in Karlsruhe im März 2015. Da haben die Fans des KSC im Stadion ein Banner aufgehängt, auf dem sie zum Schutz vor der "Bullenseuche" aufriefen. Dazu trugen einige einen Mundschutz. Es ist legitim, sich von einer bestimmten Form moderner Kultur nicht begeistert zu zeigen. Aber mit der Seuche ist es nicht anders als mit Heuschrecken, Ratten und Ungeziefer. Alles Bilder, die schon im Zusammenhang mit RB Leipzig benutzt wurden. Etwas Grundgesundes wird von etwas befallen, das bekämpft und vernichtet gehört. Dass der KSC eine Choreografie toleriert, die den Gegner als Krankheit bezeichnet, ist mindestens unsensibel. So etwas darf ein Verein im Innenraum seines Stadions nicht dulden, da muss er Grenzen setzen. Einige Klubs gießen da aber eher noch Öl ins Feuer.

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Tja.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Auch in der Bundesliga wird es teilweise ungemütlich - und geschmacklos. Am Samstag hatten einige Fans der Hertha ein Plakat im Leipziger Stadion aufgehängt. "Ey Ralf, wir warten sehnlichst auf deinen nächsten Burnout." Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick hatte im Jahr 2011 seinen Trainerjob beim FC Schalke 04 wegen eines Erschöpfungssyndroms aufgeben müssen - und konterte stilvoll: "Ich kann mir schon vorstellen, dass es bei Hertha einige Hardcore-Fans gibt, die sich wünschen würden, dass es mich in meiner Funktion nicht mehr geben würde. Ich kann diesen Fans aber nicht zu viel Hoffnung machen, da ich mittlerweile sehr gut auf mich aufpasse."

Beim 1:1 in Köln am fünften Spieltag zerstachen Ultras der Gastgeber die Reifen mehrerer Kleinbusse und Autos aus Leipzig. Zudem musste die Polizei mit Pfefferspray und Schlagstöcken verhindern, dass eine Gruppe von etwa 60 Kölnern im Stadion in den Gästeblock stürmte. Vor dem Hotel war der Teambus der Leipziger mit Eiern beworfen worden, Effzeh-Fans behinderten den Bus auf dem Weg zum Stadion mit einer Sitzblockade. Auch vor der Partie in Leverkusen flogen am elften Spieltag Eier. Bleibt die Frage, wie lange es dauert, bis die Anlehnung bröckelt. Noch sind die Fronten verhärtet, die Traditionalisten stehen dem Brauseklub unversöhnlich gegenüber. Doch trifft das auch auf die Masse der Fußballfreunde zu? Die Leipziger spielen guten, kraftvollen, intelligenten Fußball. Mittelfristig scheinen sie willens und finanziell in der Lage, ernsthaft mit dem Branchenführer aus München zu konkurrieren. Dass sie Meister werden und in die Champions League wollen, das haben sie schon verkündet, als sie noch in Liga drei spielten.

Was erwartet die Leipziger Fans beim FC Bayern?

Eine etwas kleinliche und unsympathische Organisation des Gästeblocks, wie man das aus der Allianz Arena auch schon von den Spielen beim TSV 1860 München kennt. Ansonsten wie im Umfeld der meisten Bundesligastadien eine entspannte Atmosphäre und ein sportliches Highlight, das hoffentlich viel Spannung mit sich bringt. Und vermutlich gibt es per Banner noch einen Spruch von der Schickeria - und das war's dann auch.

Das heißt: Die Akzeptanz von RB Leipzig steigt?

Ich glaube, wir haben ein bisschen den Hoffenheim-Effekt, frei nach dem Motto: Sieh' an, die spielen ja guten Fußball. Das ist ja auch die Ebene, auf der sich die meisten "Sportschau"-Gucker austauschen. Aber: Im Stadion ist das anders. In Köln zum Beispiel hatte ich durchaus den Eindruck, dass 50 Prozent der Zuschauer RB wirklich scheiße finden. Es wird wahrscheinlich immer einzelne, kleine Fangruppen geben, die sich sagen: Wir müssen jetzt noch radikaler werden und die Spirale weiterdrehen. Ich finde es schwierig, vorauszusagen, was da noch passiert. Aber in der Bundesliga wird es wenige Städte und Standorte geben, wo sich der Protest dauerhaft auf einer wahrnehmbaren Ebene tragen lässt.

Anderes Thema: Sagt Ihnen der Begriff Erfolgsfan was?

Auf jeden Fall tue ich mich schwer mit dem Erfolg. Und in der Anfangszeit gab's schon einige böse Niederlagen. Aber der entscheidende Effekt als RB-Fan ist: Du gehst in die Saison und weißt, dass du nicht absteigen kannst. Diese Sorglosigkeit unterscheidet uns von anderen Fans, die im Fall eines Abstiegs fürchten müssen, dass es für ihren Klub nie wieder aufwärts geht. Diese Angst hast du in Leipzig nicht. Wir wissen: Eigentlich kann uns nichts passieren. Aber es ist nicht so, dass ich im Stadion stets davon ausgehe, dass wir gewinnen. Ich bin bei jedem Spiel gleich hibbelig und habe keine Ahnung, ob das jetzt gut ausgeht oder nicht. Dafür bin ich dann doch zu sehr Fußballfan.

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Sie kommen in Scharen.

(Foto: imago/Contrast)

Apropos Fans: Das Zentralstadion in Leipzig mit seinen 42.959 Plätzen war in dieser Saison bei sechs von sieben Heimspielen ausverkauft, auch beim 2:0 gegen die Hertha. Es lässt sich also durchaus eine gewisse Begeisterung konstatieren - für RB? Für den Erfolg? Für Bundesligafußball? Oder alles zusammen? Wo kommen die Menschen plötzlich alle her, die sich nun als Fans der Rasenballsportler bezeichnen?

Wie ist die Fanstruktur in Leipzig?

Das ist tatsächlich ein spannendes Phänomen: Es gab diese drei Jahre in der Regionalliga vom 2010 bis 2013, die ich immer noch für total wertvoll erachte. Es war wichtig für den Verein, dass er die mitmachen musste. Im ersten Jahr passierte noch nicht viel, da waren meist 2500 bis 3000 Zuschauer im Stadion. Als klar war, dass wir nicht aufsteigen, kamen nur noch 1000. Das war eine ganz miese Saison. Im zweiten Regionalligajahr gab es den Sieg gegen den VfL Wolfsburg im DFB-Pokal. Das war dieses Wow-Erlebnis, das zur Folge hatte, dass sich auf hohem Niveau ein Zuschauerstamm gebildet hat, tatsächlich eine Fanbasis. Und mit dem verpassten Aufstieg am letzten Spieltag hatten wir dann auch unsere eigene kleine Leidensgeschichte - die wichtig ist, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln. Im dritten Jahr hatten wir einen Schnitt von 7000 Leuten, das war damals der höchste in der Regionalliga. Und wir haben gemerkt: Die meisten kommen nicht bloß, weil Leipzig gewinnt. Die kommen, weil sie RB geil finden, weil sie es geil finden, zum Fußball zu gehen und das Erlebnis zu genießen. Und ja: Der Rest ging ziemlich schnell. Sie sind durch die dritte Liga marschiert, zwei Jahre in der zweiten Liga - und jetzt sind wir in der ersten Liga. Aber wir leben immer noch von dieser Basis. Heute haben wir einen Stamm von 20.000 bis 25.000 Zuschauern, die unabhängig vom Erfolg ins Zentralstadion kommen. Für sieben Jahre Verein ist das schon okay.

Nun soll ein neues Stadion her. Braucht es das?

Die Pläne, eine Arena mit 70.000 Zuschauern dauerhaft zu füllen, halte ich für utopisch. Das aktuelle Stadion ist nach Planungsstand ausbaubar auf 56.000 Zuschauer. Das reicht völlig aus. Wir brauchen keine 70.000-Mann-Arena, weil wir die nicht vollbekommen. Wenn das dritte Jahr hintereinander Augsburg kommt, kommen in Leipzig 30.000, vielleicht 35.000 Leute ins Stadion. Gegen Schalke, Dortmund und die Bayern bekommst du auch ein größeres Stadion voll, aber das ist halt nur dreimal im Jahr.

Ein Zehnjähriger in Leipzig - trägt der ein Bayerntrikot oder eins von RB?

Inzwischen eher RB. Das ist die Generation, die erstmals mit RB aufwächst, die auch nie eine rationale Entscheidung getroffen hat, die sich nie gefragt hat: Kann ich jetzt Red Bull tragen oder kann ich das nicht? Das ist eine Generation, die für einen Fußballverein sein möchte. Die sagt: Ich finde Emil Forsberg geil, ich will jede Woche ins Stadion. Ansonsten ist hier alles noch im Entstehen und Wachsen. So kann man doch gar nicht absehen, wohin sich diese Fanstrukturen entwickeln, weil es diese Generation noch gar nicht richtig gibt.

Laut eigenen Angaben hat RB 600 Mitglieder. 17 von ihnen sind stimmberechtig. Nicht nur verglichen mit dem FC Bayern ist das ein Witz - die Münchner kommen auf etwa 280.000 Mitglieder. Sportdirektor Rangnick ficht das nicht an: "Ich denke, die Zahl der Mitglieder eines Klubs ist irrelevant. Dieses Konzept ist meiner Meinung nach altmodisch und überholt." Borussia Dortmund habe 150.000 Mitglieder, "aber auf die strategische Ausrichtung des Klubs haben sie keinerlei Einfluss. Ich interessiere mich mehr für die Anzahl von Fans beim Heim- und Auswärtsspielen. Denken Sie etwa, Porsche, Mercedes oder DHL würden ihre Anteilseigner vor jeder Entscheidung nach ihrer Meinung fragen? Dasselbe gilt für den Fußball. Wichtig ist, die richtigen Leute an Bord zu haben, die die richtige Entscheidung für den Klub treffen."

Was gefällt Ihnen denn nicht an RB Leipzig?

Die geringe Mitgliederzahl ist nichts, was mich stört. Was die Mitbestimmung betrifft, ist das ein Modell, mit dem ich mich total anfreunden kann - weil es zwischen Fans und Verein sehr kurze Wege und Möglichkeiten gibt, Unmut kundzutun und Einfluss zu nehmen, wenn es um Fanbelange geht. Wenn du denen ein Problem auf den Tisch legst, hast du binnen einer Woche einen Termin mit der Führungsebene. Ich weiß auch, dass der Verein sehr darauf achtet, welches Bild er nach außen abgibt. Dafür tut er aber auch etwas. Es ist nicht so, dass auf der einen Seite der Monolith steht und auf der anderen Seite sind die Fans, die zusehen müssen, wie sie zurechtkommen. Zudem ist RB kein Verein, den ich gestalten können muss. Würde ich das wollen, würde ich zu meinem Stadtteilverein gehen. Ich finde es wichtig, dass Jugendfußball und Sport gefördert werden, dass diese ehrenamtlichen Strukturen vor Ort wichtig sind. In diesen Vereinen halte ich Mitgliedschaften für wesentlich wichtiger als in einem Profiklub. Es muss doch niemand glauben, dass er dort als Mitglied Nummer 100.328 irgendeine Form von Gestaltungskraft hat. Das ist doch Quatsch und ergibt keinen Sinn.

Das spräche grundsätzlich gegen Demokratie …

Nein, nur in so einem Unternehmensrahmen. Fußballklubs sind für mich Unternehmen. Und es ergibt keinen Sinn, dort Demokratie zu spielen, wo Demokratie gar nicht mehr stattfindet. Wenn sie noch greift, das ist auf Schalke so wie in Leipzig, dann informell. Durch Fanklubs, die öffentlich Druck ausüben, über Facebook, Twitter und Blogs, die so auf einer Ebene von Demokratie agieren, auf der dann tatsächlich auch Veränderungen stattfinden. Wie vor einigen Jahren, als RB keine ermäßigten Eintrittskarten mehr an Arbeitslose verkaufen wollte - und nach Protesten diese Entscheidung revidiert hat. Das passiert eher auf diesem Weg als auf einer Mitgliederversammlung. Das ist doch eine sinnlose Alibi-Veranstaltung. Das ist doch in Leipzig genauso. Da gibt's eine Powerpointpräsentation für die Fördermitglieder, die nicht stimmberechtigt sind, aber zur Versammlung dürfen. Die sehen dann, wie schön alles ist, was sie vorhaben. Und dann gehen sie nach einer Stunde wieder auseinander.

Quelle: ntv.de

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