Fußball

Leipzigs Reifeprüfung beim BVB RB siegt im Stile einer Spitzenmannschaft

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RB zeigt, warum der Weg zur Deutschen Meisterschaft nur über Leipzig geht.

(Foto: dpa)

Im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga liefern sich RB Leipzig und Borussia Dortmund einen fulminanten Schlagabtausch. Ein früher Rückstand bringt die Sachsen nicht aus dem Konzept - und so stürmt RB die Dortmunder Festung.

Der Mann war außer Rand und Band: Völlig losgelöst rannte Ralph Hasenhüttl auf das Spielfeld, jubelte, reckte die Faust in den Abendhimmel über Dortmund und umarmte jeden seiner Spieler, dem er habhaft werden konnte. Diesen Sieg, das konnte jeder sehen, ordnete der Trainer von RB Leipzig in die Kategorie "besonders wertvoll" ein. Sein Team hatte das höchst attraktive Spitzenspiel im größten Stadion der Liga gewonnen und dabei eine Klasseleistung gezeigt. Nicht nur das, die zuvor mehr als eineinhalb Jahre uneinnehmbare Dortmunder Festung ist mal wieder gefallen. Der Österreicher sprach von einem "Ausrufezeichen für uns, dass wir ohne Werner und Forsberg spielen und trotzdem eine solch schlagkräftige Truppe auf den Platz bekommen".

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Hasenhüttl außer Rand und Band.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Vor Spielbeginn hatte Hasenhüttl betont, die Mannschaft werde gewinnen, "die es schafft, nach Ballverlusten schneller wieder in die Ordnung zu kommen." Eine kluge Einschätzung, denn beide Teams sind für ihr unglaublich schnelles Umschaltspiel bekannt. Oder, wie es Hasenhüttl formuliert: "Volle Pulle offenes Visier."

Der Mann hat ganz offenbar Ahnung von Fußball, es entwickelte sich von der ersten Minute an ein fulminanter Schlagabtausch auf höchstem Niveau. Es war ein mitreißendes Spektakel zweier Mannschaften, die gnadenlos nach vorne spielten, fünf Tore erzielten und auch noch zwei Platzverweise produzierten. Am Ende gewannen die Gäste vor 80.100 Zuschauern mit 3:2 (2:1) und beendeten damit die beeindruckende Heimserie des BVB. Seit April 2015 (0:1 gegen Bayern München) hatte die Borussia in 41 Spielen vor ihrem Publikum nicht mehr verloren. Nun erwischte es sie, weil sie auf einen Gegner trafen, der auffallend couragiert auftrat und sich auch von Rückschlägen nicht von seiner Marschroute abbringen ließ.

Leipzig schlägt sensationell zurück

Leipzigs Kapitän Marcel Sabitzer sprach von einem "Klassespiel von uns", Stürmer Yussuf Poulsen ergänzte, "das war unsere beste Leistung dieser Saison. Wir haben uns viele Chancen herausgespielt und schöne Tore gemacht." Hasenhüttl strahlte über das ganze Gesicht und lobte seine Mannschaft überschwänglich: "Was wir hier geleistet haben, war sensationell. So viel Leidenschaft, ich bin sehr, sehr stolz auf meine Spieler." Das Fazit seines Kollegen Peter Bosz fiel anders aus: "Spannend ja, guter Fußball von unserer Mannschaft: Nein."

Dabei hatte für die Gastgeber doch alles nach Plan begonnen. Die Dortmunder stürmten mit unglaublicher Wucht auf das gegnerische Tor und durften gleich nach vier Minuten jubeln. Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang stahl Marcel Sabitzer den Ball, lief im Höchsttempo in den Strafraum und traf zur Führung. Normalerweise ist der Spielverlauf nach einer solch frühen Führung vorgezeichnet: Der BVB kontrolliert mit viel Ballbesitz das Spiel und legt sich seinen Gegner zurecht. Dieses Mal liefen die Dinge anders: Leipzig schlug im Stile einer Klassemannschaft zurück. "Wenn du in Dortmund gewinnen willst, musst du vieles richtig machen", konstatierte Hasenhüttl: "Und wir haben heute fast alles richtig gemacht."

Der 50-Jährige dozierte hernach, es sei auffallend gewesen, "wie wenig Lösungen die Dortmunder hatten, durch unser Netz durchzukommen. Man hat gesehen, was wir uns zurechtgelegt haben." Das lag auch daran, dass die Leipziger aufgrund der Länderspielpause mal wieder Zeit hatten, sich intensiv auf ein Spiel vorzubereiten. Dieses Privileg, das sie in ihrer Premierensaison in Liga eins regelmäßig hatten, genießen sie nun nur noch selten, weil sie - wie das für Spitzenteams Alltag ist - in der Champions League gefordert sind.

Die Balance stimmt

Hasenhüttl hat immer wieder betont, welch große Herausforderung der internationale Wettbewerb für seine Mannschaft sei. Die Doppelbelastung war in der Saisonvorbereitung das bestimmende Thema. Es scheint, als bekomme der Trainer mit seinem Team die schwierige Balance trefflich hin. Zumindest war der souveräne Auftritt im Revier ein starkes Indiz dafür, dass es auch in dieser Spielzeit in die richtige Richtung geht.

Am Ende eines ereignisreichen Abends jubelten nur die Sachsen, während die Dortmunder den Rasen mit gesenkten Köpfen verließen. Ihr Heimnimbus ist Geschichte, die Spitze der Liga rückt enger zusammen. Ein weiterer Umstand, der Ralph Hasenhüttl den Moment genießen ließ: "Die Bundesliga ist in der Spitze alles andere als langweilig", konstatierte der Trainer: "Es ist schön, dass wir bei der Musik wieder dabei sind."

Positiv waren auch die Begleiterscheinungen einer Begegnung, die nach ihrer Vorgeschichte unter besonderer Beobachtung stand. Nach Aussagen der Dortmunder Polizei blieben die Geschehnisse auch außerhalb des Stadions "überwiegend friedlich". Das war ein bemerkenswertes Fazit nach den schlimmen Jagdszenen aus der letzten Saison, als sogar Leipziger Familien mit Kindern von Dortmunder Hooligans angegriffen wurden. Dass es nun gesitteter zuging, lag an der erhöhten Polizeipräsenz, aber auch daran, dass sich statt 8000 dieses Mal nur 3000 Gästefans auf den Weg ins Ruhrgebiet gemacht hatten.

Auch auf den Rängen herrschte überwiegend Frieden, solch beschämend beleidigende Banner, die vor acht Monaten zu einer Komplettsperrung der Gelben Wand auf der Südtribüne geführt hatten, waren nicht zu sehen. Einen Spruch musste sich der Gast dann aber doch gefallen lassen: "Die Wand der Schande grüßt die Schande der Liga."

Quelle: ntv.de