Fußball

Endlich raus aus der 4. Liga RWE hat genug vom Klassenkampf

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Die Essener müssen sich für den Aufstieg strecken.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Der frühere Bundesligist Rot-Weiss Essen dümpelt durch die Regionalliga - am eigenen Anspruch vorbei. An der Rückkehr in den Profifußball scheitert der Klub in diesem Sommer denkbar knapp, prüft deshalb sogar rechtliche Schritte. Die Botschaft: Der baldige Aufstieg ist Pflicht.

Noch nach dem Saisonabbruch hat Marcus Uhlig lange um den Aufstieg gekämpft. Der Vorstandsvorsitzende des Fußball-Regionalligisten Rot-Weiss Essen erarbeitete ein Konzept für eine Aufstiegsrunde, schloss sich dem Antrag auf eine zweigleisige 3. Liga an oder erwog zwischenzeitlich sogar rechtliche Schritte gegen den Verband. Es half alles nichts. Der SC Verl wurde für die Relegation zugelassen und stieg tatsächlich auf. Uhligs Zeichen waren jedoch eindeutig: Der Traditionsverein aus Essen muss raus aus der 4. Liga!

Und die Botschaft ist angekommen. "Wer das nicht von Tag eins kapiert, hat hier nichts verloren", sagt Kapitän Marco Kehl-Gomez. Und auch dem neuen Trainer Christian Neidhart, der nach sieben Jahren beim SV Meppen freiwillig von der dritten in die vierte Liga ging, ist klar: "Du kannst nicht nach Essen gehen und sagen, du willst Zweiter oder Dritter werden." Auch der 51-Jährige verzichtete fast komplett auf Urlaub. "Ich war mit meiner Frau nur von Montag bis Freitag an der Ostsee", sagt er: "Montag sieben Stunden Anreise, Freitag sieben Stunden Abreise, und dazwischen war schlechtes Wetter."

"Geben nur Geld aus, das wir haben"

Seit dem letzten Drittliga-Abstieg 2007 ist Neidhart der 16. Trainer beim einst größten Klub im Ruhrgebiet und deutschen Meister von 1955. Zuletzt versuchte sich Christian Titz, davor Bundesliga-Coach beim Hamburger SV, vergeblich. Sieben Jahre Bundesliga-Tradition hat RWE, kein anderer, aktuell unterhalb der 3. Liga spielender Klub hat mehr. Mario Basler, Horst Hrubesch, "Ente" Lippens, Otto Rehhagel, Frank Mill oder Mesut Özil haben hier gespielt. Und natürlich Helmut Rahn, der Schütze des Siegtores beim "Wunder von Bern" 1954, an den eine Statue vor dem Stadion an der Hafenstraße erinnert.

Ein Verein mit einer solchen Tradition hat unglaubliche Wucht. Rund 11.000 Zuschauer sahen im Vorjahr durchschnittlich die Essener Heimspiele, der Ligaschnitt lag bei 1400. Doch mit der Wucht steigt auch der Druck. An Neidhart gefällt ihm, dass er "stark im Wind steht, auch wenn es mal nicht so läuft", sagt Uhlig deshalb: "Genau so jemanden brauchen wir hier." In Corona-Zeiten ist die Rückkehr in den Vollprofi-Bereich noch mal elementarer. Von einer Alles-oder-Nichts-Situation will Uhlig aber nicht sprechen. "Es ist keineswegs so, dass hier die Lichter ausgehen, wenn wir nicht aufsteigen sollten", sagt der 49-Jährige: "Wir setzen hier nicht alles auf eine Karte. Wir geben definitiv nur Geld aus, das wir haben."

Solidarität der Fans und Partner nötig

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Christian Neidhardt ist für RWE der optimale Trainer, schwärmen sie.

(Foto: imago images/Markus Endberg)

In den vergangenen Monaten standen für RWE wegen der Corona-Folgen "zwischenzeitlich bis zu 2,5 Millionen Euro im Feuer" - bei einem Umsatz von jährlich rund sieben Millionen Euro mehr als ein Drittel. Dank Kurzarbeit bis zum 15. Juli, vielen Einschränkungen und einer "wahnsinnigen Solidarität" wie einer 94-prozentigen Verzichtsquote bei der Ticketrückerstattung werden am Ende etwa 700.000 Euro fehlen. "Wir sind sicher besser durch die Krise gekommen als der eine oder andere Traditionsverein", sagt Uhlig, für den aber jetzt schon klar ist: "Wir werden auch in der kommenden Saison wieder die Solidarität aller unserer Fans und Partner brauchen."

Und RWE ist wahrlich nicht der einzige Traditionsklub, der raus aus der Regionalliga will. Allein im Westen sind es mit Münster, Oberhausen, Aachen, Wuppertal und Fortuna Köln noch fünf. Sollte der Sprung gelingen, könne er sich vorstellen, "dass eine besondere Dynamik reinkommen könne", sagt Uhlig, der aber "nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen will." Doch der Erste ist manchmal der Schwerste.

Quelle: ntv.de, Holger Schmidt, dpa