Fußball

Rassismus und Thurams Spucken Rummenigge spielt den Rechten in die Hände

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Machte mit gefährlichen Aussagen zu Thurams Spuckattacke auf sich aufmerksam: Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: Sven Simon - Stefan Matzke - sam)

Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Hein Rummenigge gilt nicht als Rassismus-Experte. Jetzt sorgt er in Bezug auf die Spuckattacke Marcus Thurams mit einer Rassismus verharmlosenden Argumentation, die auch der rechte Rand benutzt, für Aufsehen. Das ist nicht nur beleidigend, sondern gefährlich.

Karl-Heinz Rummenigge, der Mann, der mit seiner Mannschaft Sponsorengelder aus dem Unrechtsstaat Katar bezieht, mimt den Rassismus-Experten. Klingt bizarr und falsch? Ist es auch. Aber der Bayern-Boss argumentiert in einer TV-Sendung über Marcus Thurams Spuckattacke, wie es ein AfD-Politiker nicht besser hätte machen können - und spielt damit dem rechten Rand in die Hände.

Was ist passiert? Wenige Zentimeter trennten Thuram am Samstag von seinem Gegenspieler Stefan Posch. Dann spuckte der Mönchengladbach-Profi seinem Gegenüber direkt ins Gesicht. Eine ekelhafte, herabwürdigende, unsportliche Attacke - in einer Pandemie auch noch gefährlich. Natürlich muss Thuram dafür hart bestraft werden, der Franzose entschuldigte sich am Samstagabend auf Twitter bereits (wenngleich eine Entschuldigung direkt nach dem Spiel angebracht gewesen wäre). Aber es läuft etwas verdammt schief, wenn als Reaktion darauf sich Bayern-Boss Rummenigge im Sport1-Doppelpass fragt: "Was wäre eigentlich passiert, wenn es umgekehrt passiert wäre, der Posch den Thuram bespuckt hätte - dann hätten wir wieder eine Rassismus-Debatte, oder was?"

Rummenigge verharmlost Rassismus

Nicht nur, dass Rummenigges Worte eine völlig haltlose Vermutung sind. Er bedient sich damit einer Argumentation - à la "die dürfen sich alles erlauben, bei uns ist es gleich Rassismus" - , die es immer wieder am rechten Rand gibt. Seine Sätze waren daher nicht nur dumm, beleidigend und respektlos für alle Menschen mit Rassismuserfahrungen, sondern gefährlich. Der Bayern-Chef spielte Rechten in die Hände, indem er Rassismus verharmlost und zur beliebten Manipulationstaktik Whataboutism greift.

Rummenigge suggeriert, es würde immer "Rassismus" geschrien, wenn People of Color irgendetwas Schlechtes widerfahre. Als Persilschein für ihre Probleme quasi. Genau diese Denke Rummenigges spielt das Rassismusproblem im Fußball und in der Gesellschaft herunter und zeugt von mangelhafter Expertise zu dem Thema, doch das fällt dem unreflektierten Bayern-Boss nicht auf. Rummenigge, selbst ein weißer Mann, der nie Rassismus und die ständige Bedrohung dadurch am eigenen Leib hat erfahren müssen, sollte sich sowohl seiner Privilegien als auch seiner Vorbildfunktion schleunigst bewusst werden.

Ebenso Marcel Reif. Der TV-Experte, der aufgrund von Antisemitismus-Erfahrungen bei dem Thema eigentlich zu Sensibilität fähig sein sollte, erinnert nach Rummenigges Aussagen in der Doppelpass-Runde an das wegen eines rassistischen Ausspruchs des Vierten Offiziellen abgebrochene Champions-League-Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir Istanbul: "Die Schnappatmung hat sich beruhigt." Genauso wie der Bayern-Chef verharmlost Reif damit die Rassismuserfahrungen von People of Color, zieht mit dem Wort "Schnappatmung" deren Diskriminierung, Gefühle und Beschwerden ins Lächerliche.

Rassismus auf dem Bayern-Campus

"Der Schiri hat 'Schwarzer' gesagt", fährt Reif fort. "Und 'Schwarzer' ist kein Schimpfwort. Wenn da fünf schwarze Betreuer sind und ein Weißer benimmt sich wie sonst was, kann man doch auch sagen, guck dir mal den weißen Betreuer an." Dass aber bei People of Color das Merkmal Hautfarbe mit zahlreichen Zuschreibungen und Vorurteilen belegt ist und die Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß ein von Weißen erfundenes, rassenideologisches Konzept ist, darauf kommt niemand in der Runde. Denn es geht um Ungleichheit und Machtpositionen, nicht um Farben, und auch der Begriff People of Color bezieht sich nicht auf die Hautfarbe, sondern fasst Menschen mit ähnlichen Rassismuserfahrungen zusammen. Aber die weißen alten Männer wollten unbedingt mal wieder ihr Experten-Wissen teilen und ihre Deutungshoheit kundtun, was denn nun rassistisch ist und was nicht.

Hätte Bayern-Boss Rummenigge ernsthaftes Interesse an einer Rassismus-Debatte, sollte er sich lieber mit dem unvollständig aufgearbeiteten Rassismus auf dem Bayern-Campus beschäftigen anstatt unqualifizierte, beleidigende und gefährliche Kommentare abzugeben. Als Sport1-Chef Pit Gottschalk vor der Sendung auf Twitter übrigens Fragen an Rummenigge sammelte und ein User wissen wollte, warum nicht mal nach dem nicht transparent aufgeklärten Rassismus auf dem Campus gefragt würde, antwortete der Journalist: "Weil es nicht um den Campus geht."

Quelle: ntv.de