Fußball

Ex-Trainer will Karriere beenden Saudi-Klub Newcastle erteilt Scheich-Verbot

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Ein Fan heißt die neuen Eigentümer willkommen.

(Foto: imago images/Offside Sports Photography)

Newcastle United ist der reichste Verein der Welt. Dafür haben sie ihre Kultur weggeworfen und sich in die Hände saudi-arabischer Eigentümer begeben. Diesen huldigten sie am vergangenen Wochenende in grotesken Kostümierung. Der Verein bittet um Mäßigung.

Am vergangenen Sonntag huldigten die Fans von Newcastle United in Englands hohen Norden der Ankunft der neuen Vereinsführung aus Saudi-Arabien mit teils grotesken Kostümierungen. Beim Spiel gegen Tottenham Hotspur verkleideten sie sich so, wie sie sich eben den reichen Araber von nebenan vorstellen. Sie trugen weiße Roben, banden sich Tücher um den Kopf und manch einer schwenkte voller Freude die Fahne Saudi-Arabiens.

Eine Ehrerbietung an die neuen milliardenschweren Eigentümer des aktuell reichsten Vereins der Welt. Nach Angaben der "New York Times" verfügen die neuen Besitzer über Vermögenswerte von mehr als 400 Milliarden Euro. Das ist mehr als die Summe, über die Scheich Mansour bei Manchester City verfügt und mehr als Katar in Paris Saint-Germain steckt. Das Wettrüsten der Golf-Staaten geht weiter. Newcastle erwarb das Konsortium, hinter dem zu 80 Prozent der Staatsfonds Saudi-Arabien steckt, für rund 350 Millionen Euro. Ein Trinkgeld.

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Yasir al-Rumayyan hat gute Laune beim seinem Auftritt in Newcastle.

(Foto: imago images/PA Images)

Der neue Klub-Vorstand Yasir al-Rumayyan, ein Abgesandter des Staatsfonds, sowie die Deal-Makerin Amanda Stavely holten sich am Sonntag ihre Runde Applaus von den Newcastle-Anhängern ab. Die Fans verehrten die neuen Machthaber und sie verhöhnten ihren aktuellen Trainer. Beides hat nun Konsequenzen: Die Kostümierung soll noch einmal überdacht werden. Der Trainer ist weg. Die Übernahme des englischen Traditionsvereins Newcastle United verstört weiter mit tragikomischen Zügen.

Es war nur eine kurze Mitteilung des Vereins an die Fans. Es war eine kurze Bitte "das Tragen von traditionell arabischer Kleidung oder Kopfbedeckungen, die durch den Nahen Osten inspiriert sind, bei Spielen zu unterlassen, sofern sie diese nicht gewöhnlich tragen." Das könne nun wirklich "kulturell unangemessen" sein und Menschen könnten sich davon gar angegriffen fühlen. Zum Glück sei dies bei den neuen Eigentümern nicht der Fall. Wirklich ein großes Glück, wenn man an die Hintergründe des Deals denkt. Dazu später noch mehr. Angemessen erschien es dem Verein nur Stunden vorher, den, zugegeben erfolglosen, Trainer Steve Bruce, wie von den Fans ein paar Tage zuvor gefordert, vor die Tür zu setzen.

Ex-Trainer Bruce will nicht mehr

"Morgen früh schmeißen sie dich raus", sangen nämlich am Sonntag die teils als Scheichs verkleideten Fans von Newcastle United über ihren Coach, der in dem Monat seinen Job antrat, in dem die Vor-Brexit-Machtspiele der Konservativen Boris Johnson in das Amt des britischen Premierministers spülten. Während aber Johnson immerhin große Versprechen formulierte, konnte der Trainer der "Magpies", wie der Verein aus der britischen Partnerstadt Gelsenkirchens von seinen Anhängern genannt wird, bei seinem Amtsantritt nicht einmal Versprechen formulieren. Er wusste wahrscheinlich, auf welchen Höllenritt er sich einlassen würde.

Rausgeschmissen haben sie Bruce jetzt erst. Nicht am Morgen nach der 2:3-Niederlagen gegen Tottenham Hotspur, sondern zwei Tage nach dem Morgen nach der Niederlage. Die Trennung soll im gegenseitigen Einvernehmen vollzogen worden sein. Doch es klingt eher nach einem Angebot, dass Bruce nicht ablehnen konnte. Gegen die Spurs hatte der 60-Jährige seinen 1000. Einsatz an der Seitenlinie, ein Meilenstein, seine Abfindung soll rund acht Millionen Euro betragen, seine Karriere will Bruce nun beenden. Er ist bitter enttäuscht und tieftraurig über das, was mit ihm passierte.

"Es war sehr, sehr hart", sagte Bruce dem "Telegraph" über seine Jahre bei Newcastle. "Niemals wirklich gewollt zu sein, das Gefühl zu haben, dass die Leute wollen, dass ich scheitere, ständig zu lesen, dass ich scheitern würde, dass ich nutzlos sei, eine fette Platzverschwendung, ein dummer, taktisch unfähiger Kohlkopf oder was auch immer. Es war lächerlich, es war andauernd, selbst wenn die Ergebnisse gut waren. Ich glaube, das könnte mein letzter Job gewesen sein."

Bruce war immer nur ein Verwalter des Mittelmaßes. Die Fans ließ das kalt. Wer auf Bruce folgt, das ist noch ungewiss. Assistent Graeme Jones hat übernommen und soll das Team auf das nächste Spiel gegen Crystal Palace vorbereiten. Große Namen werden als Bruce-Nachfolger gehandelt. Der war 2019 angetreten, um Newcastle United, dessen Anhänger sich wie die von Schalke 04 in der Bundesliga so sehr eine Meisterschaft wünschen, zumindest im Mittelmaß zu halten.

Ein Stürmer aus Hoffenheim

Der Eigentümer, Mike Ashley, hatte den einst so hoffnungsvollen Verein zum Inbegriff für sportliches Siechtum gemacht. Manchmal ging es unter ihm in die zweite Liga, die Championship. Für die waren sie zu gut. Für die Premier League zu schlecht, zu ambitionslos, zu wenig investitionsfreudig. Und ohnehin wollte Ashley lieber den Verein verkaufen, nicht noch in ihn investieren. Da kam der nahe Newcastle geborene Bruce gerade recht. In den Augen vieler verkörperte er die Ambitionslosigkeit des Eigentümers perfekt.

Bruce, der auf den in England verehrten Rafael Benitez folgte, war ein menschlicher Schutzschild für den eigentlich gegen Ashley gerichteten Unmut der Fans. Der Fußball, den Bruce spielen ließ, war dazu geeignet. Er war negativ, allein auf Torverhinderung ausgerichtet und gelang manchmal. Zumindest hielt er die Magpies in seinen zwei Jahren beim Klub in der Liga, obwohl sich der für 44 Millionen Euro von TSG Hoffenheim verpflichtete Star-Einkauf Joelinton als ein "Stürmer entpuppte, der kein gesteigertes Interesse an Toren" hat, wie der "Guardian" treffend über den mit 10 Treffern in 89 Spielen wahrlich nicht treffsicheren Stürmer schrieb. Viel mehr bemerkenswerte Neuzugänge kamen nicht. Der Kern der Mannschaft ist seit Jahren unverändert, wurde hin und wieder ergänzt.

Der Verlust der Moral

So ging es dahin für Bruce. Er hielt den Verein über Wasser, sammelte nur 23 Premier-League-Siege in seinen 93 Spielen als Trainer und Besitzer Mike Ashley verhandelte eine Übernahme. Das zögerte sich hinaus. Aber nach rund 18 Monaten und einem ersten gescheiterten Versuch ging der Deal doch noch über die Bühne. Enter: Saudi-Arabien. Enter: Kronprinz Mohammed bin Salman, dem Vorsitzenden des Konsortiums und De-Facto-Machthaber im Land. In der westlichen Welt vor allen Dingen bekannt für seine von der CIA nachgewiesenen Verbindungen zum Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi vor drei Jahren. Die Premier League, die sich erst gegen staatliche Einmischung wehrte, verkündete, dass der Fond nicht unter der Kontrolle Saudi-Arabiens steht.

Jetzt soll investiert werden: Ousmane Dembélé, Mesut Özil, Philippe Coutinho und viele mehr sind im Gespräch für die kommende Saison. Es ist eine Liste der Gescheiterten. Angeführt werden könnten diese von Ex-BVB-Trainer Lucien Favre, der bei den neuen Bossen hoch im Kurs stehen soll. Auch Paulo Fonseca, ein 48-jähriger Portugiese, der zuletzt Schachtjor Donezk und AS Rom trainierte, ist im Gespräch. Frank Lampard, Roberto Martinez, Steven Gerrard und Eddie Howe sind es ebenfalls.

Viele Namen werden in den nächsten Wochen gehandelt werden. Viele, ob Spieler oder Trainer, werden absagen, werden nur von den Zeitungen ins Gespräch gebracht werden. Die Fans im St. James' Park, dem alt-ehrwürdigen Stadion, das man noch aus dem benachbarten Gateshead sehen kann, werden begeistert sein. Nur als Scheichs dürfen sie sich nicht mehr verkleiden. Das könnte Gefühle verletzen. Träumen dürfen sie jetzt wieder. Allein: Auf dem Weg dahin ging die Moral verloren.

Quelle: ntv.de

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