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Schalke-Coach Tedesco zeigt endlich Emotionen.
Schalke-Coach Tedesco zeigt endlich Emotionen.(Foto: picture alliance / Ina Fassbende)
Montag, 16. April 2018

Mit Derbysieg zur Wachablösung: Schalke stellt die Machtfrage im Pott

Von Arnulf Beckmann, Gelsenkirchen

Sie spielten nicht schön, aber sie kämpften leidenschaftlich. Und dass am Ende noch der Derbysieg gegen Dortmund herausspringt, ist für die Fans des FC Schalke 04 das i-Tüpfelchen. Die Macher des Erfolgs denken schon weiter.

Es gab etliche plakative Szenen nach Spielschluss, die zeigten, wie es um die emotionale Gemengelage der Schalker Fußballfamilie bestellt war. Auf den Knien liegend und mit den Fäusten den Rasen bearbeitend, erlebte Domenico Tedesco den Schlusspfiff des Revierderbys gegen den ewigen Kontrahenten Borussia Dortmund, das seine Elf unter den Augen des einstigen Schalkers Raúl Gonzáles Blanco soeben mit 2:0 gewonnen hatte. Kurz später stand der Trainer der Gelsenkirchener vor der blau-weißen Wand auf der Nordtribüne und feierte mit den Fans seinen ersten Sieg im wohl prestigeträchtigsten Nachbarschaftsduell der Bundesliga.

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Da entlud sich vieles, was sich in der Woche nach dem ernüchternden 2:3 beim HSV und dem aktuellen Erfolgserlebnis aufgestaut hatte. "Es ist ein Privileg, dort zu stehen, und eigentlich hätte die Mannschaft dahin gehört", sagte der 32-Jährige später. "Aber wenn ich nicht dorthin gegangen wäre, hätten die Ultras wohl das Stadion abgebaut." Das Schalker Getöse nach dem 68. Sieg im 175. Aufeinandertreffen von Blau-Weiß und Schwarz-Gelb war gewaltig.

Es war, als bebte die Erde. Doch der bedeutsamste, weil vielsagendste Augenblick entzog sich im Schalker Jubel der Aufmerksamkeit der allermeisten. Denn nach seinem Dankes-Kniefall erhob sich Tedesco und riss als erstes Leon Goretzka an sich, um mit ihm den Triumph zu feiern. Jener Goretzka, der seit Bekanntwerden seines Wechsels zum FC Bayern seiner Form hinterherläuft. Jener Spieler, der bei den Fans längst in Ungnade gefallen ist und den sein Trainer nach erneut mäßiger Arbeitsverrichtung am Sonntagnachmittag vorzeitig zum Feierabend bat.

"Zusammenhalt ist keine Worthülse"

Offensichtlich verbirgt sich hinter dem Schalker Konglomerat tatsächlich die so oft von Tedesco beschworene Gemeinschaft. "Zusammenhalt ist keine Worthülse. Das hat nicht erst das Revierderby gezeigt." Insofern waren die 61.786 Besucher der Partie - sofern sie es mit den Hausherren hielten - sehr einverstanden mit dem, was die Mannschaft abrief. Sie spielten nicht schön, aber sie kämpften leidenschaftlich. Eben das, was die Menschen im Ruhrgebiet von ihren Kickern erwarten. Eine Halbzeit lang nahmen Fährmann und Kollegen Anlauf, fuhren den Lohn höherer Leistungsbereitschaft aber erst nach dem Seitenwechsel durch die Tore von Yevhen Konoplyanka und Naldo ein.

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Das Führungstor des Ukrainers war zugleich der 2.500. Schalker Treffer in der Bundesliga. Der Angreifer selbst stand zuletzt nicht einmal für Kurzeinsätze zur Disposition, doch Tedesco bewies zum wiederholten Male ein feines Gespür für Form und Willen seiner Spieler, beorderte Konplyanka in die Startelf - und sah sich dann letztlich bestätigt.

Die Schalker klopfen mit diesem Erfolg nicht nur an die Tür zur Champions League, sie stießen sie vielmehr sperrangelweit auf. In den noch ausstehenden vier Saisonspielen in Köln, gegen Gladbach, in Augsburg und daheim gegen Frankfurt müssen sie nun nur noch hindurchgehen. Zudem steht bereits am Mittwoch mit dem Pokalhalbfinale gegen Eintracht Frankfurt das nächste Highlight an. Mit einem Sieg in diesem Match und der Finalteilnahme in Berlin könnten die Knappen eine unverhofft gute Saison weiter veredeln.

Heidel: "Wollen das Team entwickeln"

Und natürlich haben sie die Machtfrage im Revier vorerst geklärt. Der erste Derbysieg der Schalker nach fast vier Jahren ist nur ein Indiz dafür, dass die Wachablösung im Pott in vollem Gange ist. Denn während die Borussia den Kater vieler erfolgreicher Jahre bekämpft und vor einem gewaltigen Umbau steht, haben die Gelsenkirchener auf diesem Wege schon viel Strecke geschafft. "Wir sind hier vor zwei Jahren ein großes Ding angegangen", sagte Christian Heidel. "Anfangs hat das ein wenig gestockt, aber mittlerweile sind wir auf einem richtig guten Weg." Das klingt unmittelbar nach einem Derbysieg sehr technokratisch und auch ein wenig so, als sei dem Manager der Blau-Weißen die Gesamtentwicklung wichtiger als einzelne Erfolge.

Stimmt auch, zählte aber nicht. Auch Heidel begreift immer mehr, dass Schalke kein normaler Klub, und das Derby kein normales Spiel ist. "Ich verstehe mittlerweile sehr genau, wie wichtig Schalke den Leuten hier ist." Das ist gut so. Denn während sich Tedesco akribisch um die sportliche Befindlichkeit seiner Mannschaft kümmert, muss Heidel die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört auch, den Kader fit zu machen für die demnächst anstehenden internationalen Aufgaben.

Mit dem zusätzlichen Geld hat der Manager neben der Planungssicherheit zusätzlichen Spielraum, sodass den bereits feststehenden Zugängen Mark Uth (Hoffenheim) und Salif Sane (Hannover) bald weitere folgen werden. Einer wie er weiß: Wer guten Zirkus will, muss auch die Akrobaten bezahlen. Allerdings ist Sorgfalt geboten. Denn sind Spieler wie Goretzka und voraussichtlich auch Max Meyer erst einmal fort, fehlt neben der sportlichen Qualität auch ein riesiges Stück Identifikation. Mit Ausnahme von Juve-Rückkehrer Benedikt Höwedes und Torhüter Ralf Fährmann wird dann niemand länger als drei Jahre unter Vertrag sein.

Für einen Verein, der wie kaum ein Zweiter Wert auf Tradition legt, kann das zur Identitätskrise führen. Der neue Kitt, der das hochsensible, weil hochemotionale Gebilde Schalke dann zusammenhalten muss, kann nur Erfolg sein. Erlebnisse wie der gestrige Derbysieg können da Meilensteine sein. "Wir wollen das Team entwickeln", sagte Heidel. "Und wir sind noch lange nicht am Ende."

Quelle: n-tv.de