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Von der Bundesliga nach China Schmidt bekommt Peking nach Schalker Art

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Die Fans von Beijing Guoan sind in der chinesischen Liga einzigartig.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Ex-Leverkusen-Trainer Roger Schmidt coacht ab 1. Juli Beijing Guoan. Dort erwarten ihn ungeduldige Fans, die ihren Klub über alles lieben. Aber wie beim Bundesligisten FC Schalke 04 klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

Bei manchen Schlachtrufen, die durch das Pekinger Arbeiterstadion hallen, fragt man sich: "Dürfen die das?" Offenbar gehören auch beim chinesischen Fußball die Beleidigungen unterhalb der Gürtellinie zum guten Ton. Besonders wenn der Schiedsrichter falsch liegt. Dann haben Zehntausende Fans einen Heidenspaß daran, in Vulgärsprache Dampf abzulassen. Ohrenbetäubend. Keinen Menschen interessiert dann noch, dass auf der Anzeigetafel dringend darum gebeten wird, auf den Gebrauch traditioneller Pekinger Schimpfwörter zu verzichten.

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Der Versuch einer moralisch-zivilen Erziehung der Bevölkerung läuft hinter der Stadionkasse ins Leere. Das ist Peking, das ist Beijing Guoan, der neue Klub von Trainer Roger Schmidt, der nach seiner Entlassung im Frühjahr beim Fußball-Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen einen Neuanfang in der aufstrebenden Chinese Super League (CSL) wagt. Guoan ist so etwas wie der FC Schalke der chinesischen Liga: ständig neue Trainer, ungeduldige Fans und eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Momentan liegt die Abstiegszone näher als die Tabellenführung.

Schmidt wird nach Felix Magath bei Shandong Luneng der aktuell zweite deutsche Fußballlehrer, der einen Erstligaklub aus der CSL trainiert. Der 50-Jährige nimmt auf einem Schleudersitz Platz. Er ist der 22. Trainer in 24 Jahren seit Pekings Umwandlung in einen Profiklub. Er ist der zehnte Ausländer, der sich seitdem versucht. Kein Serbe, Brasilianer, Italiener, Spanier, Südkoreaner oder Portugiese vor ihm hat mit Guoan je einen Titel gewonnen. Zuletzt nahm der Spanier Jose Gonzalez seinen Hut. Ab 1. Juli darf sich Schmidt versuchen.

40.000 Zuschauer sind immer dabei

Die einzige Profimeisterschaft der Vereinsgeschichte feierte Guoan im Jahr 2009 mit einem Chinesen an der Linie. Dennoch sollen es immer wieder Ausländer richten mit ihrem taktischen Verständnis, ihrer innovativen Spielkultur und ihrem Erfahrungsschatz. Doch viel Zeit hat Schmidt nicht. Im notorisch ungeduldigen China gelten langfristige Strategien als Geldverschwendung. Verein und Fans wollen endlich die Lücke schließen zu Serienmeister Guangzhou Evergrande. 2014 reichte es immerhin zur Vizemeisterschaft, doch zuletzt gelang nicht einmal mehr der Sprung in die asiatische Champions League (AFC).

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Man muss wissen: Beijing Guoan spielt eine Sonderrolle unter den chinesischen Fußballklubs, die gezeichnet sind vom Einfluss schwerreicher Unternehmen, von Umbenennungen in Namen von Elektronikmarktketten oder Immobilienfirmen und vom Austausch von Logos oder Vereinsfarben. Guoan ist in Peking noch eine Herzenssache. Pekinger Autos tragen Aufkleber von Guoan, Vereinsschals schmücken manches Restaurant der Stadt und Jugendliche tragen das Trikot ihres Lieblingsstürmers. Kein anderer Klub in China ist so tief verwurzelt in der lokalen Bevölkerung wie Guoan. Auch so ein bisschen wie Schalke. Während Guangzhou vor allem Erfolgsfans anzieht, pilgern zu den Spielen in Peking immer 40.000 Menschen, auch wenn es nicht läuft. Aus dem benachbarten Hebei organisieren Fans Busse an den Spieltagen. Einzigartig in China.

Pekings Fans wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine Vereinnahmung durch die Wirtschaft. Zwar finanziert mit Citic Guoan ein Versicherer seit den Profianfängen das Team, doch jeder Versuch neuer Investoren, dem Verein ein neues Image oder gar neue Farben zu verpassen scheiterte. "Die Leute hier sehnen sich nach einer Tradition, auf der sie ihre Fußballkultur aufbauen können", sagt Brandon Chemers, ein Amerikaner, der in Peking lebt und seit 20 Jahren zur engen Fanszene des Klubs gehört. Seinen dreijährigen Sohn schleppt Chemers hin und wieder auch schon mit zu den Heimspielen. Guoan soll sein Klub werden, kein anderer.

Viele pilgern auch auf weite Auswärtsfahrten

Im Arbeiterstadion hört man Fangesänge, die einzigartig sind. Die Ultragruppierung Royal Army hat die Songs der Pekinger Punkband Misandao auf ihre Lieblinge zugeschnitten. "Für unsere Ideale werden wir immer gerade stehen", singen sie. Wo die Pekinger auftauchen, werden sie gehasst, weil sie von dort kommen, wo die Regierung ihren Sitz hat. Dennoch sind bei Auswärtsspielen mindestens einige Hundert, oft viele Tausend Pekinger Fans mit dabei, obwohl viele Spielorte Tausende Kilometer entfernt sind. Das kostet Geld, das Pekinger Fußballfans nicht aus den Taschen wächst.

Vor wenigen Wochen sind 20 Ultras fünf Stunden nach Datong in die Provinz Shanxi gefahren, um die Nachwuchskicker der Pekinger U16 zu unterstützen. Alles für den Klub? Das gibt es nicht nur in der Bundesliga.

Quelle: n-tv.de

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