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Nagelsmann-Abschied wirkt nach Schreuder hat den schwersten Job der Liga

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Gegen Mönchengladbach bekamen die Hoffenheimer ihre Grenzen deutlich aufgezeigt.

(Foto: imago images/foto2press)

Die TSG Hoffenheim lebte jahrelang über die eigenen Verhältnisse. Nach dem Weggang von Julian Nagelsmann und dem Verlust einiger Führungsspieler sinkt der Klub aus dem Kraichgau in die Wirklichkeit ab - das Mittelmaß der Fußball-Bundesliga.

Irgendwann ging Alfred Schreuder in den Verteidigungsmodus über. Die Journalisten waren dem Niederländer in den Katakomben der Sinsheimer Fußballarena körperlich nahe auf die Pelle gerückt, sie standen dicht gedrängelt um ihn herum, um seine leise und ruhig gesprochenen Sätze zu verstehen. Doch das war nicht der Grund, sich zur Wehr zu setzen. Die regionalen wie überregionalen Medienvertreter hatten den Trainer der TSG Hoffenheim verbal nicht in die Ecke gedrängt, und dennoch begann Schreuder am Ende der Frage- und Antwortrunde mit dem Abwehrspiel. "Alle wissen doch, was im Sommer passiert ist", sagte der Fußballlehrer: "Das ist doch klar, oder?"

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Klar ist, dass Schreuder vor dreieinhalb Monaten den wohl schwierigsten Trainerjob in der Bundesliga übernommen hat. Nicht deshalb, weil es grundsätzlich schwierig ist, in Hoffenheim zu arbeiten. Sondern deshalb, weil er der Nachfolger von Julian Nagelsmann ist, der als das größte Trainertalent in Deutschland gilt und in den Jahren zuvor mit der TSG überaus erfolgreich war. Bis in die Champions League führte der nach Leipzig weitergezogene Trainer die Hoffenheimer in seiner dreieinhalbjährigen Amtszeit und entwickelte bis dahin durchschnittliche Kicker zu Topspielern weiter. Kurzum: Unter Nagelsmann war der Klub erfolgreicher als er es aus eigener Kraft eigentlich sein kann - und gegen die dadurch unweigerlich gehobenen Ansprüche im Umfeld muss Schreuder jetzt ankämpfen.

Die Liste der Abgänge ist lang

Als der nach dem bitteren 0:3 am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach an die Geschehnisse des vergangenen Sommers erinnerte, meinte er aber nicht den Wechsel auf der Trainerbank. Schreuder wäre töricht, würde er sich damit befassen. Er meinte vielmehr die personellen Rochaden in seinem Kader. Vor der Saison verlor Hoffenheim nicht nur sein Trainertalent, sondern darüber hinaus einige seiner besten Spieler. Vor knapp einem Jahr spielte die TSG das bis dahin größte Match ihrer Geschichte, als sie in der Champions League Manchester City gegenüberstand. Aus der Elf, die gegen den englischen Meister erst durch ein Gegentor kurz vor Schluss 1:2 verlor, standen Schreuder gegen Mönchengladbach nur noch fünf Akteure zur Verfügung.

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Das Fehlen von Andrej Kramaric macht sich deutlich bemerkbar.

(Foto: imago images / Nordphoto)

Der personelle Aderlass vor der Saison war groß. Joelinton, Kerem Demirbay, Nico Schulz und Nadiem Amiri vergrößerten im Kraichgau die finanziellen Reserven, hinterließen auf dem Feld aber Lücken, die bislang nicht geschlossen werden konnten. Hinzu kommt, dass zuletzt mit Ishak Belfodil, Andrej Kramaric, Kevin Vogt und Königstransfer Diadie Samassekou vier wichtige Akteure verletzt fehlten. Vor diesem Hintergrund ist eine Niederlage gegen Mönchengladbach eher eine logische Folge als ein Ergebnis schlechter Arbeit des Trainers. Schreuder durfte zurecht darauf hinweisen, dass sich seine Mannschaft Torchancen erspielt hatte. Mit der Analyse, die Niederlage sei "unglücklich", lag er allerdings daneben. 15 ordentliche Minuten zu Beginn der Halbzeiten genügten nicht, um keinesfalls herausragende Borussen besiegen zu können.

Die schlechteste Offensive der Liga

Die tabellarische Folge sind fünf Pünktchen nach sechs Partien und mit vier erzielten Treffern der aktuell schlechteste Angriff der Liga. "Wir brauchen Zeit und Geduld", sagte Schreuder - und liegt mit dieser Einschätzung sicher richtig. Seine Mannschaft gab sich gegen Mönchengladbach nicht auf, sie wirkte nicht leblos - sie ist einfach nicht viel besser durch die Abgänge im Sommer und die aktuellen Ausfälle. Im Moment sind die Hoffenheimer in der Tabelle dort gelandet, wo sie aufgrund ihres Kaders und der eigenen Möglichkeiten eingeordnet werden müssen. Die Ausreißer-Jahre nach oben unter Nagelsmann spiegelten die Realität nicht wider. Es könnte ein schmerzhafter Prozess werden, bis alle Beteiligten die Wirklichkeit nicht nur sehen, sondern anerkennen.

Die Lage könnte in ein paar Wochen zudem noch bedrohlicher aussehen. Am kommenden Wochenende müssen die Hoffenheimer beim FC Bayern antreten, nach der Länderspielpause kommt anschließend der wiedererstarkte FC Schalke 04 ins Sinsheimer Stadion. Es dürfte spanend zu beobachten sein, wie der gesamte Klub reagiert, wenn die TSG in der Tabelle weiter abrutscht. Die von Schreuder eingeforderte Tugend "Geduld" ist in der Bundesliga ein rares Gut - und oft wollen Fußball-Funktionäre die Wirklichkeit nicht akzeptieren.

Quelle: n-tv.de

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