Fußball

Ein großer Nationalspieler tritt ab Schweinsteiger, der Vollendete

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Bastian Schweinsteiger wird nicht mehr für die DFB-Elf auflaufen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn ein großer Fußballer geht, gehört dazu auch Dramaturgie. Bei Bastian Schweinsteiger sind es zwölf Jahre bei der DFB-Elf, vom blondierten Jüngling zum grauen Leitwolf. Seine Karriere erzählt die Geschichte zweier Generationen - und des Erfolgs.

Nun endet also die Nationalmannschaftskarriere von Bastian Schweinsteiger. Sein letztes Kapitel ist das des tragischen Helden. Es war ein Handspiel des alternden Kapitäns, das die DFB-Elf im EM-Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich scheitern ließ. Doch es ist nicht das, was bleiben wird. Jeder, der sich für Fußball begeistert, kennt die Emotionen, die Leistungen eines Spielers erwecken können. Jeder Sportfan kennt das Mitfiebern, -leiden, -jubeln.

Als Bastian Schweinsteiger im Jahr 2004 in den Kreis der besten deutschen Spieler kam, war die Konkurrenz im Vergleich zu heute nicht groß. Die Deutschen hatten sich mit Trainer Rudi Völler bei der WM dank des unfassbar starken Oliver Kahn im Tor ins Finale gemauert und es verloren. Bei der EM 2004 in Portugal flog die DFB-Elf ohne Sieg in der Vorrunde raus. Schweinsteiger war eines der Talente, die eine bessere Zukunft versprachen, eine Zeit nach den Querpässen, vorhersehbaren Spielzügen und Betonung körperlicher Robustheit.

Jürgen Klinsmann übernahm, streifte der DFB-Elf angriffslustige Trikots in Rot über und machte beim Sommermärchen im eigenen Land Schweinsteiger und Kompagnon Lukas Podolski zu den Hoffnungsträgern einer ganzen Fußballnation. Schweinsteiger ist exemplarisch für den Paradigmenwechsel im deutschen Fußball. Er verkörperte Jugend, Spielwitz, technisches Können - einen anderen Fußballtypen als der des Kapitäns Michael Ballack, der nach alter Schule im Mittelfeld das Spiel hierarchisch um sich herum aufbaute.

Das größte Spiel der Karriere

Ballack war von Beginn an ein zentraler Mittelfeldlenker. Einen Titel gewann er mit der Nationalmannschaft nie. Auf Vereinsebene scheiterte er in der legendären Vizekusen-Saison dreifach. Während er auch beim FC Chelsea den Makel des fehlenden Champions-League-Titels nicht ausmerzen konnte, leitete Bayerns Trainer Louis van Gaal die Wachablösung im DFB-Team ein: Er versetzte Schweinsteiger in der Saison vor der WM 2010 auf die Schlüsselposition im defensiven Mittelfeld. Dort brillierte er in Südafrika mit Sami Khedira - in Erinnerung bleiben das 4:1 gegen England und das furiose 4:0 gegen Argentinien. Ballack musste mit ansehen, wie er überflüssig wurde. Irgendwann wurde er nicht mehr in den Kader berufen. Er blieb der Unvollendete.

Ein großer Spieler muss flexibel sein und Schweinsteiger entwickelte sich mit den Spielideen seiner Trainer. Am Anfang agierte er auf dem linken Flügel als Kreativer, als Mann für frische Ideen, der mit Podolski die Defensive des Gegners aufbrechen sollte. Die strategisch-kreative Rolle eines defensiven Mittelfeldspielers definierte er mit. Bei der WM 2014 in Brasilien krönte sich Schweinsteiger mit dem Spiel seiner Karriere. Nominell war Philipp Lahm der Kapitän, aber Schweinsteiger agierte beim Finalsieg gegen Argentinien als Fixpunkt und Vorbild.

Schweinsteiger war ein großer Kapitän, auch wenn er mit der Binde keinen Titel gewann. Er hatte sie sich über zwölf Jahre verdient. Vom blondierten Nachwuchsspieler entwickelte er sich zum unumstrittenen, grauhaarigen Leitwolf, blieb aber Teil eines Kollektivs. Wenn große Spieler zurücktreten, ist da kein Groll, sondern seltsame Dankbarkeit. Das bleibende Gefühl des Erfolgs. Er erkämpfte für Deutschland den vierten Stern. Nun tritt er mit Würde zurück. Schweinsteiger ist der Vollendete.

Quelle: n-tv.de

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