Fußball

Fußballer Gosens im Interview "Seit Wochen im schrecklichsten Ort Europas"

Fußball-Profi Robin Gosens lebt im italienischen Epizentrum der Coronavirus-Krise, jeder Gedanke an seinen Sport irritiert ihn momentan sehr. Warum es da so guttut, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn berufen will, wie ihm sein Psychologie-Studium durch die schwere Zeit hilft und welchen Traum er unbedingt verwirklichen will, erzählt er im ntv.de-Interview.

Sie leben in Bergamo, in der Region Lombardei, wo die Coronavirus-Krise Italien am schwersten trifft. Wie geht es Ihnen?

Meiner Freundin und mir geht es gut. Wir sind gesundheitlich gut drauf. Das ist in dieser Phase das Wichtigste.

Wie schwer waren die letzten Wochen?

Gruselige Zeiten. Zeiten, die ich keinem wünsche. Gerade die erste Zeit, als die Fallzahlen explodiert sind, war schrecklich. Wir waren in häuslicher Quarantäne und haben daher nicht so viel mitbekommen vom Alltag in den Krankenhäusern. Wir haben tagtäglich die gleichen Bilder gesehen, die ja auch nach Deutschland geschwappt sind. Särge, die von Militärfahrzeugen abtransportiert wurden. Volle Kirchen, in denen sich Leichen stapelten. Völlig surreal. Zeiten, die einen natürlich verändern.

Sie beschäftigen sich auf professioneller Ebene mit dem Verhalten der Menschen. Sie studieren Psychologie neben dem Sport. Haben Sie in den vergangenen Wochen eine Analyse der Menschen betrieben?

Zur Person

Robin Gosens (*5. Juli 1994) ist ein deutsch-niederländischer Fußballprofi. Als linker Außenverteidiger spielt er seit 2017 für Atalanta Bergamo in der italienischen Serie A. Mit dem Klub feierte er im März den größten Erfolg der Vereinsgeschichte: den Einzug ins Viertelfinale der Champions League. Bundestrainer Joachim Löw bestätigte jüngst, dass er Gosens in die Nationalmannschaft berufen möchte.

Man hat sich selbst richtig reflektiert und ich glaube, viele Menschen hätten sehr viel Geld bezahlt, um diese Krise schnellstmöglich zu beenden. Nur leider ist das eine Krise, die nicht mit Geld zu bekämpfen ist. Und erst jetzt wird einem richtig bewusst, worauf es wirklich ankommt. Es sind die kleinen Dinge. Die Freiheit, rauszugehen, wann man will. Gesundheit, jeden Tag von der Familie umgeben zu sein. Dinge, die uns erst jetzt richtig bewusst werden und ich hoffe, dass es eine Lehre der Krise für alle ist, diesen Werten den Stellenwert zu geben, den sie verdienen. Das habe ich für mich mitgenommen. Kleinere Dinge zu schätzen, die man nicht mit Geld kaufen kann und als grundsätzlich hingenommen werden.

Bundestrainer Joachim Löw hat das auf den Punkt gebracht: Höher, schneller, weiter. Diese Mentalität war ausgereizt. Hat er recht?

Definitiv. Wir leben in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der man nie zufrieden ist. Wir wollen immer mehr. Wir wollen immer höher hinaus. Ich glaube, dass das nicht richtig ist. Wir müssen auch mal stillstehen und zufrieden sein. Das ist nicht ganz einfach in dieser Welt, aber vielleicht zeigt uns genau diese Krise, dass wir das müssen. Das würde ich mir definitiv wünschen.

Der Bundestrainer hat Sie auf dem Zettel, Sie werden auf der Linksverteidiger-Position im Kreise der Nationalmannschaft gehandelt.

Das war eine Riesennachricht. Ich muss dazu sagen, dass ich es wie alle anderen aus den Medien erfahren habe. Natürlich ist es eine riesige Wertschätzung. Es war in der Zeit auch endlich mal eine positive Nachricht. Genau in der Zeit, als alles hier so ein bisschen explodiert ist. Dann mal von Freunden und vielen Menschen angeschrieben zu werden und nicht mit "Ey, wie geht's? Bist du noch am Leben?" Sondern "Glückwunsch. Geil Junge. Weiter so …" Das hat mental richtig gut getan.

Hat er sich persönlich gemeldet?

Bisher noch nicht.

Ihre Entwicklung ist der Gegenentwurf zu einer üblichen Fußballerkarriere. Landesliga beim VfL Rhede noch vor wenigen Jahren, dann der Umweg über die Niederlande, wo Sie von Leverkusens Trainer Peter Bosz in Arnheim gefördert und weiterentwickelt wurden. Dann der Wechsel nach Italien zu Atalanta Bergamo. Jetzt im dritten Jahr und Champions-League-Viertelfinalist. Muss man Sie noch gelegentlich zwicken?

Absolut. Eigentlich muss ich mich noch täglich zwicken, weil ich diesen Weg gegangen bin und das alles andere als normal ist. Ich genieße das in vollen Zügen und bin sehr dankbar, weil ich weiß, dass so eine Karriere in der heutigen Zeit von Fußball-Internaten eigentlich kaum noch machbar ist.

Ihr letztes Spiel war am 11. März in Valencia. Sie haben nach einem 4:1-Hinspielsieg das Champions-League-Viertelfinale erreicht. Wie war das?

imago0046715921h.jpg

Viertelfinale erreicht: Robin Gosens schreit seine Freude heraus.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Es war der absurdeste Tag in meinem Leben. Innerhalb von ein paar wenigen Stunden, wo du auf Wolke sieben schwebst und den größten Moment deiner bisherigen Karriere erlebst - dann heimfliegst und den schrecklichsten Moment deiner Karriere erlebst. In einen Albtraum in der Stadt Bergamo. Diese krassen Extreme in wenigen Stunden zu erleben, wird mich immer prägen.

Ganz sicher auch der Sieg im Hinspiel im legendären Mailänder Stadion San Siro. Rückblickend sprechen Experten von dem "Spiel null", weil sich offenbar viele Menschen im Stadion mit dem Coronavirus angesteckt haben. Auch Ihre Großmutter war im Stadion dabei. Was denken Sie jetzt in der Nachbetrachtung?

Klar, wenn man so was liest, wobei es nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit bestätigt werden kann, dann ist das sehr emotional. Man muss es ja so sehen: Wir stehen da auf dem Platz und spielen das wichtigste Spiel unserer Karriere und auf den Tribünen sind die Menschen und für einige war es der Anfang vom Ende sozusagen. Dieser Kontrast ist Wahnsinn. Und das macht mich tief betroffen. Und natürlich habe ich mir große Sorgen um meine Oma gemacht, die extra nach Italien geflogen ist, um mich spielen zu sehen. Man kann im Nachhinein von großem Glück sprechen, dass sie sich nicht angesteckt hat. Wenn es denn wirklich das "Spiel Zero" war.

Warum sind Sie nicht, wie etwa Sami Khedira, nach Hause gereist, sondern haben die ganze Zeit in Bergamo verbracht - wie übrigens der ganze Kader?

Es wurde ganz klar vom Verein gesagt, dass wir die Stadt nicht verlassen dürfen. Auch aus dem Grund, dass man kein falsches Signal senden wollte, was ja auch irgendwo nachvollziehbar ist. Wir sind schließlich das Epizentrum Europas und wollen ausreisen - das wäre nicht gut angekommen. Im Nachhinein die richtige Entscheidung, dass wir alle in häusliche Quarantäne gekommen sind ohne auszureisen. Wir hatten ja auch noch keine Tests. Im Nachhinein kam ja auch raus, dass 40 Prozent der Valencia-Spieler infiziert sind.

Jetzt geht es aber wieder weiter mit dem Fußballbetrieb. Das klubeigene Trainingscamp Zingonia soll bald wieder öffnen. Anders als in Deutschland verbringen die Profis in Italien generell mehr Zeit in diesen Einheiten. Wie kann man sich das vorstellen - werden Sie dort jetzt erst mal für mehrere Wochen einkaserniert?

imago0045847475h.jpg

Es ist noch völlig unklar, wann in Bergamo wieder Fußball gespielt werden kann.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency)

Dazu muss ich sagen, das sind die neuesten Berichte, aber die sind noch nicht bestätigt. Es gab jetzt hier sozusagen einen Fahrplan, der vorgestellt wurde von einer Art "Specialforce". Der wird am Mittwoch Thema im Gesundheitsministerium sein. Wenn es so kommen würde, bedeutet es, dass wir auf unserer riesigen Trainingsanlage verschiedene Gruppen bilden werden. Wir sollen dann alle in regelmäßigen Abständen getestet werden. Und dann soll in Kleingruppen angefangen werden, wieder den Platz betreten zu dürfen und dann soll das immer weiter ausgeweitet werden um dann, wenn alles gut läuft, Ende Mai wieder zu spielen.

Halten Sie das für realistisch?

Hätte mich das vor einer Woche jemand gefragt, hätte ich gesagt "Nö - auf keinen Fall!" Jetzt, wo immerhin ein konkreter Fahrplan rausgekommen ist, der in meinen Augen auch Sinn macht, halte ich es für realistischer. Ich finde allerdings die Vorstellung immer noch etwas krass und komisch. Dass du vor drei, vier Wochen im schrecklichsten Ort Europas bist und jetzt Ende Mai die Fußballschuhe schnüren sollst und komplett zur Normalität übergehen sollst - das finde ich im Kopf aktuell noch schwer zu verarbeiten, ehrlich gesagt.

Dieses hochgezüchtete Objekt Profi-Fußball - sind Sie überrascht, wie schnell das Kartenhaus zusammenfallen kann? Sie haben auch ein Herz für den FC Schalke 04, der ordentlich in Schieflage geraten ist und die deutschen TV-Gelder braucht, um zu überleben. Ist es an der Zeit, daraus Lehren zu ziehen und vielleicht sich auch mal zu hinterfragen, in welche Richtung das in den letzten Jahren ging?

Ja, auf jeden Fall! Ich glaube, dass das definitiv der Zeitpunkt sein sollte, an dem man gewisse Dinge hinterfragen soll. Aber das ist ja auch ganz klar und kein Geheimnis, dass das Fußball-Business von Geld regiert wird und wenn dieses Geld dann mal wegfällt, sieht es für ganz ganz viele Vereine auch schnell mal schlecht aus. Das ist jetzt der Fall und ich wünsche mir nicht nur für Schalke sondern für alle Vereine, dass sie diese Phase überstehen. Aber nicht nur Vereine haben das Problem, auch mittelständische oder generell Unternehmen haben dieses Problem. Dementsprechend wünsche ich mir das erst mal für alle und dann wünsche ich mir, dass das Ganze auch mal knallhart reflektiert wird, ob denn alles so richtig gelaufen ist in der Zeit und dem Profibusiness, dass das alles so schnell hochgezogen wurde mit dem Geld.

Sie stehen bis 2023 in Bergamo unter Vertrag - jetzt haben Sie viel Zeit zu Hause, denken Sie auch über die Zukunft nach?

Ja, natürlich macht man sich Gedanken über die Zukunft. Ich denke, dass das Fußball-Business eins ist, wo man sich ständig Gedanken machen muss über die Zukunft. Auch wenn man meist nur die Möglichkeit hat im Hier und Jetzt zu leben, weil die Verträge alle so schnelllebig sind. Ich habe auch nie einen Hehl draus gemacht, dass ich den Traum Fußball-Bundesliga realisieren möchte. Dementsprechend gibt es schon auch einen Plan, den ich im Kopf habe - ob das jetzt mittel- oder langfristig realisiert wird, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass dieses Ziel nicht nur ein Ziel, sondern vielmehr ein Traum ist.

Mit dem Champions-League-Viertelfinale würde sicher ebenfalls einer in Erfüllung gehen. Glauben Sie, dass man diese Saison zu Ende spielen kann - inklusive der europäischen Wettbewerbe?

Mit dem Gedanken tue ich mich ehrlich gesagt noch etwas schwerer als mit dem Ende der nationalen Ligen. Da denke ich mir, jedes Land hat eigene Probleme und Deutschland ist vielleicht schon weiter als Italien, Italien ist dann schon wieder etwas weiter als Spanien, Frankreich und England. Also ich tue mich schwer mit dem Gedanken, wie das mit dem ganzen Reiseverkehr stattfinden soll, weil ja auf internationalem Niveau viel mehr Menschen beteiligt sind an der ganzen Geschichte. Das Einzige, was ich mir aktuell vorstellen kann, ist, dass man mit einem Mini-Turnier auf neutralem Boden alles zu Ende bringt, weil das vom organisatorischen Aufwand am besten zu handhaben ist. Alles andere ist für mich eher schwierig zu greifen.

Mit Robin Gosens sprach Nico Holter

Quelle: ntv.de