Fußball

Irak-Krieg, Clinton und Kippen Showdown in Katar und die Tragödie von Doha

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Japan mit Ruy Ramos (2.v.l.) und Kazuyoshi Miura (l.).

Vor 28 Jahren blickt die Fußball-Welt auf ein Turnier in Katar. Es hat Potential, die Zukunft des Fußball in den USA zu beeinflussen. Die sechs Teilnehmer bereiten den Organisatoren der WM 1994 große Sorgen. Ganz andere Probleme hat der Niederländer Hans Ooft. Er zündet sich eine Zigarette an.

"Football, bloody hell", sagte Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, im Jahr 1999 nach dem historischen 2:1 im Champions-League-Finale gegen Bayern München. "Football, bloody hell", denkt sicher auch der Niederländer Hans Ooft als knapp sechs Jahre vorher, und genau heute vor 28 Jahren, der Iraker Jaffar Omran Salman nach einer Flanke hochsteigt und dem japanischen Torhüter Shigetatsu Matsunaga nicht den Hauch einer Chance lässt. Wie Domino-Steine fallen Oofts Spieler auf die Erde, berappeln sich kurz, um den Ball nach dem Anstoß in Richtung Tor der Iraker zu dreschen und brechen dann wieder zusammen. Der Schweizer Schiedsrichter Serge Muhmenthaler pfeift das Spiel ab.

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Hans Ooft am 28. Oktober 1993.

Kurz vorher hat sich Ooft, dem als ersten Ausländer die Geschicke der japanischen Nationalmannschaft anvertraut wurden, auf seine Trainerbank im Al-Ahli-Stadion in Doha niedergelassen, eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche gezogen und erst einmal durchgeatmet. Sein Team ist noch eine, vielleicht zwei Minuten entfernt von der ersten WM-Teilnahme überhaupt. Von den Tribünen vernimmt er den Sound der Siegestrommeln der mitgereisten Fans.

"Kann mich an nichts erinnern"

Rund 300 haben die lange Reise auf sich genommen, um diesen historischen Moment mitzuerleben. Doch dann schleicht sich ein irakischer Flügelspieler an seinen Gegenspielern vorbei und flankt wie in Zeitlupe. In der Mitte steigt Jaffar Omran Salman hoch. Der Ball beschreibt einen großen Bogen und landet im Netz. Ooft drückt seine Zigarette aus.

Keine Stunde vorher steht Ooft in der Kabine der Japaner. In großen Lettern schreibt er "Noch 45 Minuten bis nach Amerika" auf die Tafel. Japan ist früh durch Kazuyoshi Miura in Führung gegangen und auf WM-Kurs. Denn darum geht es. In einer verrückten Qualifikationsgruppe brauchen sie diesen Sieg gegen den Irak, um sich für die Endrunde in den USA zu qualifizieren.

Es wird anders kommen. Erst der erste Ausgleich, die erneute Führung, dann der Kopfball in der Nachspielzeit. Die Spieler sacken zusammen. Sie können es nicht glauben. Blackout. "Ich kann mich an nichts mehr erinnern, nicht an die Ereignisse in der Umkleidekabine, nicht an die Interviews nach dem Spiel und auch nicht an die Busfahrt zurück zum Hotel", erzählte Mittelfeldspieler Hajime Moriyasu vor einigen Jahren.

Die USA sind besorgt

Das Turnier in Doha, Katar ist politisch aufgeladen wie kein anderes in dieser Zeit. In der zweiten und letzten Runde der asiatischen Qualifikation zur WM 1994 treten insgesamt sechs Nationen gegeneinander an. Japan, Saudi-Arabien, Südkorea, Irak, Iran und Nordkorea. Das Turnier wird hastig über die Bühne gebracht - und unter besondere Beobachtung der USA.

Die wollen mit der WM den Fußball nach Amerika holen. Alles ist genau geplant. Der erste Aufschlag des Fußballs nach dem Ende der Zirkusliga in den 1970er und 1980er Jahren. Eine gigantische Show ist für die Auslosung geplant. In Las Vegas werden James Brown und Robin Williams auftreten und der amtierende US-Präsident Bill Clinton mit einer Video-Botschaft den Stellenwert des Turniers herausheben. Später wird Diana Ross bei der Eröffnungsfeier singen. Danach die MLS, die Profi-Liga, aus der Taufe gehoben. Die Stars sind an Bord. Doch dann hören die Organisatoren von diesem Turnier in Katar.

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Alan Rothenberg holte den Fußball nach Amerika.

(Foto: imago/HJS)

"Wir konnten es nicht fassen. Wir hielten den Atem an", sagte Alan Rothenberg, der Präsident des amerikanischen Fußballverbands: "Drei Länder - Iran, Irak und Nordkorea, die die USA nicht mochten - und diese Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit - hatten die Chance, sich zu qualifizieren." In den USA stellte man sich auf das Worst Case Scenario ein. Rothenberg: "Wir hatten ein spezielles Budget für diese Teams. Wir hätten jeden auf Verbindungen zum Terrorismus überprüfen müssen. Das hätte Millionen und Abermillionen von Dollar verschlungen."

"Keine. Terroristen. In. Amerika"

Es ist die Zeit kurz nach dem ersten Irak-Krieg. Und auch die Eskalation zwischen dem Irak und Iran ist noch nicht lange her. Die FIFA schickt ihre besten Schiedsrichter. So auch den Rumänen Ion Craciunescu, der sich durch seine klare Haltung im kollabierenden Kommunismus seines Heimatlandes einen guten Ruf erworben hat. "Die FIFA hat uns das doppelte Geld bezahlt", erzählte er dem "Blizzard". "Als wir dort ankamen, sagte uns Sepp Blatter, dass wir ein echtes Horrorturnier erwarten könnten."

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Ion Craciunescu war 1988 beim EM-Halbfinale zwischen Deutschland und den Niederlanden Linienrichter.

Der spätere FIFA-Präsident ist als Generalsekretär für die Durchführung des Turniers verantwortlich. Craciunescu wird für die Partie Irak gegen Iran auserwählt. Problemlos kommt er durch die 90 Minuten. Der Irak gewinnt mit 2:1 und bewahrt sich die Chance auf die WM-Teilnahme. In den USA wachsen die Sorgen. "Keine. Terroristen. In. Amerika", erinnerte sich der Schiedsrichter an die Sorgen der Offiziellen, die zu diesem Zeitpunkt niemand wirklich formuliert. Denn Clinton soll versichert haben, dass egal, wer sich für das Turnier qualifiziert, auch in den USA willkommen geheißen wird.

Showdown in Katar

Das Turnier steht an diesem 28. Oktober 1993 kurz vor dem Abschluss. Am letzten Spieltag in Katar haben noch fünf Teams Chancen auf die WM in den USA. Nur Nordkorea ist draußen. Japan und Saudi-Arabien haben beide 5:3 Punkte, Südkorea, Irak und Iran lauern dahinter mit 4:4 Punkten. Südkorea tritt gegen Nordkorea an. Saudi-Arabien duelliert sich mit dem Iran und Japan trifft auf den Irak. "Ich habe das mit Adleraugen verfolgt", erinnerte sich OK-Chef Rothenberg.

Die Spiele werden parallel ausgetragen. Saudi-Arabien schlägt Iran mit 4:3 und ist qualifiziert, Südkorea gewinnt gegen Nordkorea und darf hoffen. Auch Irak verabschiedet sich mit diesem Sieg der Südkoreaner. Ihr Torverhältnis ist zu schlecht. Es wird nicht reichen. Rothenberg kann sich entspannen. So wie Japans Trainer Hans Ooft. Der sich auf der Bank eine Kippe ansteckt. Noch eine Minute, noch zwei Minuten vielleicht. Dann geht es nach Amerika. Ein starkes Signal für den Fußball in Japan, dort ist gerade die J-League entstanden.

Dann kommt die Flanke. "Wir waren schon in der Nachspielzeit", erinnerte sich Ooft. "Aber es ging einfach weiter. Und dann sah ich den Stürmer der Iraker im Strafraum…" Wenig später drückt Ooft seine Zigarette aus. Seine Spieler fallen wie Domino-Steine und das Spiel ist aus. Südkorea gewinnt. Der Showdown in Katar endet mit der "Tragödie von Doha", wie dieser Tag im Oktober bis heute in Japan genannt wird. In den USA ist man erleichtert. "Die Anwesenheit des Militärs hätte die Begeisterung bei dem Turnier vielleicht gedämpft", erinnert sich Rothenberg. "Es hätte weniger Party-Stimmung geherrscht." Japan wird sich 1998 für die WM in Frankreich qualifizieren und 2002 als gemeinsamer Ausrichter mit Südkorea auftreten, Hans Ooft wird 10 Tage nach dem Aus entlassen.

Quelle: ntv.de

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