Fußball

Oliver Bierhoff im Interview "Spiele ohne Zuschauer sind sinnvoll"

DFB-Direktor Oliver Bierhoff hält eine Beendigung der Bundesliga-Saison ohne Zuschauer für möglich. Im Interview mit ntv.de erklärt der ehemalige Italien-Profi, wie damit die Stimmung im Land wieder angehoben werden könnte, welche Sorgen die DFB-Kicker jetzt plagen und warum er schon in seiner aktiven Zeit Zweifel am italienischen Gesundheitssystem hatte.

Herr Bierhoff, wo erreichen wir Sie gerade?

Oliver Bierhoff: Ich bin wie eigentlich alle Mitarbeiter des DFB im Homeoffice. Das auch schon seit einiger Zeit, wir haben da relativ schnell agiert. Gefühlt bin ich derzeit jeden Tag 12 Stunden in Telefon- oder Videokonferenzen. Das ist sehr intensiv, es besteht natürlich viel Abstimmungsbedarf in den verschiedenen Gruppen des DFB, die sich immer wieder updaten, vor allem wie es weitergeht. Da ich sonst immer viel auf Reisen bin, ist es die ersten Tage auch mal angenehm, nicht immer wieder den Koffer zu packen und unterwegs zu sein.

Viele Nationalspieler engagieren dieser Tage. Inwieweit verfolgen Sie das?

Die Reaktionen der Spieler haben mich sehr gefreut. Dass einmal die Idee kam, als Mannschaft etwas tun zu wollen. Wir versuchen ja auch immer, den Spieler deutlich zu machen, dass sie gerade als Nationalspieler eine besondere Verantwortung haben. Man spürt in den Diskussionen mit den Spielern, dass diese Thematik sie beschäftigt. Sie stellen sich überhaupt nicht in den Vordergrund. Da kam noch nie die Frage, wie geht es jetzt mit mir weiter? Wann kann ich wieder trainieren? Sondern es gibt eher Sorgen, wie es mit dem Fußball generell in unserem Land weitergeht. Gestern Abend hatten wir zum Beispiel eine Schalte, da war auch Toni Kroos aus Madrid zugeschaltet. Wenn der aus Spanien berichtet, dann möchte man gar nicht daran denken, dass so eine Entwicklung auch in Deutschland kommen könnte.

Die Testgegner für die DFB-Elf wären an diesem Nationalmannschaftsspieltag Italien und Spanien gewesen. Blicken Sie in die zwei Länder, in denen das Virus noch größeren Schaden anrichtet als in Deutschland?

Meine früheren Vereinskollegen aus Udine und Mailand haben von teilweise dramatischen Bedingungen berichtet. Man merkt natürlich auch, wenn man mit Freunden dort spricht, dass es sehr auf die Stimmung und die Mentalität drückt. Es ist eine große Unsicherheit da. Mit den Verbänden selber haben wir relativ schnell Kontakt aufgenommen und auch geklärt, dass wir irgendwann die Spiele gerne nachholen wollen. Aber das steht natürlich jetzt erst einmal im Hintergrund.

Sie haben zehn Jahre in Italien gespielt, auch in der Region, die derzeit besonders betroffen ist.

Ich habe gerade auch nach Norditalien, wo viele meiner Kollegen sitzen, und Mailand noch Kontakt. Da spürt man natürlich die Sorge. Ich bin 1991 nach Italien gegangen, da waren paradiesische Zustände vorhanden. Der komplette Modemarkt, das Essen, die Vereine schwammen nur so im Geld. Es war aber in den letzten Jahren aber schon zu spüren, dass es eine marode Infrastruktur gibt, dass in das Gesundheitssystem zu wenig investiert wurde. Das war schon zu meiner Zeit so, dass man teilweise in Krankenhäusern sein Essen selbst mitbringen musste, dass man nicht ausreichend versorgt werden konnte. Und das ist heute auch bei den Menschen die Sorge: Einmal die gesundheitlichen Aspekte – also haben wir überhaupt eine richtige Versorgung? Mir hat auch ein Ex-Spieler berichtet, dass es schon bedrückend ist, wenn man sieht, wie die Militärautos Särge wegfahren und man eigentlich nichts machen kann. Und natürlich, wie es mit dem Land dann irgendwann generell weitergeht.

Kommen wir noch einmal auf die unmittelbaren Auswirkungen auf den DFB zu sprechen. Es ist großer Verband, da hängen auch viele Arbeitsplätze dran und wie bei Firmen und Betrieben fallen Einnahmen weg. Inwieweit sind Sie da derzeit als Krisenmanager gefragt?

Da sind wir alle gefordert. Wir müssen uns noch ein Bild über den wirklichen Schaden machen, den können wir noch nicht genau abschätzen. Wir warten ja auch täglich über neue Informationen, wie die Uefa, Fifa und auch die DFL weiterdenkt. Ich glaube aber, dass in vielen Vereinen die Situation dramatischer ist, gerade was die Liquidität angeht. Wir haben da in den letzten Jahren sehr gut gehaushaltet, sehr solide gearbeitet. Wir machen uns jetzt aber auch schon klare Gedanken darüber, welche Investitionen wir zurückfahren, wie wir Sparmaßnahmen einleiten können. Uns ist natürlich bewusst, dass bei uns ein großer Schaden entsteht. Generalsekretär Curtius hat ja schon einmal 50 Millionen Euro angedeutet. Das Problem geht in alle Bereiche. Wir haben auch viele Honorarkräfte in unseren Mannschaften, denen teilweise von heute auf morgen 100 Prozent der Aufträge in ihren jeweiligen Aufgabengebieten wegfallen. Das ist schon besonders.

Es ist unmöglich vorauszusagen, wie es denn mit dem Fußball weitergehen könnte, aber es gibt wohl die Idee, ab Anfang Mai mit Geisterspielen die Saison noch zu retten. Könnten Sie sich damit anfreunden?

Unser Präsident hat es ja auch gesagt: Keiner wünscht sich Spiele ohne Zuschauer. Die Stimmung im Stadion ist enorm wichtig, das wird gerade jedem wieder deutlich. Dass vielleicht alltägliche Sachen wie zur Arbeit gehen, in Ruhe einkaufen zu können oder seiner Freizeit in Sportstätten nachgehen zu können ein unglaubliches Gut ist, auf das wir gerade verzichten müssen.

Ich persönlich halte es trotzdem für möglich und für sinnvoll, auch Spiele ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Aus mehreren Gründen: Das eine ist, die Menschen finden zu Hause mehr Möglichkeiten, den Sport zu verfolgen. Es gäbe ein bisschen Auflockerung. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Sport und gerade der Fußball - und da wollen wir als Nationalmannschaft natürlich auch einen Beitrag leisten - die Atmosphäre und Stimmung im Land wieder etwas anheben können. Das andere ist natürlich, dass es auch wirtschaftlich für die Vereine und auch für uns ein wichtiger Aspekt ist. Dass die Fernsehrechte mittlerweile einen Großteil der Einnahmen betragen und dass man darauf nicht länger verzichten sollte. Und, irgendwann soll ein Wettbewerb auch mal zu einem Ende kommen.

Wenn es nicht dazu kommen sollte, könnte es um die Existenz des einen oder anderen Vereines gehen. Es gibt immer wieder Forderungen, dass der Fußball mit seinen gutverdienenden Profis sich selbst helfen muss und es keinerlei Unterstützung geben soll von anderen Stellen.

Ich glaube, Hilfe brauchen wir jetzt alle irgendwie. Wir müssen uns gegenseitig stützen und der eine bedarf es mehr oder weniger. Mich hat es gefreut, dass die Politik wirklich versucht, alle Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche abzudecken. Nicht nur die großen Unternehmen, sondern eben auch die kleinen. Und das wird natürlich auch im Fußball notwendig sein, genau hinzuschauen: Wer bedarf Hilfe und wer nicht? Welche Art von Hilfe ist notwendig? Ich hoffe, dass am Ende irgendwie alle durchkommen. Aber das ist schwer einschätzbar, genau wie in der Wirtschaft, ob dann wirklich kurzfristige Übergangshilfen ausreichen, um die großen Schäden abzudecken.

Glauben Sie, dass sich die Fußballbranche, die Fußballlandschaft national und international durch die aktuelle Situation nachhaltig verändern wird?

Nachhaltigkeit ist immer so eine Sache. Da habe ich vielleicht wenig Hoffnung, aber es wird auf jeden Fall eine starke Reaktion in den nächsten ein, zwei, drei Jahren geben. Natürlich werden die Preise heruntergehen, genau wie die Gehälter. Aber ich hoffe natürlich – und das geht auch auf die Worte von Jogi Löw ein – dass wir alle diese Zeit nutzen, um ein bisschen hier und da nachzudenken, um sich verschiedene Gedanken zu machen. Zum Beispiel über Homeoffice, wie sinnvoll es sein kann, die Umwelt zu schützen. Und, dass man auch das positiv nutzen kann. Ich habe mit vielen Freunden und Menschen geredet und man hat im ersten Moment bei vielen das Gefühl, dass viele sagen: Jetzt endlich mal durchatmen, vielleicht dieses schnelle Rad, dass die Welt in den letzten Jahren gedreht hat, mal kurz anzuhalten. Vielleicht nehmen wir da was mit und setzten als Gesellschaft auch wieder an neuen Punkten an?

Kann diese Krise auch Positives für den Fußball bewirken?

Ich glaube, im Fußball wird noch mal deutlicher, dass das Wichtigste das Spiel ist. Dass es stattfindet, dass wir Freude daran haben, dass das Schöne im Spiel immer wieder transportiert wird. Und dass man bei den vielen Eigeninteressen, die in den letzten Monaten und Jahren nach und nach entstanden sind – durch starken Kommerz, aber auch durch eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit, sei es von den Vereinen, sei es von den Verbänden, von den Medien oder auch den Fans - wieder schneller zusammenfindet und sagt: Wir sind in der Krise, wir müssen zusammenhalten, wir müssen jetzt gemeinsam sehen, dass dieses schöne Spiel Fußball auch weiter erfolgreich nach draußen getragen wird.

Mit Oliver Bierhoff sprach Timo Latsch.

Quelle: ntv.de