Fußball

VAR beim "Fünf-Gänge-Menü"? Stolze Schalker verstehen die Handregel nicht

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Der Arm von Ivan Perisic ist schon etwas weiter draußen als erlaubt. Und er berührt den Ball.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Sieben Monate wartet der FC Schalke 04 bereits auf einen Heimsieg in der Fußball-Bundesliga. Auch gegen den FC Bayern war der an diesem 2. Spieltag nicht in Reichweite. Zufrieden war der Trainer trotzdem - ganz anders als dessen Tochter.

Als dieses Bundesligaspiel längst entschieden war und die letzten Sekunden liefen, da waren viele der Sitzschalen in der Schalker Arena schon verwaist. Zahlreiche Anhänger der Gelsenkirchener wollten nach dem 0:3 (0:1) ihres FC Schalke 04 am 2. Spieltag gegen den FC Bayern aus München - und gegen einen in Weltklasseform aufspielenden Robert Lewandowski - an diesem Samstagabend dann doch lieber früh daheim sein und dem üblichen Verkehrschaos rund ums Stadion aus dem Wege gehen. Sie verpassten einen großen emotionalen Moment. Denn wären sie geblieben, hätten sie miterleben können, wie die Nordkurve ihre Mannschaft lautstark und minutenlang feierte. Und das nach einer Niederlage, die angesichts des Resultates als glatt hätte durchgehen können. "Die Kurve", sagte Schalkes Trainer David Wagner nach Spielende, "ist immer ein sehr guter Indikator." Und die hatte das, was seine Mannschaft gegen einen übermächtigen Gegner geleistet hatte, offenbar richtig eingeordnet.

Schalke 04 - Bayern München 0:3 (0:1)

Tore: 0:1 Lewandowski (20., Foulelfmeter), 0:2 Lewandwoski (50.), 0:3 Lewandowski (75.)
Schalke:
Nübel - Kenny, Stambouli,  Nastasic, Oczipka - McKennie, Mascarell (59. Salif Sane) -  Caligiuri, Harit (85. Mercan), Raman (51. Kutucu) - Burgstaller. - Trainer: Wagner.
München: Neuer - Pavard, Süle, Hernandez (77. Martinez) -  Kimmich, Alaba - Gnabry (57. Perisic), Thomas Müller (57. Coutinho),  Tolisso, Coman. Lewandowski. - Trainer: Kovac.
Schiedsrichter: Fritz (Korb)
Zuschauer: 62.271 (ausverkauft)

Es war am Ende nicht genug, um den Deutschen Meister der letzten sieben Spielzeiten zu gefährden, doch phasenweise gelang es den Knappen immerhin, eine Emotionalität zu entfachen, wie sie die Arena lange nicht mehr erlebt hatte. "Rotzfrech" wollte der Coach sein Team sehen, und schon die Anfangsviertelstunde der Gastgeber wirkte sehr engagiert. Die Schalker begegneten dem Gegner früh, pressten erfolgreich, ließen aber nach Ballgewinn lediglich im Umschaltspiel die Chance liegen, mit präziserem Passspiel zu guten Einschussgelegenheiten zu kommen.

Das machte der Favorit aus München besser, der schwere individuelle Fehler der Hausherren zu Toren nutzte. Jonjoe Kenny beispielsweise lief seinem Gegenspieler Kingsley Coman im Sechzehnmeterraum ungeschickt von hinten in die Beine. Den unstrittigen Strafstoß versenkte Robert Lewandowski souverän zur Führung (20.). Und auch beim 0:2 halfen die Hausherren tatkräftig mit. Ein leichter Zupfer von Weston McKennie am Trikot von Corentin Tolisso führte zu einem Freistoß aus rund 20 Metern Entfernung, den erneut Lewandowski spektakulär und unhaltbar für Alexander Nübel verwandelte (50.). Den Schlusspunkt setzte - na, wer wohl - erneut Lewandowski eine Viertelstunde vor dem Ende (75.), als er sich gekonnt gegen Schalkes Abwehrkante Salif Sané durchsetzte und auch Nübel erneut keine Chance ließ.

"Ich bin mit vielem sehr einverstanden"

Dazwischen aber lag die Phase, in der die Schalker Mannschaft ihre Fans, die sich in der Halbzeit noch einmal kollektiv von den vor Wochen getätigten Äußerungen ihres Aufsichtsrats-Vorsitzenden Clemens Tönnies distanzierten, auf ihre Seite zog. Schalke spielte plötzlich mutig und gut nach vorn, kreierte Chancen und verpasste gleich mehrfach den längst verdienten Anschlusstreffer. Mehr noch: Das blau-weiße Fußballkollektiv offenbarte neben großer Moral eine grundsätzliche Spielidee und zeigte, dass es auch gegen große Teams zu Torgelegenheiten kommen kann. "Darauf kann man aufbauen", sagte auch Wagner in seiner Analyse. "Ich bin mit vielem, was ich heute gesehen habe, sehr einverstanden."

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Sicher aber gehörte die Schiedsrichterleistung im Verbund mit dem Videoassistenten nicht dazu. Gleich zwei Mal verweigerten sowohl Referee Marco Fritz als auch Bastian Dankert in Köln den Gelsenkirchenern einen Handelfmeter. Zuerst sprang der Ball an den ausgestreckten Arm Benjamin Pavards bei einem Kopfball von Matja Nastasic (55.), später dann an den von Ivan Perisic bei einem Freistoß von Daniel Caligiuri (68.). Die einzige Szene, die den Video-Assistenten zu einem Einspruch entlockte, als erneut Perisic der Ball an die Hand sprang, war dagegen eher belanglos und wurde vom Unparteiischen zurecht nicht sanktioniert. In den beiden anderen Fällen war Wagner "auf die Erklärungen gespannt. Wenn ich mir die strittigen Szenen anschaue, hätten wir zwei Elfmeter verdient gehabt. Das waren klare Situationen. Wir hatten doch eine Schulung vor der Saison, deshalb verstehe ich das nicht."

Diese Meinung hatte Wagner keineswegs exklusiv. Zumindest war die Verwunderung groß, dass nicht zumindest der Videobeweis zu Rate gezogen wurde. Nach dem Spiel bezog Schiedsrichter Fritz im ZDF-Sportstudio Stellung. "Ich würde es wahrscheinlich anders entscheiden, kann aber nachvollziehen, dass ich nicht rausgeschickt wurde, weil es keine hundertprozentige Fehlentscheidung von mir war", so der 41-Jährige. Bezug nehmend auf die Kritik von Stuttgarts Coach Tim Walter - geäußert nach dem Spiel seines VfB bei Erzgebirge Aue - , dass die Videoassistenz geschlossen beim Pausenbrot sei, schimpfte nun auch Wagners Tochter Lea via Instagram und postete, dass die Unparteiischen im Kölner Keller wohl "zum Fünf-Gang-Menü" gegangen seien.

Noch viel Bewegung im Schalker Kader

Immerhin war Wagner Sportsmann genug, den Bayern-Sieg deshalb nicht infrage zu stellen. "Der geht in Ordnung", sagte er. "Wir waren vor allem in der ersten Halbzeit zu fahrig und nicht selbstbestimmt genug." So aber kommt es, dass der FC Schalke 04 nicht nur die einzige Mannschaft ohne Torerfolg in der noch jungen Bundesligasaison ist, sondern zudem seit sieben Monaten auf einen Heimsieg wartet.

Perspektivisch betrachtet aber dürften die Dinge am Schalker Markt schon allein deshalb bald besser werden, weil mit Suat Serdar, Mark Uth, Ozan Kabak und Alessandro Schöpf gleich vier Spieler auf dem Weg zurück in die Mannschaft sind, die auf zentralen Positionen weiterhelfen können. Und auch der Finanzrahmen, innerhalb dessen die sportliche Führung unter Jochen Schneider auf dem Transfermarkt agieren kann, dürfte wieder größer werden. Nachdem mit Hamza Mendyl (Ausleihe an Dijon) und Pablo Insua (Ausleihe an SD Husca) zwei Spieler zumindest von der Payroll verschwunden sind, deutet sich ein Leihe- inklusive Kaufoption des auf Schalke in Ungnade gefallenen Nabil Bentaleb zu Werder Bremen an. Marketingchef Alexander Jobst ließ unter der Woche durchblicken, dass beide Vereine in aussichtsreichen Gesprächen seien. Bliebe allein noch der Ukrainer Yevhen Konoplyanka, dessen Wechselabsichten zu Fenerbahce und auch zu Besiktas Istanbul sich nicht zu konkretisieren scheinen. Gelingt es den Schalkern, die Gehälter der beiden Spieler einzusparen und zudem noch die eine oder andere Million zu erlösen, darf es als sicher gelten, dass der Klub noch einmal personell nachbessern wird.

Da aber derzeit bei den Blau-Weißen zu viele Konjunktive den Handlungswillen einschränken, wird sich die Sanierung des gestürzten Großklubs auch weiterhin schwierig gestalten. Erfolge gegen die kommenden Gegner in den nächsten Wochen mit der entsprechenden Kragenweite (Hertha BSC daheim, Paderborn auswärts, Mainz daheim), könnten helfen, das zarte Band, das gestern zwischen den Fans und der Mannschaft neu geknüpft wurde, zu festigen. Ob deren bedingungslose Unterstützung zu Selbstzufriedenheit führen könne, wurde Wagner gefragt. "Wenn man doof ist, dann schon", lautete seine Antwort. "Da wir aber nicht doof sind, ist das Risiko diesbezüglich 0,0 Prozent."

Quelle: n-tv.de

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