Fußball

Stars nerven, Klub will Erfolge Stratege Tuchel wirkt verloren in Paris

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Thomas Tuchel ist nicht der Starflüsterer - sondern ein stringenter Fußballfachmann.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Lange ist Thomas Tuchels Scheitern bei Paris Saint-Germain eine sichere Sache. Zu viele Baustellen muss der deutsche Trainer auf einmal beheben und sich mit dem Ego einiger Superstars herumärgern. Doch nach eineinhalb Jahren sitzt Tuchel immer noch auf dem Trainerstuhl.

Das Jahresende hätte für Paris Saint-Germain nicht besser verlaufen können. Seit dem 1. November gewann die Mannschaft neun ihrer zehn Partien. Ein Remis gab es nur auswärts bei Real Madrid in der Champions League. Der nächste Ligatitel scheint bereits zum Greifen nahe. Und auch international macht sich der Pariser Klub einmal mehr Hoffnungen auf ein Vorstoßen bis ins Endspiel - im Achtelfinale geht es gegen Borussia Dortmund, dem Ex-Klub von Trainer Thomas Tuchel. In den vergangenen Jahren kam PSG nie über die ersten zwei K.-o.-Runden hinaus. In der letzten Saison schied die Mannschaft bereits im Achtelfinale gegen das eigentlich kriselnde Manchester United aus.

Die großen Ambitionen, die mit den Millioneninvestitionen der katarischen Eigentümer einhergehen, konnte der Klub bis jetzt nicht erfüllen. Nationale Meistertitel in der französischen Ligue 1 bringen eben nicht das globale Ansehen, das sich Präsident Nasser Al-Khelaifi wenige Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land wünscht. PSG wirkt immer noch wie ein gescheitertes Projekt von schwerreichen Außenseitern, die sich den Erfolg doch nicht einfach kaufen können.

Ein großes Problem ist dabei der Standort des Klubs. Paris mag eine europäische Metropole sein, aber im europäischen Fußball kann sie es mit den traditionsreichen Städten wie Madrid, Manchester oder München nicht aufnehmen. Die hochbezahlten Superstars wie Neymar und Kylian Mbappé sind in ständiger Unruhe, weil sie die in ihren Augen mittelmäßige französische Liga verlassen möchten. Gerade im Fall von Neymar mag das skurril klingen, hat der Brasilianer doch erst vor zweieinhalb Jahren den FC Barcelona verlassen, um in Paris der unangefochtene Superstar zu werden und nicht nur der Sidekick von Lionel Messi zu bleiben.

Ein Pariser Wanderzirkus

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Neymar und Mbappé machen Tuchel das Leben schwer.

(Foto: REUTERS)

Eben jener Neymar macht genauso wie Mbappé Cheftrainer Tuchel das Leben schwer. Es sind nicht die sportlichen Leistungen, die den Deutschen regelmäßig in die Schlagzeilen bringen; es sind die ständigen Auseinandersetzungen mit seinen Superstars, die allem Anschein nach keinen Respekt vor ihm haben. Der französische Weltmeisterstürmer von 1998, Christophe Dugarry, fällte deshalb kürzlich ein fatales Urteil: "Tuchel ist bei PSG am Ende, er hat nichts mehr zu melden", behauptete er bei einem Auftritt im Sender RMC Sport. "Ich sehe bei PSG kein Kollektiv. Icardi, Neymar, Mbappé, alle konzentrieren sich auf ihre individuellen Leistungen und spielen nur gut, wenn sie Lust dazu haben."

In der Tat gibt es gefühlt jede Woche einen neuen Zwist in der Mannschaft. Lange Zeit war es vor allem Neymar, der sich mit beständigen Wechselabsichten zu Wort meldete und den Anschein vermittelte, Paris gar nicht schnell genug verlassen zu können. PSG traf sich im Sommer zu Verhandlungen mit Barcelona und Real Madrid. Am Ende blieb der brasilianische Offensivspieler in der französischen Hauptstadt, um dann im Oktober mitzuteilen, dass er gar keinen Grund sehe, aus Paris wegzugehen.

Auch eine Ehefrau macht Ärger

Mbappé wiederum beschwert sich regelmäßig, wenn ihn Tuchel nicht für die Startelf nominiert und stattdessen etwas Schonzeit gibt. Da wird sogar ein Auswärtsspiel in Brügge schnell zum Politikum, wenn es einmal nicht nach dem Willen des 21-Jährigen geht. Dieser würdigt auch Tuchel keines Blickes, sollte ihn der Deutsche für Eric Maxim Choupo-Moting auswechseln – also einem Spieler, der in der Auffassung Mbappés weit unter ihm steht. "Man muss eine gewisse Hierarchie respektieren, man spielt den Ball zu den Stärksten. Jetzt wird mir der Ball zugespielt und ich nutze meine Chancen mehr. So einfach ist das", sagte er kürzlich dem Fußballmagazin "France Football".

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Wanda Nara macht nicht nur die Presse verückt.

(Foto: imago images / Gribaudi/ImagePhoto)

Zu allem Überfluss haben sich die Pariser im Sommer mit Mauro Icardi den nächsten Unruhestifter an Land gezogen. Icardi selbst mag nicht der allergrößte Lautsprecher sein, seine Frau und Managerin Wanda Nara allerdings schon. Das Model ist nicht nur omnipräsent in den argentinischen Medien, sondern auch in den europäischen Gazetten. In Mailand waren einige nicht ganz unglücklich, als dieses Paar endlich Inter im Sommer verließ.

Ohne das notwendige Renommee

Mit diesem Zirkus muss sich Tuchel, der nicht gerade als ein Menschenfänger vom Schlage Jürgen Klopp gilt, seit längerer Zeit herumplagen. Sportlich hat er einige Zeit gebraucht, um das volle Leistungsvermögen der Mannschaft abzurufen. In der vergangenen Saison unternahm Tuchel einige taktische Experimente, mittlerweile hat er sich auf zwei Systeme – das standardmäßige 4-3-3 sowie ein 4-2-2-2 – festgelegt.

Anders als bei seinen Bundesligastationen muss er nicht nur die passenden Spieler für die von ihm vorgesehenen Rollen finden, sondern auch darauf achten, so viele Stars wie möglich ins System zu integrieren. Einer solchen Aufgabe muss sich in Europa nahezu kein anderer Trainer stellen. Bei anderen Topklubs genießen die meisten ein derart hohes Ansehen, dass sie aufstellen können, wen sie wollen. Bei kleineren Vereinen hat fast kein Spieler den Stellenwert, wie ihn Neymar und Mbappé in Paris besitzen.

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Von Zidane träumen viele PSG-Fans.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Für Tuchel kam das Engagement in Paris eventuell ein paar Jahre zu früh. In Mainz und Dortmund leistete er natürlich meist gute Arbeit, konnte aber nicht jenes Renommee gewinnen, das ihn mehr oder weniger immun gegen Angriffe von innen und außen macht. Nicht ganz grundlos schreiben einige französische Journalisten bereits über ein angebliches Interesse von PSG an Zinédine Zidane. Der momentane Trainer von Real Madrid verfügt über alles, was es in Paris braucht: eine herausragende Spielervita, drei Champions-League-Titel als Trainer und einen gottgleichen Status in Frankreich. Gegen den charismatischen Südfranzosen würden wahrscheinlich nicht einmal Neymar und Mbappé ohne weiteres das Wort erheben.

Tuchel ist kein Starflüsterer

Für Tuchel gilt derweil, dass er nur mit sehr guten sportlichen Leistungen und vor allem mit Erfolgen auf internationalem Parkett "überleben" kann. Er wurde als ein Fußballfachmann und nicht als Starflüsterer verpflichtet und muss diese Rolle nun bis zur Perfektion ausfüllen. Die taktischen Anpassungen greifen mittlerweile, weshalb Paris gerade in der Defensive um einiges stabiler als noch in der Vorsaison wirkt.

Ob jedoch Neymar und Co. ihr volles Leistungspotenzial abrufen, darauf haben Tuchel und seine taktischen Maßnahmen nur bedingt Einfluss. Das hängt eher mit der Lust und Laune dieser Individualisten zusammen. Paris bleibt für den deutschen Trainer ein schweres Terrain.

Paris Saint-Germain führt die Tabelle der französischen Ligue 1 souverän an. In 18 Spielen hat das Team von Trainer Thomas Tuchel nur dreimal verloren und insgesamt 45 Punkte gesammelt. Sieben Punkte dahinter liegt Olympique Marseille auf Platz zwei.

Quelle: ntv.de