Fußball

Werders Flirt mit dem Torjäger Taugt Max Kruse noch als Heilsbringer?

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2019 wechselte Max Kruse von Werder Bremen zu Fenerbahce Istanbul - kehrt er jetzt zurück?

(Foto: imago images/Seskim Photo)

Werder Bremen und Max Kruse - ergibt das nochmal Sinn? Der Nordklub buhlt um seinen Ex-Kapitän, der sich bald entscheiden will. Was vor einigen Wochen noch absurd wirkte, erscheint nun für beide Seiten durchaus nutzbringend. Aber kann Kruse seinen strauchelnden Ex-Verein wirklich retten?

Im deutschen Profifußball sind wieder selbstbewusste Spieler mit Ecken und Kanten gefragt, die offen und ehrlich sagen, was sie denken. Diese Meinung äußert zumindest Werder-Stürmer Niclas Füllkrug im "Weser-Kurier". Gut möglich, dass er damit einen neuen Sturm-Kollegen an die Weser locken möchte. Denn Max Kruse ist für vieles bekannt, aber gewiss nicht dafür, ein Leisesprecher zu sein. Schließlich erklärte dieser mal selbst über sich, dass er einer sei, "der auch gerne mal was sagt". Und passend dazu wird über die Personalie Kruse in Bremen immer mehr und konkreter gesprochen.

Wochenlang wischte Werder-Geschäftsführer Frank Baumann eine mögliche Rückkehr Kruses als wilde Mediengerüchte weg. Nun beginnt der Bundesligaklub, der sich gerade noch so in der Relegation gegen den FC Heidenheim die Erstklassigkeit sicherte, die Saisonvorbereitung ohne den ehemaligen Offensivspieler - und doch spricht niemand über etwas anderes. Nach Informationen des Internetportals "deichstube.de" haben die Werder-Bosse durchaus Interesse und führten bereits Vorgespräche mit Kruse. Der im vergangenen Sommer zu Fenerbahce nach Istanbul Abgewanderte, der jüngst auch mit Union Berlin in Verbindung gebracht wurde, kündigte via Instagram an: "Ich werde mich entscheiden müssen und das wird jetzt auch passieren."

Der Torjäger versprach in dem Video: "Wir sehen uns auf jeden Fall bald in der Bundesliga wieder." Auch Schalke 04 soll ein Interessent sein. Für Werder spricht dabei seine äußerst erfolgreiche Vergangenheit, im Jahr vor seinem Abschied führte er die Mannschaft als Kapitän aufs Feld. Bei den Hanseaten schoss er von 2016 bis 2019 in 84 Liga-Spielen 31 Tore und gab 26 Vorlagen. Aber kann Werder nach dem Katastrophen-Jahr einen alternden Top-Star gebrauchen - und kann Kruse noch Heilsbringer sein?

Werder konnte Kruse nie ersetzen

Im Schnitt brauchte Kruse bei Werder weniger als anderthalb Spiele für eine Torbeteiligung. In den zehn Spielzeiten vor Kruses Wechsel in die Türkei sammelten nur fünf Spieler in der gesamten Bundesliga mehr Assists als der potenzielle Neu-Bremer, darunter die Bayern-Stars Thomas Müller, Franck Ribéry und Arjen Robben. Auch in 20 Süper-Lig-Spielen wusste Kruse mit jeweils sieben Treffern und Vorlagen zu überzeugen. Genau diese Tore fehlten der oft hilflosen Werder-Offensive im Seuchen-Jahr 2019/20 in nahezu jeder Partie. 42 schossen die Grün-Weißen ohne Kruse, 16 weniger als ein Jahr zuvor mit Kruse.

Wenn die Werderaner ehrlich sind, dann ist Kruse der einzige Ausnahmespieler (Milot Rashica ist vielleicht auf dem Weg dahin und Claudio Pizarro war es in den vergangenen Jahren nur noch von seiner Aura her), den Bremen seit Kevin de Bruynes Abgang 2013 hatte. Er war der Dreh- und Angelpunkt, das Relais des Bremer Spiels. Als Kruse ging, hofften Trainer Florian Kohfeldt, Baumann und Co. ihn durch ein Mannschaftsgefüge ersetzen zu können. Das funktionierte nicht annähernd. Werder hatte auf einmal keinen großen Einzelkönner mehr im Team. Yuya Osako sollte Kruses Position besetzen, blieb aber fast das ganze Jahr über weit hinter den Ansprüchen zurück. Allein deshalb ergibt die Verpflichtung einer kreativen Schaltzentrale Sinn.

Es stellt sich aber die Frage, ob und wie lange ein 32-Jähriger für eine fast abgestiegene Mannschaft noch mal den Heilsbringer geben kann. Gerne kehrte Kruse ja aus dem Sommer mit ein paar Kilo zu viel auf den Rippen zurück, seine Liebe zu Nutella wurde ihm in jedem zweiten Interview aufgetischt. Zuletzt war Kruse auch verletzt (Bänderriss im Sprunggelenk) oder krank (Blinddarmentzündung) und dürfte sich derzeit trotz Instagram-Videos, die ihn beim individuellen Training zeigen, nicht in einem bundesligatauglichen Zustand befinden. Deshalb soll laut "deichstube.de" aus Bremer Sicht spätestens bis zur Reise ins Trainingslager ins österreichische Zell am Ziller (14. bis 25. August) eine Entscheidung gefallen sein. Mit Verpflichtungen von verletzungsanfälligen (Füllkrug) oder alternden (Ömer Toprak) Profis geriet Werder im vergangenen Jahr schon einmal in die Bredouille und tut gut daran, eine mögliche Verpflichtung genau zu überdenken.

"Du brauchst Leute, die in schwierigen Phasen vorangehen"

Macht Kruse aber die komplette Vorbereitung mit und hält er sich fit, könnte er aber durchaus noch für zwei bis drei sehr starke Jahre sorgen. Sein Kreativgeist und seine Unberechenbarkeit machen ihn zu einer Gefahr für jeden Gegner. Seine Überraschungsmomente können immer noch für den Unterschied sorgen - auch wenn er vielleicht nicht mehr jeden defensiven Meter mitgeht. Das weiß auch Kohfeldt, der ein Jahr lang die fehlende Bremer Durchschlagskraft und die bundesliga-untaugliche Ausrechenbarkeit seiner Offensive beobachten musste. Er, der den Torjäger zum Kapitän machte und ihm auf dem Platz zurecht viele Freiheiten gewährte, dürfte sich für Kruse ausgesprochen haben.

Werder kränkelte in der vergangenen Saison in der Defensive aber mindestens genauso schlimm. Und auch das mag zum Teil am Verlust von Lautsprecher Kruse und seiner mentalen Stärke gelegen haben. Als Kapitän haute er auf dem Platz wie auch hinter den Kulissen schon mal auf den Tisch. Zeigte Präsenz. Sprach in Fernseh-Interviews, mal mehr und mal weniger pampig, Versäumnisse im Werder-Spiel offen und direkt an. Stieg der Druck, wurde stets auch Kruses Leistung besser. Dass mit ihm die Bremer Mannschaft nach Rückständen ähnlich ängstlich agiert hätte und so oft komplett auseinander gebrochen wäre wie in diesem Jahr geschehen, ist unwahrscheinlich. "Du brauchst Leute, die in schwierigen Phasen vorangehen. Und Max ist so jemand", sprach sich auch Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann im "Weser-Kurier" für eine Verpflichtung des Stürmers aus.

Kaum finanzielles Risiko

Ob Heilsbringer oder nicht. Ein Spieler wie Kruse kann eine verängstigte Werder-Mannschaft weiterbringen. Schon verbal und mit seinem Anführer-Gen. Und auch für den 32-Jährigen ist eine Station wie Bremen - mit einem Trainer, der ihn über die Jahre perfekt einzusetzen wusste, mit einer Mannschaft, die weiß, was er für sie bewirken kann und mit Fans, die ihm schnell ihre Herzen zufliegen ließen - kurz vor der Zielgeraden seiner Karriere nicht die schlechteste. Die zunächst etwas verrückt anmutende Rückholaktion ergibt auch finanziell Sinn, denn der Torjäger wäre wohl ablösefrei zu haben, da Fenerbahce ihm sein Gehalt nicht zahlte. Der Fußball-Weltverband Fifa erlaubt in solchen Fällen einen ablösefreien Wechsel und den Bremern, denen aufgrund der Corona-Krise rund 30 Millionen Euro fehlen sollen, könnte so ein Schnäppchen gelingen.

Schließlich ist so ein Ausnahmespieler, wie Kruse einer sein kann, einer, der auch mit 32+ Jahren noch immer für ein paar Tore und Vorlagen gut sein wird, selten ohne Ablöse zu haben. Und in Sachen Gehalt hatte Werders Ex-Kapitän zuletzt selbst erklärt, dass ihm, anders als im vergangenen Sommer, das Geld bei seiner möglicherweise letzten Station als Profi nicht mehr so wichtig sei. Der Lautsprecher muss also nur noch laut und deutlich "Ja" sagen - und Werder könnte deutlich gestärkt in die nächste Saison starten.

Quelle: ntv.de