Fußball

Einer der letzten Typen der Liga Schade, Sandro Wagner!

f696cfd5524180a18815db7b8fa58a7e.jpg

Sandro Wagner hat immer und überall polarisiert.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Nach 13 Jahren ist Schluss: Sandro Wagner beendet seine Karriere. Er ist bereits der dritte Profi binnen weniger Wochen, der mit dem Fußball aufhört. Anders als Benedikt Höwedes und André Schürrle verlässt er die große Bühne aber nicht verbittert, sondern dankbar.

Sandro Wagner ist in seinem Leben als Fußballprofi sehr, sehr vielen Menschen auf den Senkel gegangen. Der mutmaßlich prominenteste: Joachim Löw. Der Bundestrainer, der stets in einem bemerkenswerten Gleichgewicht zu schweben scheint, verlor im Frühsommer 2018 die Fassung. Wegen Wagner. Der hatte vor der WM in Russland klargemacht, dass seine Nicht-Nominierung ein Fehler sei. Unverständlich. Nicht ernst zu nehmen. Die Wucht der Attacke verknüpfte er mit seinem sofortigen Rückzug aus dem DFB-Team. Es war das laute Ende einer kurzen, aber einer erfolgreichen Zeit für Deutschland: acht Spiele, fünf Tore.

Ihn für die WM zu nominieren, es wäre vermutlich nicht die schlechteste Idee gewesen. Zwar war Wagner nicht der beste deutsche Stürmer, wie er damals selbst verkündete, mutmaßlich aber der formstärkste. Ob er das historische Debakel der Nationalmannschaft allerdings verhindert hätte? Niemand weiß es. Was die Welt weiß: Mit Wagner hätte das Team einen Typen gehabt, der Dinge offen anspricht, der mitreißt, der provoziert und nervt. Einen Typen, den es in der Mannschaft, die von der Erdogan-Foto-Affäre schwer belastet war, so nicht gab. Nicht geben sollte? "Für mich ist klar", schimpfte Wagner, "dass ich mit meiner Art, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse".

Löw konterte die Kritik in bis dato unbekannter Vehemenz: "Ich empfinde es als Kritik gegenüber seinen Kollegen. Er stellt manche dar, die bei uns nun schon ewig spielen, die zu den Führungsspielern gehören, als wären sie ausgemachte Vollidioten", ärgerte sich der Bundestrainer nur wenige Tage später öffentlich. "Als ob sie nur deswegen bei uns sind, weil sie nicht ihre Meinung sagen." Wagner hat mittlerweile längst seinen Frieden mit der Sache gemacht. Zum Ende seiner Karriere, das er am Sonntag via "Bild"-Zeitung verkündet hatte, bekannte er, dass es ihn mit "besonderem Stolz erfüllt" habe, "das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen".

"Irgendwann muss ich falsch abgebogen sein"

Mit Deutschlands A-Team gewann der bullige Stürmer sogar einen Titel, den Confederations Cup 2017. Damit steht er (in der Quantität) auf einem Level mit den alten Kollegen der goldenen Generation - es ist allerdings die einzige große Gemeinsamkeit mit den Weltmeistern Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira oder auch Mesut Özil nach dem gemeinsam gewonnenen EM-Titel 2009 mit der U21. Während die Karrieren vieler Europameister nach dem Triumph in internationale Höhen wuchsen, quälte sich Wagner durch ein mühsames Tal mit vielen Stationen (andere aus dem Team verschwanden indes völlig), die er stets als einer verließ, der verzichtbar war, der auch verspottet wurde. "Irgendwann muss ich falsch abgebogen sein", analysierte Wagner einmal mit Blick auf seine Laufbahn.

Weder beim FC Bayern, wo er groß geworden war, noch bei Werder Bremen, beim 1. FC Kaiserslautern oder aber bei Hertha BSC konnte er beweisen, dass er ein Stürmer ist, der in der 1. Bundesliga mithalten kann. Lediglich bei Zweitligist MSV Duisburg lieferte er stabile (wenn auch keine überragenden Werte) ab. Sandro Wagner, das war lange Zeit ein Typ, dessen größte Stärke in der öffentlichen Wahrnehmung die Provokation war. Unvergessen (und unverziehen) sind die Bilder, wie er nach seinem Siegtreffer für den SV Darmstadt im Berliner Olympiastadion (2:1) in die Kurve der Herthaner rannte und jubelte. Es war mehr Abrechnung als Jubel. Ein Gemisch aus Wut und Euphorie über den Klassenerhalt mit den Lilien.

Wagner war wieder der große Provokateur, aber nun endlich auch etablierter Stürmer. 14 Tore schoss er in der Saison 2015/16. Sieben Jahre nach dem EM-Versprechen erlebte er sein erstes stabiles Karrierehoch. Und das schleppte er mit nach Hoffenheim und schließlich zurück zum FC Bayern, wo er als Backup für Robert Lewandowski bereitstand - und die Rolle zumindest unter Trainer Jupp Heynckes überzeugend ausfüllte. So überzeugend, dass er von der WM-Teilnahme überzeugt war. Den Verzicht durch Löw kompensierte Wagner schließlich mit Wut (siehe oben), einem Medaillenwurf beim vergeigten DFB-Pokalfinale und Tränen (im Training des FC Bayern). Das nationale Mitleid hielt sich in Grenzen. Der Stürmer taugte weder zum Liebling, noch vereinte sich so viel Wut auf ihn, wie auf Mesut Özil, dessen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan - İlkay Gündoğan war auch dabei - die Stimmung im WM-Sommer brutal vergiftete.

Wo Wagner ist, da sind Emotionen

Was Wagner indes schaffte: Emotionen. Im Guten wie im Bösen. Als er einst - zumindest sehr ausführlich begründet - bekannte, dass Fußballer mindestens "angemessen oder teilweise eher zu wenig" verdienen würden, erntete er heftige Kritik. Wagner hielt sie aus. Er hatte gesagt, was er denkt. Und das war ihm wichtig. Immer. Wagner ist halt viel mehr als ein "prolliger" Profi. "Wenn mir jemand sagt, Fußball sei sein einziger Lebensinhalt, dann halte ich das für dumm", sagte er einmal in einem Interview mit "11 Freunde" und fügte an: "Dem kann ich nur empfehlen, um 20 Uhr mal die Tagesschau anzumachen. Da kann er sehen, was wirklich wichtig ist." Wagner reflektierte viel über die Welt.

Auch, als er sich mal mit den sozialen Medien beschäftigte. Ein "ganz großes Übel" erkannte er darin. Wie dort miteinander umgegangen werde, "so stumpf, asozial, sinnlos. Wenn ich die ganzen kleinen Instagram-Gangster sehe mit ihren Goldketten ... Im echten Leben muss Mami kommen, wenn es ein Problem gibt." Als Familienvater sieht er "die Gefahr, dass unsere Kinder immer dümmer und letztlich auch unglücklicher werden. Weil sie falschen Vorbildern hinterher eifern, die eine glatt geleckte Glamour-Welt vorheucheln." Auch die Selbst-Inszenierung einiger Fußballprofis, die er auf dem Platz bisweilen selbst betrieb, hält er für übertrieben: "Ich finde das immer ein wenig befremdlich, wenn Kollegen das ganze Wohnzimmer wie ein Fußball-Museum dekorieren." Stattdessen plädiere er dafür, sich nicht so wichtig zu nehmen: "Wir sind als Menschen nicht anders als beispielsweise diejenigen, die für acht Euro in der Stunde unsere ältere Generation pflegen."

Nun hört Wagner auf und will im kommenden Sommer als Trainer loslegen. Vermutlich im Nachwuchs des FC Bayern. Der chinesische Klub Tianjin Teda, bei dem er vergangene Woche wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie seinen Vertrag aufgelöst hatte, bleibt somit die letzte Station einer durchwachsenen und trotzdem bemerkenswerten Karriere. Er geht, trotz angeblicher Angebote. Auch aus der Bundesliga. Und mit ihm geht einer der letzten Typen der Liga. Ein umstrittener, aber auch ein guter. Als er zur Saison 2016/17 von Darmstadt nach Hoffenheim wechselte, ging Wagner durch die Räume der Geschäftsstelle und begrüßte alle Mitarbeiter. "So etwas ist für mich selbstverständlich und wichtig."

Gold-Steaks? Bibo-Mäntel? Protz-Videos? Das ist nicht Wagner. Ein Typ, der mit der Branche abrechnet, so wie die Weltmeister André Schürrle und Benedikt Höwedes, ist er aber auch nicht. Wagner geht und sagt: "Ich bin unglaublich dankbar, dass mir der Fußball ein wunderbares Leben ermöglicht hat. Ich habe all meine Ziele und Träume verwirklichen können. Ich habe die lange Reise sehr genossen."

Quelle: ntv.de