WM-Boykott, Russen-Rückkehr?Trump, Russland und Infantino verstören die UEFA

Die WM-Debatte brodelt, Russland drängt zurück - und über allem schwebt die Frage: Wie positioniert sich der europäische Fußball? Kann er überhaupt eine gemeinsame Position finden? Antworten darauf könnte es in den nächsten Tagen in Brüssel geben.
Hans-Joachim Watzke und Bernd Neuendorf geben sich größte Mühe, die leidige WM-Debatte im Keim zu ersticken. Doch auf dem UEFA-Gipfel in dieser Woche in Brüssel wird das Spitzenduo den Rufen nach einer Reaktion auf die Machenschaften von Donald Trump und Gianni Infantino ebenso wenig entkommen wie den drängenden Fragen zur voranschreitenden Russland-Rückkehr. Denn Europas Fußball steckt mitten in einem politischen Würgegriff.
Der Umgang mit der Mega-WM, Trumps aggressiver Politik oder Infantinos fragwürdigem Gebaren steht zwar nicht auf der offiziellen Tagesordnung für den Kongress am Donnerstag, auf den Fluren der Brüsseler Messe dürfte das Thema aber durchaus diskutiert werden. Zumal inzwischen selbst die einst mächtigsten Männer des Fußballs ganz unverhohlen zum Widerstand gegen Infantinos FIFA aufrufen. Nur wie positionieren sich die Europäer?
Auch Annalena Baerbock mischt sich ein
Obwohl die UEFA die WM nicht selbst organisiert, besitze sie innerhalb des Weltverbandes FIFA moralisches und politisches Gewicht, schrieben mehrere EU-Abgeordnete der Tagesschau zufolge in einem Brief an die Europäische Fußball-Union (UEFA). Daher sollten die Europäer noch einmal ihr Bekenntnis zu Menschenrechten, Inklusion und internationalen Normen betonen - auch wenn der US-Markt in Europas Top-Ligen eine hohe Attraktivität besitzt.
Es sei die "Aufgabe von Verbänden, Funktionären und politischen Akteuren", erklärte Annalena Baerbock, Präsidentin der UN-Vollversammlung, in einem "FAZ"-Interview, "sich bei solchen Großereignissen nicht auf den Rängen als Claqueure politisch instrumentalisieren zu lassen".
DFB-Vize Oke Göttlich, der das Thema hierzulande befeuert und den DFB zu einem frühzeitigen "Nein" zu einem Boykott gedrängt hatte, geht es darum, dass sich der europäische Fußball darüber klar werden müsse, "in welches Land wir in welchen Zeiten fahren und was wir dort repräsentieren wollen". Es sei durchaus möglich, dass man in die USA reise, "hoffentlich weit kommt und für die Demokratie Fußball spielt", sagte er im ZDF.
Mächtige Norwegerin fordert Einigkeit
Nach den Diskussionen um Russland oder Katar warnt auch Stanis Elsborg von der Initiative Play the Game davor, die WM-Debatte "erneut auf eine simple Ja-oder-Nein-Frage" zu reduzieren. Ein Fernbleiben von dem Prestigeevent sei ja nur "eine unter verschiedenen Optionen", die die UEFA prüfen müsse, sagte der EU-Abgeordnete Erik Marquardt von den Grünen.
Norwegens Verbandschefin Lise Klaveness sprach sich gegen einen "isolierten Boykott" aus. Aber: Es sei wichtig, "dass die europäischen Länder mit einer Stimme sprechen und zusammenstehen". Das gilt wohl auch mit Blick auf eine mögliche Rückkehr Russlands, die Infantino trotz des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine jüngst in Aussicht gestellt und damit die UEFA indirekt unter Druck gesetzt hatte.
Auf europäischer Ebene müsste das Exko mit Watzke, das am Mittwoch tagt, über eine Aufhebung der Sanktionen entscheiden. Wie sich der DFB in den Gremien positioniert, kommentierte der Verband auf Anfrage nicht.
Ex-Bosse Blatter und Platini üben Druck aus
Dabei mehren sich die Stimmen, die die UEFA gerne als entschlossenere Opposition zur FIFA sehen würden. Dass mehrere Europäer um den DFB-Chef Neuendorf im Vorjahr den FIFA-Kongress aufgrund Infantinos verspäteter Anreise vorzeitig verlassen hatten, bezeichnete der ehemalige FIFA-Chef Joseph S. Blatter im Schweizer Tagesanzeiger nur als "Schlag ins Wasser".
Ähnlich klang Michel Platini. UEFA-Boss Aleksander Ceferin müsse in der FIFA "präsenter sein", um Infantino "von weiteren Dummheiten abzuhalten", sagte der frühere Verbandschef in einem Interview mit dem Guardian: Die UEFA sei "immer wichtig" gewesen und habe "ein Gegengewicht zu den unsinnigen Aktionen der FIFA" gebildet. Und nun?