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Fehldeutung oder problematisch? Türkei-Experten erklären den Salut-Jubel

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(Foto: imago images/PanoramiC)

Türkische Vertreter und Experten erklären, der Militär-Salut der türkischen Fußballnationalspieler solle nicht auf eine "platte Erdogan-Unterstützung" reduziert werden. Christoph Daum, lange in Istanbul als Trainer tätig, findet die Wertschätzung für das Militär in der Türkei "extrem hoch".

Der früher auch in der Türkei tätige Ex-Trainer Christoph Daum kann sich an ein vergleichbares Szenario wie bei dem hoch umstrittenen Salut-Jubel der türkischen Fußball-Nationalmannschaft nicht erinnern. "Ich habe einige hundert Spiele als Trainer in der Süper Lig erlebt und auch rund einhundert Partien als Beobachter gesehen - das mit dem Militärgruß habe ich in dieser Art nicht erlebt", sagte der 65-Jährige dem Online-Portal "Sport1.de".

Daum arbeitete mehrere Jahre in der Türkei bei insgesamt drei Vereinen - Besiktas, Fenerbahce und Bursaspor. Nachdem türkische Nationalspieler beim Torjubel zuletzt mehrfach militärischen Gruß gezeigt hatten, während türkische Streitkräfte in Nordsyrien zur Bekämpfung der Kurdenmiliz YPG einmarschiert sind, äußerte sich Daum zum generellen Stellenwert und der Akzeptanz des Militärs in der Türkei aus seiner Sicht. "Der Asker - das ist die typische Bezeichnung für einen türkischen Soldaten - hat einen sehr hohen Stellenwert", sagte Daum.

Die Spieler von der Türkei mit (l-r) Yusuf Yazici , Cenk Tosun, Merih Demiral, Mehmet Zeki Celik und Hakan Calhanoglu gestikulieren. Foto: Uncredited/AP/dpa/Archivbild

Die Spieler von der Türkei mit (l-r) Yusuf Yazici , Cenk Tosun, Merih Demiral, Mehmet Zeki Celik und Hakan Calhanoglu gestikulieren. Foto: Uncredited/AP/dpa/Archivbild

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Das Militär genieße eine unheimlich große Anerkennung in der Türkei. "Ich habe selbst der Asker-Stiftung Geld gespendet." Jeder Türke habe dort sehr großes Mitgefühl. "Das ist nicht so wie bei uns, wo die Bundeswehr immer umstritten ist", sagte Daum: "In der Türkei ist das Militär fast wie die Polizei in Deutschland - dein Freund und Helfer. Die Wertschätzung eines Soldaten und der Armee ist extrem hoch."

Sperre "nicht richtig"

Die umstrittenen Militär-Saluts mehrerer Fußballspieler aus Amateur-Vereinen sind nach Ansicht des türkischen Generalkonsuls Sener Cebeci falsch verstanden worden. Der Salut solle nicht als militärisches Symbol, sondern als "Gruß an alle Soldaten und ihre Verwandten" gesehen werden, sagte Cebeci bei einem Pressegespräch in Essen.

In der Türkei habe der Gruß eine andere Bedeutung als in Deutschland. Demnach sei auch die Sperre der Fußballspieler und die Verhängung von Geldbußen "nicht richtig", so Cebeci. Fotos, die die Gesten der Spieler dokumentieren, hatten in der Branche zuvor für massive Kritik gesorgt.

Keine "platte Erdogan-Unterstützung"

"Der Vorstandssprecher der Türkischen Gemeinde in Bayern wünscht sich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Thematik. "Der 'Salut-Jubel' darf nicht reduziert werden auf eine platte Erdogan-Unterstützung oder eine Gier auf kriegerische Konfrontation. Das ganze Thema ist sehr komplex, weil da der kulturelle und historische Kontext mit reinspielt", sagte Vural Ünlü, nannte Salut-Gesten aber "grundsätzlich problematisch".

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Auch die Fans ziehen beim Salut-Jubel mit.

(Foto: REUTERS)

In einem auf der Internetseite des Bayerischen Fußball-Verbandes veröffentlichten Doppel-Interview mit dem für Rechtsfragen zuständigen BFV-Vizepräsidenten Reinhold Baier nannte Ünlü einen entpolitisierten Sport illusorisch: "Ein Äußerungsverbot ist aus meiner liberalen Sicht zumindest diskussionswürdig. Wir leben in extrem politischen Zeiten und deshalb sollte es auch kein grundsätzliches Verbot geben, sich im Sport politisch zu positionieren."

Baier wies darauf hin, man müsse genau betrachten, wer im Einzelfall aus welchem Grund nachahme, gerade im Fall von Kindern und Jugendlichen. Außerdem müsse man zwischen einem politischen und gesellschaftlichen Statement unterscheiden. Der Fußball sei "ja selbst sehr aktiv mit seinen Aktionen und Statements gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung jeder Art", sagte er. "Etwas anderes sind Handlungen, die die Unterstützung einer einzelnen politischen Ausrichtung oder Handlung symbolisieren. Da gibt es die ganz klare, weltweit gültige Vereinbarung, dass der Fußball dafür keine Bühne ist und bieten soll. Das ist auch absolut richtig."

Quelle: n-tv.de, dbe/sid

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