Fußball

Viererpacker als Spurs-Albtraum Turbo-Gnabry verleiht FC Bayern neue Magie

Zum ersten Mal trifft Serge Gnabry in der Champions League und das gleich vierfach: Gegen Tottenham Hotspur verhilft der deutsche Fußball-Nationalspieler dem FC Bayern zu einem magischen Sieg. Seine Teamkollegen danken ihm auf spezielle Weise.

Die einzigen, die Serge Gnabry an diesem denkwürdigen Abend im Nordosten von London wirklich etwas anhaben konnten, waren seine Teamkollegen vom FC Bayern. Stolze vier Tore hatte der 24-Jährige zum sagenhaften Resultat von 7:2 für den deutschen Fußball-Rekordmeister gegen den englischen Klub Tottenham Hotspur beigesteuert - doch das bewahrte ihn nicht vor zwei kleinen persönlichen Demütigungen.

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Die schon jetzt legendäre Partie in der Champions League war gerade beendet, da packte Abwehrchef Niklas Süle plötzlich eine Grätsche aus und senste Gnabry vor den feiernden Fans der Münchener um. Der Matchwinner hob noch rechtzeitig ab und erklärte später: "Wir haben einfach ein bisschen Spaß gemacht." Doch der Spaß war da noch nicht vorbei: Kurz nach der Süle-Sense wollte sich Gnabry den Ball als Andenken sichern - allerdings schoss ihn Javi Martinez zu den Fans und Gnabry stand einen Moment lang hilflos inmitten seiner jubelnden Mitspieler. Der Ball flog schließlich zurück und Gnabry stapfte strahlend gen Kabine.

Zweifellos war Gnabry nicht der einzige beim FC Bayern, der das Stadion der Spurs glücklich verließ. "Das war eine Sternstunde der gesamten Mannschaft, aber natürlich ganz besonders für Serge", sagte Trainer Niko Kovac sichtlich zufrieden. Und selbst der sonst mit ausführlichem Lob zurückhaltende Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sah sich nach der Partie zu einer Jubelarie veranlasst. "Wir haben Geschichte geschrieben. Das war unglaublich, was wir heute erlebt haben", rief er bei seiner anschließenden Bankettrede. Den Mann des Tages erwähnte er allerdings nicht namentlich. Dabei hätte er dafür allen Grund gehabt.

Vier Treffer für die Geschichtsbücher

Tottenham - FC Bayern 2:7

Tore: 1:0 Son (12.), 1:1 Kimmich (15.), 1:2 Lewandowski (45.), 1:3, 1:4 Gnabry (53., 55.), 2:4 Kane (60./FE), 2:5 Gnabry (83.), 2:6 Lewandowski (87.), 2:7 Gnabry (88.)
Tottenham: Lloris - Aurier, Alderweireld,  Vertonghen, Rose - Winks (81. Lamela) - Sissoko, Ndombele (64.  Eriksen) - Alli (71. Lucas Moura) - Kane, Son
München: Neuer - Pavard, Jerome Boateng (72. Martinez), Süle,  Alaba (46. Thiago) - Kimmich, Tolisso - Gnabry, Coutinho, Coman (71.  Perisic) - Lewandowski
Referee: Turpin (FRA) Zus.: 60.127

In seinem zwölften Champions-League-Spiel hat der antrittsstarke Gnabry den FC Bayern zur lang ersehnten Magie zurückgeführt. Und wie. Mit seinem furiosen Turbo überforderte er die mit Weltklasse-Spielern wie Toby Alderweireld besetzte Spurs-Verteidigung gnadenlos. Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Gnabry in der Königsklasse des Fußballs getroffen. Und das nicht nur ein Mal. Nein, gleich zwei Minuten nach seinem Premierentreffer in der 53. Minute legte er das zweite Tor nach - und schnürte damit den schnellsten Doppelpack eines Bayern-Spielers in der Champions League. Doch damit nicht genug: Am Ende hatte Gnabry dem spätestens dann bemitleidenswerten Spurs-Keeper Hugo Lloris ganze vier Tore eingeschenkt. Fünf Torschüsse, vier Treffer - angesichts Gnabrys traditioneller Umrühr-Geste beim Torjubel musste man fast eine Sehnenscheidentzündung beim deutschen Nationalspieler befürchten.

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Durch den fulminanten Auftritt des Schwaben rückte fast in den Hintergrund, dass die personifizierte Toregarantie Robert Lewandowski zwei Tore geschossen und Joshua Kimmich nach seiner Team-internen Kritik mit dem wichtigen Anschlusstreffer - wie von Klubboss Rummenigge verlangt - geliefert hat. Und wer sich nach dem mehr oder weniger erzitterten 3:2-Sieg beim Bundesliga-Schlusslicht SC Paderborn auf eine "Mentalitätsscheiß"-Debatte à la BVB vorbereitet hatte, wird nun erst einmal zur Zurückhaltung gezwungen. Auch die gute Leistung von Manuel Neuer sollte vorerst für etwas mehr Ruhe in der deutschen Torhüter-Diskussion sorgen - und Uli Hoeneß Genugtuung verspüren lassen.

Apropos Hoeneß: Auch der Noch-Klubpräsident hatte Gnabry einst unterschätzt. "Wir dachten, naja, den holen wir jetzt einmal zurück, und dann schauen wir, ob er hin und wieder spielt", hatte er im Frühjahr gesagt - und den ehemaligen Hoffenheimer und Bremer dann als "größte Überraschung der Saison" geadelt. Auch Bundestrainer Joachim Löw lobte Gnabry jüngst in den höchsten Tönen. "Er hat Tempo zum Tor und eine gute Technik, er kann verschiedene Ebenen spielen. Er ist für den Gegner schwer zu greifen", sagte der DFB-Coach vor gut vier Wochen. Eigentlich genug Zeit also, sich auf die Gnabry'schen Sturmläufe einzustellen. Trotzdem schien Tottenham nun von den Qualitäten des einstigen Spielers aus der Kaderschmiede des Stadtrivalen FC Arsenal überrascht und erlebte so einen Albtraum in der Königsklasse.

Von den TSF Ditzingen in die Weltklasse

Doch auch der neue Chef-Magier selbst konnte das Geschehene nicht so richtig fassen. "Ich habe lange auf mein erstes Champions-League-Tor gewartet. Dass ich jetzt gleich vier schieße, hätte ich mir auch nicht erträumen lassen", sagte Gnabry. Dann fügte er hinzu: "7:2 habe ich bis jetzt selten gewonnen. Vier Tore habe ich seit der F-Jugend nicht mehr gemacht." Damals lief er übrigens für die Turn- und Sportfreunde Ditzingen im Nordwesten Stuttgarts auf.

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Am Abend wurde es zärtlicher zwischen Kimmich und Gnabry.

(Foto: dpa)

Nun hat sich Gnabry mit vier Treffern auf der höchsten Ebene des Klubfußballs in die Weltklasse katapultiert. Bescheiden bleibt er trotzdem. Auf den Sieg solle sich sein Team "nicht zu viel einbilden", sagte er nach dem Spiel und verriet sein Erfolgsgeheimnis: "Papa hat heute Mittag noch einmal gesagt, dass ich gut spielen muss und das habe ich heute erledigt." Da werden es ihm seine frotzelnden Kollegen verziehen haben, dass er nach dem Spiel etwas zu spät zum Bankett erschienen ist. Münchens Auftakt-Torschütze Kimmich jedenfalls war angetan von Gnabrys Leistungs-Explosion: "Bei Serge war jeder Schuss ein Treffer. Der kriegt vielleicht noch einen Kuss auf die Stirn, bevor er ins Bett geht."

Quelle: ntv.de