Fußball

Remis ist "maximal bitter" Unangenehmes Gladbach ärgert sich und Real

Borussia Mönchengladbach ärgert sich, vor allem über sich selbst. Das Unentschieden gegen Real Madrid in der Champions League tut aber beiden Teams weh, den spanischen Gästen am Ende vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Sie hätten sich so viel Ärger, "Abers" und Kummer ersparen können, die Spieler von Borussia Mönchengladbach. Sie hätten einfach nur das 3:0 oder später das 3:1 machen müssen an diesem für den Fußball-Bundesligisten 86 Minuten lang großen, großartigen Champions-League-Abend. "Am Haken" habe man Real Madrid gehabt, sagte Trainer Marco Rose hinterher am Sky-Mikrofon. Der größte Klub der Welt, der zehnfache Champions-League-Sieger, stand bis zu jener 87. Minute vor einer bitteren Pleite beim international doch seit Jahrzehnten kaum verhaltensauffällig gewordenen Bundesligisten.

Schon wieder 2:2, schon wieder ein Last-Minute-Ausgleich gegen ein internationales Schwergewicht. Ein Sieg gegen die Spanier hätte die späte Enttäuschung der in den letzten Sekunden noch verspielten zwei Punkte bei Inter Mailand wohl mehr als kuriert. So steht am Ende ein neuer Nackenschlag. Rose stampfte nach dem Abpfiff auf den Rasen, seine Spieler trotteten leeren Blickes über den Rasen. Aber statt mit dem Schicksal zu hadern und die Ungerechtigkeit des Fußballs zu beschwören, war man bei den in der Champions League weitestgehend unbeleckten Gladbachern sehr schnell sehr nüchtern in der Analyse, trotz aller Enttäuschung. "Das ist ärgerlich und fühlt sich an wie eine Niederlage. Aber wir wissen auch, dass wir heute mit einer brutalen Effektivität gespielt haben. Ab der 80. Minute müssen wir es nach vorne sauber zu Ende spielen", sagte Rio-Weltmeister Christoph Kramer.

"Hatten Real am Haken"

Torwart Yann Sommer ärgerte sich ebenfalls über die eigenen Unzulänglichkeiten im Finale: "Wenn du 2:0 vorne bist und du bekommst es nicht über die Zeit, dann ist das natürlich enttäuschend. Wir haben ein gutes Spiel gemacht und Reals kleine Schwächen ausgenutzt. Für den Moment ist es sehr enttäuschend. Wir hatten Real wirklich in der Schlinge. Die Schlussphase ist ärgerlich. Das haben wir jetzt das zweite Mal erlebt, daran müssen wir arbeiten." Und Stürmer Marcus Thuram, mit zwei Treffern der Mann des Abends, hatte die eigenen Fehler im Auge: "Es war ein gutes Spiel von uns. Wir haben gegen eine große Mannschaft gespielt und wir wissen, dass große Teams niemals vor dem Ende aufhören zu spielen. Wir haben zwei späte Gegentore kassiert. Ich hoffe, dass wir aus unseren Fehlern lernen und uns in den nächsten Spielen verbessern."

Zur Erinnerung: Real hatte erst am Wochenende den Clásico gegen den FC Barcelona mit 3:1 gewonnen, gegen Gladbach schickte Reals Trainer Zinedine Zidane bis auf Verteidiger Nacho dieselbe Startelf auf den Rasen, wie gegen Lionel Messi und Kollegen. Es war keine Madrider B-Mannschaft, die die Gladbacher so lange diszipliniert, intensiv und ungeheuer effektiv bespielt hatten. Nach dem 2:3 zum Auftakt gegen Schachtar Donezk ging es für Real bereits ums sportliche Überleben in der Königsklasse. Es war ein Spiel, das sie unbedingt gewinnen mussten.

"Wollen nicht nur staunen"

Gegen Donezk hatte Real zuletzt schnell 0:3 zurückgelegen, die Aufholjagd blieb schließlich unvollendet, das Spiel verlor Real 2:3. Und Gladbach? "Wir hätten vorher den Sack zumachen können. Schachtar hat das dritte Tor gemacht, wir haben es verpasst", analysierte Rose entsprechend schlicht wie treffend. "Wenn wir in dem Wettbewerb dabei sind, wollen wir nicht nur staunen. Wir wollen unsere Chance suchen", hatte der Trainer angekündigt. Und seine international auf höchstem Niveau eher unerfahrene Mannschaft präsentierte sich tatsächlich als überaus aktiver Teilnehmer, als prägnanter Ton im Konzert der Großen.

Auch wenn zum zweiten Mal spät Punkte verloren gingen: Es gibt kein Muster, das die Mannschaft als zu grün, zu leicht oder zu ungeschickt überführen könnte. Gegen Inter war es ein später Moment der Weltklasse des bisweilen nicht zu verteidigenden Romelu Lukaku, der zum Ausgleich führte. Gegen Real war es das schiere Chaos, dass der letzte verzweifelte Strafraumsturm der Gäste provozierte. "Wenn dann beide Innenverteidiger mit dabei sind, sechs, sieben Spieler in der Box, dann brauchst du vielleicht auch mal das Quäntchen Glück", sagte Rose. Dass Gladbach gegen Real Madrid am Ende - ganz am Ende - doch noch zwei so nahe Punkte liegen ließ, fand der Trainer, der selbst seine erste Saison in der Champions League erlebt, zwar "maximal bitter", machte aber klar: "Ich glaube, dass man das gesamte Spiel sehen und die Qualität von Real Madrid anerkennen muss. Ich kann meiner Mannschaft schwer einen Vorwurf machen."

Mit dem "sehr, sehr geschlossenen und guten Auftritt" (Rose) hat man sich in Madrid wieder in Erinnerung gerufen. "In Madrid haben nicht viele von Gladbach gehört", hatte Deutschlands Nationalspieler Toni Kroos verraten, "ich habe den Leuten aber gesagt, dass das eine große Mannschaft ist, die man ernst nehmen muss. Wir müssen vorsichtig sein." Was Kroos womöglich nicht wusste: Einen Platz in der langen, ruhmreichen Geschichte Real Madrids hatte Borussia Mönchengladbach allerdings schon vor dem Spiel. Im Achtelfinale des Uefa-Cups 1985, dem letzten internationalen Aufeinandertreffen beider Klubs, gewann Borussia Mönchengladbach im Düsseldorfer Rheinstadion ein furioses Hinspiel mit 5:1. Das Rückspiel im Estadio Santiago Bernabeu ging mit 4:0 verloren.

"Bleiben Real unangenehm in Erinnerung"

Christian Hochstätter, 1985 im Gladbacher Mittelfeld, später viele Jahre als Manager für Borussia Mönchengladbach, berichtete dem Magazin "11 Freunde" mal von einem Besuch bei Real Madrid. Emilio Butrageno, 1985 ebenfalls dabei und später im Management der Spanier tätig, habe ihm "ein rie­sen­großes Foto gezeigt, das in der Geschäfts­stelle von Real Madrid ganz pro­mi­nent auf­ge­hängt war. Darauf sah man einen Haufen Spieler in weißen Tri­kots, die sich jubelnd übereinander geworfen hatten. Geschossen worden war es nach dem vierten Tor gegen uns. Offen­sicht­lich hatte dieses Tor auch für Real Madrid eine beson­dere Bedeutung, weil selbst ein 5:1‑Sieg nicht gereicht hatte, diesen großen Klub aus dem Euro­pa­pokal zu werfen." Das entscheidende Tor fiel damals in der 89. Minute und besiegelte das Aus für den Bundesligisten. So weit ist es 2020 noch lange nicht. Das Unentschieden hilft Außenseiter Mönchengladbach in der ausgeglichenen Hammergruppe trotz allem mehr, als dem noch nie in der Gruppenphase gescheiterten spanischen Großklub.

Gladbachs Sportdirektor Max Eberl freute sich: "Ich glaube schon, dass wir Real Madrid unangenehm in Erinnerung bleiben. Als eine Mannschaft, die sie eigentlich schlagen müssen, aber die sie nicht schlagen konnten." Ob das Unentschieden am Ende mehr sein kann als eine Randnotiz in der großen, ruhmreichen Geschichte Real Madrids und dafür ein Meilenstein auf dem Weg ins erste Achtelfinale der Champions League für Borussia Mönchengladbach?

"Es ist alles relativ eng beieinander. Wir hätten sechs oder vier Punkte haben können. Aber darüber darf man vielleicht gar nicht so sehr nachdenken, sonst wird's ganz bitter", sagte Rose mit Blick auf die Tabelle der Gruppe B. Donezk führt mit vier Punkten, dahinter folgen Gladbach und Inter mit zwei, der große Gruppenfavorit Real Madrid hat erst einen Punkt gesammelt. "Es wird international nie langweilig, ich hatte auch in Salzburg schon viele spannende Abende, bittere Abende, große Abende. Es macht Spaß, dabei zu sein und wir werden weiter daran arbeiten und kämpfen, dass wir dabei bleiben", versprach Rose noch. Aber dann am besten bis zum Schluss.

Quelle: ntv.de