Fußball

"In Leipzig stirbt der Fußball" Union-Fans trauern - aber nicht ums Ergebnis

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Die Fans des 1. FC Union Berlin tragen den Fußball zu Grabe - zumindest den, den Leipzig anbietet.

(Foto: Stephan Uersfeld)

Beim Bundesliga-Duell der Klubs RB Leipzig und 1. FC Union prallen zwei gegensätzliche Fanlager aufeinander. Die Berliner tragen vor Anpfiff symbolisch den Fußball zu Grabe. Der Respekt ist ihnen trotz der leisen Töne sicher, auch wenn ihr Team verliert.

Diesmal halten die Fans der Eisernen ihr Schweigen nicht durch. Als Marius Bülter in der 10. Minute zum 1:0 Führungstreffer im Leipziger Stadion einschiebt, brüllen sie ihre Freude heraus. "Hier regiert der FCU", rufen sie und die heimischen Fans antworten mit gellenden Pfiffen. Das Spiel zum Rückrundenauftakt der Fußball-Bundesliga werden sie nicht gewinnen. Dafür ist Leipzig zu stark. Der Tabellenführer gewinnt mit 3:1. Doch der 1. FC Union Berlin bleibt eine Bereicherung für die Liga. Auf dem Feld und auf den Tribünen.

Weit vor Anpfiff kreist über der Uferstraße unweit des Leipziger Hauptbahnhofs ein Hubschrauber. Der Sound der Rotorblätter durchbricht die Stille des Januar-Nachmittags. Rund 2000 Union-Fans sind gekommen, um zu schweigen. Sie beerdigen den Fußball. Da wird nicht gesungen. Die Stille dröhnt lauter als jeder Gesang.

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Die Polizei hat ihr Aufgebot großzügig geplant.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

"In Leipzig stirbt der Fußball" steht auf einem Banner. Schwarze Fahnen wehen im Wind, eine Gruppe Fans trägt einen Sarg, andere halten Kreuze in die Luft. Ehrenamt, Mitbestimmung, Fankultur, 50+1, Tradition steht dort geschrieben. Natürlich stirbt der Fußball nicht nur in Leipzig. Er stirbt auch anderen Orten. Er stirbt zumindest für die, die diese alten Werte hochhalten. Für die Fans, die ihr Geld und Herz in ihre Vereine stecken. Ein anderer Teil erfreut sich am Wettkampf, am neuen Wettbewerb in der Bundesliga. Das ist der Widerspruch.

Wasserwerfer sind fehl am Platz

Der Fußball hat sich verändert. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Da sind die Leipziger nur eine kleine Baustelle. Gleichwohl bleibt der Verweis auf einige der alten Werte dieses Spiels wichtig. Aufhalten lässt sich der Prozess nicht mehr. Es sind also die üblichen Schlagworte im Kampf gegen die sich mittlerweile im Titelkampf befindlichen Leipziger, die ihrem Aufstieg in die Spitze des deutschen Fußball sportlichem Geschick und den Geldern des österreichischen Marketingunternehmens Red Bull zu verdanken haben.

"Jeder, der klar denken kann, muss auf unserer Seite sein", sagt einer der Ultras. Auf der Webseite des Wuhlesyndikats rufen die Fans dazu auf, "weiterhin Haltung zu bewahren – für den Fußball, den wir lieben." Sie wollen friedlich protestieren. Das machen sie. Die am Hauptbahnhof aufgefahrenen Wasserwerfer der Polizei sind fehl am Platz.

Der beeindruckende Trauerzug widerspricht dem, was Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff am frühen Samstag in der "Leipziger Volkszeitung" verkündet: "Unsere Arbeit, unser Auftreten und unser Klub werden anerkannt, Anfeindungen finden fast überhaupt gar nicht mehr statt." So einfach ist es nicht. Aber die Zeit und der kommende Erfolg sind auf der Seite der Rasenballsportler, die vom US-Sportsender ESPN kürzlich als "Germany’s most hated club" vorgestellt wurden.

Am Stadion angekommen, legen die Fans die Kreuze vor dem Gästeeingang nieder. An einer Kasse lehnt der Sarg. Die Union-Fans gehen ins Stadion, warten aber bis kurz vor Anpfiff in den Mundlöchern. Erst wenige Minuten vor Beginn füllen sie den Gästeblock. Stadionsprecher Tim Thoelke bemerkt das Fehlen der Fans. "Offensichtlich haben es ja nicht alle Union-Fans pünktlich ins Stadion geschafft", spottet er voller Anerkennung. Dann schaffen sie es doch und auch das restliche Publikum pfeift. Doch die Message ist angekommen.

Kurs auf den Klassenerhalt

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Marius Bülter trifft bereits nach zehn Minuten - und durchkreuzt die Pläne der Fans.

(Foto: imago images/Hartmut Bösener)

Die ersten 15 Minuten wollen sie schweigen. Wie im Hinspiel als sie wenige Sekunden nach Ende des Schweigens ihr erstes Bundesliga-Tor kassieren. Aber 15 Minuten werden es nicht. Weil Sebastian Andersson passt, Marius Bülter trifft und die Freude größer ist als der Protest. Das ist gut so. Danach schweigen sie erneut. Bevor es dann ab Minuten 15 losgeht und es sich erst mal nur noch um Fußball dreht.

Sportlich hätten die Dinge für Union in der ersten Saisonhälfte kaum besser laufen können. Zu den Überraschungssiegen gegen die beiden Borussias aus Dortmund und Mönchengladbach, dem Triumph im Derby gegen Hertha und den weiteren Erfolgen gegen Köln und Freiburg in der Alten Försterei gesellten sich noch fünf Punkte aus Auswärtsspielen. Mit 20 Punkten liegt das Team zu Rückrundenbeginn über dem Soll und nimmt Kurs auf den Klassenerhalt.

"Keinen stärkeren Gegner als Leipzig"

Nach der 0:4 Heimniederlage im Hinspiel gegen die Leipziger sah die Welt noch anders aus. Das Team von Trainer Julian Nagelsmann dominierte die Frischlinge in der Alten Försterei nach Belieben. Sie überließen Union den Ball, wenn sie sich danach fühlten und passten ihn, wenn sie es für nötig hielten. Leipzig spielte in einer anderen Liga. Wie sich im Verlauf der Hinrunde herausstellen sollte, spielt die Nagelsmann Truppe ganz oben.

"Wir haben zweimal gegen Leipzig gespielt. Ich habe keinen stärkeren Gegner als Leipzig gesehen bislang. Auch von der individuellen Klasse haben die zwei, drei Spieler, die herausragend sind", sagt Christian Gentner nach dem Spiel. Später lobt er noch Dayot Upamecano. So einen Verteidiger habe er lange nicht mehr gesehen.

Viele Reisen stehen an

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Gentner warnt vor schweren Wochen.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Für Union beginnt nun die wichtigste Zeit der Saison. In der kommenden Woche empfangen sie Augsburg, danach gehen sie auf Reisen. Nach Dortmund und Bremen in der Liga. Nach Verl im Pokal. Da kommt Mittelfeldspieler Robert Andrich schnell durcheinander. "Augsburg ist eines der wenigen Heimspiele, die wir noch haben", sagt er.

So schlimm ist es nicht, doch die nächsten Wochen haben es in der Tat in sich für die Köpenicker. Auch Genter, der mit Stuttgart in der vergangenen Saison abstürzte, sieht Union jetzt in der Pflicht. Er sagt: "Unser Punktestand ist noch im Soll. So ein Spiel gegen Augsburg bringt doch wieder etwas Druck. So wie gegen Freiburg, wie im Derby." Diese Spiele gewann Union. Darum geht es nun.

"Die Basis muss da sein. Die kompakte Grundordnung, Leidenschaft, Ehrgeiz, das gemeinsame Verteidigen über 90 Minuten. Wenn das nicht da ist, dann haben wir in der Liga keine Chance", sagt Gentner und wenn das so ist, muss man sich um Union keine Sorgen machen. Diese Basis war da. Zwischen dem ersten und dem 18. Spiel haben sich die Köpenicker dazu noch mit Selbstvertrauen vollgesogen. Jedoch ist Selbstvertrauen eine zarte Pflanze. Jetzt müssen wieder Punkte her.

Auf der Tribüne des Leipziger Stadions singen die Union-Fans: "Ihr macht unseren Sport kaputt!" Am Leipziger Hauptbahnhof freuen sie sich dann über die 3:1 Niederlage gegen Leipzig, die sich nicht so schlimm anfühlt. Sie sind angekommen. Das hat auch dieses Spiel gezeigt. Jetzt wollen sie bleiben. Das werden die restlichen Spiele zeigen. "Es geht um Punkte. Nächste Woche gegen Augsburg ist ein Highlight-Spiel für uns", sagt Gentner. Dann werden die Fans nicht protestieren.

 

Am Sonntag will dann der FC Bayern München ab 15.30 Uhr bei Hertha BSC seine Aufholjagd in Richtung Tabellenspitze fortsetzen. Ab 18 Uhr schließen der SC Paderborn und Bayer Leverkusen den 18. Spieltag ab. Alle Spiele können Sie im Liveticker auf ntv.de verfolgen.

Quelle: ntv.de