Fußball

Fanforscher über Rassismus "Vereine in Italien sind rechts orientiert"

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Romelu Lukaku, belgischer Stürmer von Inter Mailand, wurde rassistisch beleidigt und wehrt sich im Netz.

(Foto: imago images / LaPresse)

Vor dem Spiel in der EM-Qualifikation gegen Finnland (20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) begräbt mal wieder ein dunkler Rassismus-Schatten Italien. Fans von Cagliari Calcio beleidigen Romelu Lukaku, Stürmer von Inter Mailand, rassistisch mit Affenlauten. Der Torjäger beschwert sich über die Diskriminierungen, aber die Inter-Ultras wollen ihm erklären, dass es kein "echter Rassismus" war und er sich nicht aufregen solle. Inter Mailand selbst schweigt. Jonas Gabler, Politikwissenschaftler und Fanforscher, schrieb seine Diplom-Arbeit zu Ultrakulturen und Rechtsextremismus in Deutschland und Italien. Im Interview mit n-tv.de spricht er über das Rassismus-Problem des italienischen Fußballs, wichtige Definitionshoheiten - und Wege raus aus dem Sumpf.

n-tv.de: Herr Gabler, beim Auswärtsspiel von Inter Mailand beleidigten die Cagliari-Ultras Inter-Stürmer Romelu Lukaku mit Affenlauten: Warum sind diese Fans nicht einfach Dummköpfe, sondern Rassisten?

Jonas Gabler: Das Abwerten des Gegners ist im Fußball natürlich nichts Ungewöhnliches. Aber Affenlaute sind eine klare rassistische Handlung, weil damit eine Abwertung aufgrund der Hautfarbe einhergeht. Das ist mittlerweile auch in Italien bekannt, schließlich gab es sehr viele solcher Vorfälle, und solche rassistischen Beleidigungen sind in der öffentlichen Debatte schon oft genug thematisiert worden. Aber trotzdem gibt es in Italien immer noch Fans und Offizielle, die so etwas verteidigen.

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Die Ultra-Gruppierungen der Inter-Fankurve, die bekannt dafür ist, politisch rechts zu stehen, veröffentlichten am Dienstag ein Statement auf ihrer Facebook-Seite, in dem sie behaupten, dass die Affenlaute mit "echtem Rassismus" nichts zu tun hätten.

Dahinter steckt die Vorstellung von Rassismus als institutionellem Rassismus, der mit dem Nationalsozialismus oder Faschismus verglichen wird. Dass es aber auch einen Alltagsrassismus, einen kulturellen Rassismus in alltäglichen Umgangsformen, und viele andere Formen von Rassismus gibt, mit denen nicht-weiße Menschen konfrontiert sind, wird dabei ausgeblendet. Das ist ein großer Fehler und stellt eine Verkürzung der Debatte dar.

Was passiert, wenn weiße Fans dem schwarzen Spieler Lukaku erklären wollen, was Rassismus sei und was nicht?

Das ist äußerst problematisch. Es muss das Bewusstsein her, dass die von Rassismus betroffene Person definiert, was rassistisch ist und was nicht. Weiße, privilegierte Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft in Italien, Deutschland oder wo auch immer können das nicht. Dieses Bewusstsein ist viel zu wenig verbreitet. Es muss auch das Bewusstsein her, dass man solche rassistischen Beleidigungen nicht einfach so tätigen und dann sagen kann: Das war nicht so gemeint.

In italienischen Stadien werden regelmäßig schwarze Fußballer beschimpft, von Einzelfällen kann man nicht mehr sprechen. Wie kam es zu dem so weit verbreiteten Rassismus in den Fankurven?

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In Italien gab es lange eine rigide Politik hinsichtlich Spielberechtigungen und einer Ausländerregelung. Weil es aber vergleichsweise wenig nicht-weiße Menschen in der Gesellschaft und damit auch nicht-weiße Spieler in der Liga gab, wurden die Regeln in den 70er und 80er Jahren gelockert. Daraufhin wurden nicht-weiße Spieler vermehrt gekauft. Das ging einher mit einem generellen Anstieg von rassistischen Tendenzen in Italien. Dann erhielten auch Affenlaute und andere rassistische Beleidigungen vermehrt Einzug in die Kurven. Fangruppen forderten teilweise von Vereinen, keine schwarzen Spieler zu verpflichten. Damit begann natürlich auch eine Debatte - aber die wird in Italien eben bis heute geführt. Bestimmte Vereine in Italien sind weiterhin rechts bis extrem rechts orientiert, zum Beispiel Lazio Rom oder Hellas Verona. Es gibt aber auch Kurven, die von Ultragruppen dominiert werden, die progressiver sind und sich gegen Diskriminierung aussprechen.

Kevin-Prince Boateng, der schon viele Jahre gegen Rassismus kämpft und immer wieder ein Opfer dessen wurde, sagte 2017: "Wir brauchen Taten, keine Worte. Es reicht nicht, 'No to Racism'-Plakate aufzuhängen und einen Werbespot vor den Champions-League-Spielen zu zeigen." Was muss in Italien also konkret passieren?

Die Verantwortlichen, die Verbände und die Vereine müssen sich deutlich positionieren und zusammenarbeiten mit den Graswurzel-Faninitiativen, die sich gegen Rassismus stellen. Die gibt es Italien zu Genüge. Auch bei Inter. Nur gemeinsam mit Fans, die in die Kurve gehen, kann man da was verändern. Man darf sie nicht allein auf weiter Flur lassen in den Kurven, in denen rechte Fangruppierungen dominieren und bedrohen. Aber an allererster Stelle muss der Bewusstseinswandel stehen: Nicht Weiße definieren, was Rassismus ist, sondern Betroffene.

Der italienische Fußball wirkt schon länger ohnmächtig, wenn es um dieses Thema geht.

Das Problem ist eher, dass vor dem Rassismus die Augen verschlossen werden und das Thema nicht mit der nötigen Konsequenz adressiert wird. Das hängt auch mit handelnden Personen zusammen. Wenn sich wie vor einigen Jahren sogar der Präsident des italienischen Fußballverbands rassistisch äußert, dann bleibt nicht viel Hoffnung auf Verbesserung.

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Mit der Lega Nord war bis vor Kurzem eine rechte Partei an der Regierung und Ex-Innenminister Matteo Salvini befeuerte die Spaltung der Gesellschaft mit populistischen und rassistischen Aussagen: Ist eine Fankurve auch immer Spiegel des öffentlichen Diskurses und der Sprache, die darin verwendet wird?

Durch dieses Gesamtgefüge ist es für den italienischen Fußball natürlich komplizierter, das Thema mit der nötigen Konsequenz zu adressieren. Fankultur spiegelt immer die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Aber man darf nicht vergessen, dass Verbände und Vereine trotzdem Gestaltungsmöglichkeiten haben und sich positionieren können.

Wie sehen diese Möglichkeiten aus?

Das fängt an bei Schulungen für die eigenen Mitarbeiter und das Ordnungspersonal. Verbände können Schiedsrichter für Regelungen sensibilisieren, mit denen Spiele bei Rassismus-Eklats einfacher abgebrochen werden können. Denn an sich gibt es diese Regel mit Artikel 62 des italienischen Verbandes schon, aber sie wird nicht konsequent umgesetzt. Auch Strafen gegen Vereine sind natürlich immer eine Möglichkeit. Allerdings wurden teilweise höchst zweifelhafte Urteile gefällt, so zum Beispiel, als 2013 Kevin Constant vom AC Milan bestraft wurde, nachdem er nach rassistischen Gesängen den Platz verlassen hatte - und nicht die Fans.

Zurück zu Inter und Lukaku: Ordnet sich der Verein der Curva Nord unter, indem er sich nicht öffentlich zu dem Thema positioniert?

Selbst als Massimo Moratti, der als links galt, Inter-Präsident war, hat der Verein sich nicht klar positioniert. Der Klub versäumt hier, sich deutlich gegen Rassismus zu stellen. Viele Vereine scheuen die Auseinandersetzung mit ihren Fanszenen über dieses Thema.

Lukaku kritisiert, dass auch in den sozialen Medien Rassismus überhandnimmt und Fußballverbände und Plattformen nicht genug dagegen tun.

Rassismus wird durch die sozialen Medien wahrnehmbarer. Wenn ein Einzelner im Stadion irgendwas ruft, kommt das nicht bei vielen an. Wenn ein Einzelner etwas unter einen Post schreibt, erreicht das sogar Spieler. Das macht es für die Spielerinnen und Spieler sogar noch mal schwieriger.

Mit Jonas Gabler sprach David Bedürftig.

Quelle: n-tv.de

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