Fußball

"Er spürt die Situationen" Verteidiger Hakimi stürmt in die BVB-Herzen

imago44343398h.jpg

Huldigungen darf Hakimi nach dem Spiel gegen Inter getrost annehmen.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Achraf Hakimi beschenkt sich einen Tag nach seinem 21. Geburtstag mit dem Spiel seines Lebens. In der Champions-League-Partie gegen Inter Mailand grätscht der BVB-Verteidiger hinten brillant und trifft vorn doppelt. Sogar sein introvertierter Trainer Lucien Favre zeigt sich verzückt.

Während seine Spieler in den gelb-schwarzen Trikots über den Rasen tanzten, blieb Lucien Favre sich auch in der Stunde des Triumphs treu: Sein Borussia Dortmund hat in der Champions League spät geglänzt und 3:2 gewonnen gegen den europäischen Fußball-Adel von Inter Mailand. Und das nach einem Pausenrückstand von 0:2, es hat im internationalen Fußballgeschehen schon Trainer gegeben, die wegen weit weniger ausgeflippt sind. Doch der 62-Jährige war nach wirklich aufregenden 90 Minuten, die wie eine Berg- und Talfahrt in den Schweizer Alpen anmuteten, die Ruhe selbst.

Borussia Dortmund - Inter Mailand 3:2 (0:2)

Dortmund: Bürki - Hakimi, Hummels, Akanji, Schulz - Witsel, Weigl - Sancho (82. Piszczek), Hazard (88. Guerreiro), Brandt - Götze (64. Alcacer). - Trainer: Favre
Inter Mailand: Handanovic - Godin, De Vrij, Skriniar - Candreva, Vecino (68. Sensi), Brozovic, Barella, Biraghi (66. Lazaro) - Lukaku (73. Politano), Martinez
Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)
Tore: 0:1 Martinez (5.), 0:2 Vecino (40.), 1:2 Hakimi (51.), 2:2 Brandt (64.), 3:2 Hakimi (77.)
Zuschauer: 66.099 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Hazard (2) - Biraghi, Skriniar, Candreva (2)

So viel ließ der introvertierte Fußballlehrer in der Pressekonferenz auf Nachfrage dann aber doch verlauten: "Er ist immer extrem offensiv, egal, ob als Verteidiger oder als Flügelspieler", sagte er über Achraf Hakimi, den Matchwinner, Held des Abends und spielbestimmende Figur gegen Inter. "Er spürt die Situationen, das hat er heute sehr, sehr gut gemacht." In der Welt von Favre darf das durchaus als euphorische Meinungsäußerung verbucht werden.

Extrem offensiver Außenverteidiger

Der marokkanische Nationalspieler war einen Tag nach seinem 21. Geburtstag der Protagonist, der den aus Dortmunder Sicht positiven Spielausgang mit seinen beiden Treffern maßgeblich beeinflusste. Es ist wirklich erstaunlich, vier von fünf Toren des BVB in der diesjährigen Champions-League-Vorrunde hat der pfeilschnelle Hakimi erzielt. Diese ohnehin schon beeindruckende Statistik mutet noch wesentlich verblüffender an, wenn man bedenkt, dass der gebürtige Madrider vor eineinhalb Jahren von Real Madrid geholt wurde, um die Defensive der Borussia zu stabilisieren.

Auch gegen Inter kam Hakimi hinten rechts in der Viererkette zum Einsatz, war also nominell dazu bestimmt, gegnerische Tore zu verhindern. Doch de facto gab der Himmelsstürmer den wohl offensivsten Außenverteidiger in der Geschichte der Königsklasse.

Real holt Hakimi wohl zurück

imago44341782h.jpg

Der Verteidiger beweist sein Sturm-Talent.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Für den Revierklub ist es wunderbar, dass Hakimi bis zum Ende dieser Saison im schwarz-gelben Trikot über den Rasen sprintet. Und betrüblich, dass er danach mit großer Sicherheit in die spanische Hauptstadt zurückkehren wird, weil dann sein Leihvertrag ausläuft. Nach Lage der Dinge wird Real Madrid wohl kaum davon zu überzeugen sein, einen Spieler, der seit seinem achten Lebensjahr bei den Königlichen ausgebildet wurde und über derartig fußballerisches Können verfügt, auf Dauer für einen anderen Arbeitgeber abzustellen.

Doch so weit ist es ja noch nicht. Noch wirbelt Hakimi im Revier, dieser Novemberabend gehörte ihm, es war der bislang größte Auftritt einer noch jungen Karriere, die Großes verheißt. Nach seinem zweiten Treffer zum 3:2 stieg der Himmelsstürmer auf die Bande und zelebrierte den Moment wie ein Matador in der Stierkampf-Arena. In der Nachspielzeit zeigte er mit einer Monstergrätsche, dass er auch seine defensive Kernkompetenz noch nicht komplett vergessen hat. Und was sagte der Mann des Abends? Der äußerte sich bescheiden und damit ganz im Sinne seines Lehrmeisters Favre: "Ich habe viel gearbeitet und freue mich einfach, dass ich der Mannschaft mit meinen Toren helfen konnte."

Pubertierende gegen Abwehrbollwerk

Es war eine wahrlich erstaunliche Wendung unter Flutlicht, auf die nach der ersten Halbzeit nur Utopisten gewettet hätten. Vor dem Seitenwechsel prallten die Dortmunder Offensivbemühungen am gegnerischen Abwehrbollwerk ab wie Tennisbälle an einer Betonwand. Die Borussia hatte lange viel zu wenig Power, sich gegen den massiv verteidigenden Gegner mit Überzeugung und Leidenschaft durchzusetzen. Im Vergleich zu Inter Mailands Abwehrrecken wirkten die Offensivkräfte des BVB wie pubertierende B-Jugendliche.

90 Minuten im Hinspiel und 45 Minuten beim zweiten Vergleich bissen sich die Dortmunder an der italienischen Abwehr die Zähne aus und nichts deutete darauf hin, dass die Dinge sich im finalen Viertel ändern könnten. Umso erstaunlicher mutete es an, dass es sich letztlich fundamental anders darstellte. Wie durch Zauberhand bekamen die Aktionen der Gastgeber genau die Wucht und die Überzeugung, die zuvor so schmerzlich vermisst worden waren. Die wundersame Wandlung zauberte ein Lächeln auf das Gesicht von Manndecker Mats Hummels. "Wir wollten uns wehren", sagte der Weltmeister von 2014, "aber dass es so gut klappt, hätte ich eigentlich nicht gedacht."

"Der absolute Wahnsinn"

Sein Kollege Julian Brandt, dem der Treffer zum 2:2 gelang, ergänzte: "Das fühlt sich brutal gut an. Es ist bitter, wenn du in der ersten Hälfte zwei Tore frisst, aber unsere Reaktion war der absolute Wahnsinn." Zur permanenten Achterbahnfahrt, die sein Team derzeit erlebt, wusste der Nationalspieler ebenfalls Erhellendes beizusteuern: "Wir stecken noch ein Stück weit in der Entwicklung, da gebe ich allen Zweiflern recht. Aber wenn alles perfekt passen würde, wäre das ja irgendwie auch langweilig."

So kann man das auch sehen. Auf alle Fälle sind es ebenso aufregende wie intensive Wochen für die Dortmunder, die in drei Wettbewerben von Spiel zu Spiel hetzen. Mats Hummels hatte das Spektakel gegen Inter gerade hinter sich gebracht, da wurde er schon auf den anstehenden Bundesliga-Gipfel in München (Samstag, 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) angesprochen. Man müsse "exakt so wie heute in der zweiten Halbzeit dagegenhalten", betonte der Mann, der bis zum Sommer noch das rote Trikot der Bayern trug: "Sonst wird das ein ganz schwerer Gang." So weit mochte sein sportlicher Vorgesetzter in dieser denkwürdigen Nacht nicht denken. Er werde mit Sicherheit "nicht über Samstag sprechen", gab Lucien Favre zu Protokoll: "Heute genießen wir nur dieses Spiel."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema