Fußball

Wie lange darf Bosz noch? Verzweifelter BVB ist sich selbst ein Rätsel

Es ist ein irres Fußball-Spektakel, der BVB führt mit 4:0 - und dann schaffen famose Schalker noch ein 4:4. In Dortmund fragen sie sich nun, wie dieser komplette Kontrollverlust passieren konnte. Doch auch Trainer Peter Bosz ist ratlos.

Peter Bosz stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Was war da geschehen? Wie - um Himmels Willen - konnte das geschehen? Was wird aus Borussia Dortmund? Und wie soll es beim Revierklub weitergehen? All das sind Fragen, die beantwortet werden wollen nach einem spektakulären Schlagabtausch, wie ihn die Fußball-Bundesliga in ihrer 54-Jährigen Geschichte erst ein Mal erlebt hatte. Und zwar 1976, als Bochum den FC Bayern empfing. Damals lag der VfL gegen die Münchner bis zur 53. Minute mit 4:0 in Front, doch die Bayern standen wieder auf und schlugen zurück, gingen sogar 5:4 in Führung. Jupp Kaczor (80.) schaffte das 5:5, doch der heutige Bayern-Präsident Uli Hoeneß (89.) sicherte den Sieg der Münchner.

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Wie - um Himmels Willen - konnte das geschehen? Peter Bosz weiß es auch nicht.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Es war ein irres Spektakel, von dem jeder, der dabei war, Stein und Bein schwören würde, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen werde. Und dann das: Auch den Dortmundern gelang das seltene Kunststück, einen 4:0-Vorsprung in der zweiten Halbzeit herzuschenken, auch dieses Mal ließ die irre Achterbahnfahrt nichts als Ratlosigkeit zurück.

Nicht nur der Trainer des BVB rang um Fassung, auch die Spieler und das gesamte Umfeld waren unfähig, die Geschehnisse mit Worten zu beschreiben. Nuri Sahin, der sich in der zweiten Halbzeit im Mittelfeld ebenso verzweifelt wie machtlos gegen das Schicksal wehrte, das mit ungebremster Wucht auf ihn und seine Mitspieler herniederging, fehlte für dieses 4:4 eine "plausible Erklärung". Was soll man auch sagen, wenn man innerhalb weniger Augenblicke die komplette Kontrolle über alles verliert, was einem noch kurz zuvor wie von selbst von der Hand ging? "Ich habe auch keine plausible Erklärung", sagte Sahin, der nach dem Abpfiff verzweifelt die Hände vor sein Gesicht geschlagen hatte: "Es gibt keine Entschuldigung dafür, dieses Spiel nicht zu gewinnen."

Leiden erreicht eine neue Dimension

Die Mannschaft des BVB ist sich seit Wochen selbst ein Rätsel, nun hat die Verzweiflung eine neue Qualität erreicht. Einen Tag nach dem spektakulären Schlagabtausch mit zwei Halbzeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, müssen die Mannschaft und ihr Trainer auch noch bei der Jahreshauptversammlung zum Rapport.

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Obenauf: Ralf Fährmann.

(Foto: dpa)

"Um solch ein Spiel zu verarbeiten, brauchst du Wochen oder Monate, weil es einfach geschichtsträchtig war", sagte Schalkes Torhüter Ralf Fährmann. Solche Worte gehen dem Kapitän leicht von den Lippen, weil seine Mannschaft in Dortmund als gefühlter Sieger vom Rasen ging. Auf den ewigen Kontrahenten aus dem Revier treffen sie umso härter zu, das Leiden hat in Zeiten des Niedergangs eine neue Dimension erreicht.

Die Borussia befindet sich in einer veritablen Herbstdepression, beim börsenorientierten Klub beginnt nun ein Aufarbeitungsprozess, bei dem all die Fragen auf den Tisch kommen, auf die kein Entscheidungsträger eine seriöse Antwort hat. Vor allem Peter Bosz und seine Arbeit stehen auf dem Prüfstand. Der holländische Trainer, der vor Saisonbeginn von Ajax Amsterdam ins Ruhrgebiet gekommen war, um als Nachfolger seines fachlich herausragenden, aber menschlich zweifelhaften Vorgängers Thomas Tuchel eine neue Ära einzuleiten, hatte 45 Minuten lang alles dafür getan, seinen Ruf aufzupolieren. Dem 54-Jährigen hatten sie vorgeworfen, seinen überaus offensiv ausgerichteten Stil mit einem 4:3:3-System gegen jede Vernunft stur bis zu Beratungsresistenz durchzuziehen.

Dabei kann Peter Bosz doch auch anders

Gegen Schalke bewies Bosz, dass er auch anders kann. In der Hintermannschaft stellte er auf eine Dreierkette um und verdichtete zudem mit zwei Sechsern das zentrale Mittelfeld. "Das hat uns überrascht", gab Schalkes Trainer Domenico Tedesco zu, "damit hätten wir nicht gerechnet." Anstatt weit vorn zu verteidigen und dem Gegner viele Räume für Gegenstöße zu lassen, konterten die Dortmunder im eigenen Stadion und spielten den Gegner an die Wand.

Alles richtig gemacht, und doch fühlte sich nach dem Abpfiff alles falsch an. Dabei lief es doch perfekt, so kompakt und griffig hatten die Dortmunder seit vielen Wochen nicht agiert. Der BVB führte sicher und souverän mit 4:0 und hatte kurz nach dem Seitenwechsel durch Aubameyang sogar die Chance, auf 5:0 erhöhen. Umso rätselhafter war der folgende Komplettabsturz aller Systeme. "Überzeugend, kräftig gut", so sah Bosz sein Team vor dem Seitenwechsel. Was dann folgte war das Gegenteil, wie es eklatanter nicht ausfallen könnte.

Auch wenn es niemals zuvor so krass war, erlebten es die Dortmunder in dieser Saison nicht zum ersten Mal, dass sie in der zweiten Halbzeit auf die Bretter gingen, weil ihnen die Kraft fehlte, gegenzuhalten. Die Vermutung liegt nahe, dass es an physischer Widerstandsfähigkeit mangelt, doch dem widerspricht Bosz vehement. Doch irgendworan muss es doch liegen, dass die Borussia ein solch' heftige Krise erlebt.

Die Abwärtsspirale ist zum Selbstläufer geworden, ob sie mit dem derzeit tätigen Personal aufzuhalten ist, gehört in Dortmund zu den dringlichen Fragen, die von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc in diesem stürmischen Herbst beantwortet werden müssen. Wie oft Peter Bosz noch die Gelegenheit bekommt, Abhilfe zu schaffen, erscheint ungewisser denn je.

Quelle: n-tv.de

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