Fußball

Interview mit Daniel Schlager "Von Schwierigkeiten sind wir weit entfernt"

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Daniel Schlager pfeift seit 2018 in der Fußball-Bundesliga.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Auch Schiedsrichter zocken gerne an der Konsole. Daniel Schlager nimmt derzeit gemeinsam mit Deniz Aytekin an der "Bundesliga Home Challenge", dem E-Sports-Wettbewerb der DFL, teil. Im Interview mit ntv.de berichtet der 30-Jährige, wie es dazu kam, spricht aber auch über das Training und virtuelle Treffen in Zeiten von Corona, Geisterspiele, den Video-Assistenten und Gelbe Karten für Trainer.

Man bezeichnet die Schiedsrichter gerne als das 19. Team der Fußball-Bundesliga. Bei der "Bundesliga Home Challenge" der DFL spielen sie nun tatsächlich mit, das Team besteht aus Deniz Aytekin und Ihnen. Wie kam es zu dieser Idee?

Deniz stand mit der DFL in Kontakt, und man war sich einig, dass es schön wäre, wenn auch die Schiedsrichter mit einem Team am Wettbewerb teilnehmen. Deniz selbst hat dann zugesagt und konnte sich einen Mitspieler aussuchen. Vor zwei Jahren haben wir während des Trainingslagers in Grassau am Chiemsee mal auf der Playstation gegeneinander gespielt, es war sein erstes Match. Er hat haushoch gegen mich verloren und nun wohl gedacht: "Mensch, der kann was" (lacht). Deshalb hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, gemeinsam mit ihm an der Challenge teilzunehmen. Das habe ich gerne bejaht. Wir sind als Schiedsrichter zwar in gewisser Weise Einzelkämpfer, aber der Teamgedanke ist uns trotzdem wichtig, als Gespann auf dem Platz wie auch beispielsweise bei den Lehrgängen. Oder nun eben bei diesem Wettkampf.

Es ist bekannt, dass viele Bundesligaspieler gerne an der Konsole zocken. Wie verbreitet ist das unter den Bundesliga-Schiedsrichtern? Und wie viel Zeit verbringen Sie selbst damit?

Ich habe "Fifa" früher am Wochenende ab und zu mit Freunden gespielt, musste mir die aktuelle Version jetzt nach der Zusage zur Challenge allerdings erst besorgen und konnte nicht allzu viel trainieren. Bei den Lehrgängen haben wir immer eine Playstation dabei und vier Controller, die sich abends in der Regel immer dieselben Kollegen schnappen (lacht). Es ist eine schöne Möglichkeit, zusammen Spaß zu haben und sich auch ein bisschen auf die Schippe zu nehmen.

In Ihrer ersten Partie bei der Challenge gewann Deniz Aytekin gegen Jonas Hofmann von Borussia Mönchengladbach. Sie selbst hatten mit dem Gladbacher E-Sportler Yannik Reiners den schwereren Gegner, er gewann mit 4:0. Was hat bei Ihnen überwogen, der Spaß oder der Frust?

Zur Person

Daniel Schlager (*8. Dezember 1989) ist ein deutscher Fußballschiedsrichter. Seit 2015 ist er DFB-Schiedsrichter und wurde zur Saison 2018/19 erstmals für die Bundesliga nominiert. Sein erstes Spiel in der höchsten deutschen Spielklasse war Werder Bremen geen 1. FC Nürnberg (1:1) am 16. September 2018. Neben seiner Tätigkeit als Unparteiischer arbeitet er bei der Sparkasse Rastatt-Gernsbach in der Immobilienfinanzierung.

Eindeutig der Spaß. Ich hatte vorher viel Kontakt mit Deniz, wir haben auch einige Testspiele an der Konsole ausgetragen, das war schön, und ich freue mich, Teil des Teams zu sein. Außerdem muss man realistisch bleiben: Meine Chancen waren von vornherein gering. Natürlich hätte ich mir gewünscht, für eine Sensation sorgen zu können. Aber wenn man gegen jemanden spielt, der ein Profi auf diesem Gebiet ist und täglich mehrere Stunden zockt, zahlt man nun mal Lehrgeld.

Am vergangenen Sonntag sind Sie auf Darmstadt 98 getroffen. Deniz Aytekin trat gegen den Fußballprofi Felix Platte an, Sie hatten es mit dem E-Sportler Luca Bernhard zu tun. Am Ende hieß es insgesamt 1:10. War der Schiedsrichter schuld?

Es war eher ein Bedienerproblem (lacht). Deniz konnte nicht so die Leistung wie im ersten Spiel abrufen, uns also nicht retten. Spaß beiseite: Die Darmstädter hatten vorher jedes Spiel gewonnen, da war es natürlich schwer. Dabei habe ich bis zur 60. Minute sogar ein torloses Remis gehalten und überhaupt versucht, defensiv geordnet zu agieren, das Zentrum zu schließen, die Räume eng zu machen, ein bisschen nach dem Motto: Die Null muss stehen. Aber dann hat sich die Qualität meines Gegners durchgesetzt. Er hat natürlich eine ganz andere Handlungsschnelligkeit und mich auch durch kleinere Umstellungen überrascht.

Von der Challenge abgesehen: Wie sehen Ihre Tage ohne die Schiedsrichterei gerade aus? Wie trainieren Sie?

Wir Schiedsrichter haben seit dem vergangenen Jahr mit Johannes Egelseer einen Coach, der regelmäßig individuelle Trainingspläne erstellt, die auf unseren Leistungsstand zugeschnitten sind. Das wird über eine App eingestellt. Wir trainieren täglich bis zu zwei Stunden, die Schwerpunkte liegen dabei etwa auf Schnelligkeit, Ausdauer, Athletik, Sprint und Fitness, aber auch auf der Regeneration. So versuchen wir unsere körperliche Form zu halten und auszubauen. Das läuft gut, gerade bei der Fitness und bei der Prophylaxe hat uns Egelseer auf ein anderes Niveau gebracht. Die Ergebnisse spiegeln wir an ihn zurück, sodass er stets weiß, auf welchem Stand wir sind. Der Trainingsaufwand ist bei uns genauso groß wie sonst auch, nur die Spiele fehlen eben.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Training von Zeiten ohne Pandemie?

Normalerweise trainiere ich ab und zu bei einer Landesliga-Mannschaft mit, das geht jetzt natürlich nicht. Dieses Mannschaftstraining setzt sonst gute Anreize, man bekommt beispielsweise ein besseres Gefühl für den Ablauf bei Zweikämpfen und Spielzügen, das ist als Schiedsrichter sehr hilfreich. Ich habe selbst lange Fußball gespielt, das ist für den Sachverstand nützlich. So weiß ich gut, wie eine Mannschaft denkt, wie sie taktisch agiert, welches System sie spielt, wie sie sich bei Eckstößen und Freistößen verhält, ob sie mit Pressing spielt und vieles mehr. Das hilft mir im Spiel als Schiedsrichter, um zum Beispiel meine Laufwege und mein Positionsspiel anzupassen oder bestimmte Geschehnisse zu antizipieren.

Hat die sportliche Leitung der Elite-Schiedsrichter so etwas wie einen Fahrplan für die Unparteiischen erstellt? Gibt es gemeinsame Videokonferenzen oder andere virtuelle Begegnungen?

Wir sind in ständigem Austausch mit unserer sportlichen Leitung, es gibt Einzelgespräche, aber auch virtuelle Meetings, zu denen wir uns treffen, um uns zu besprechen. Wir bekommen außerdem regelmäßig, das heißt mehrmals pro Woche, zehn bis zwanzig Videos mit Spielszenen, bei denen wir zurückmelden, wie wir entscheiden würden. Die sind meistens in Themenblöcke gegliedert, Handspiel beispielsweise oder die Zweikampfbeurteilung. Auch als Video-Assistenten werden wir mit Spielszenen geschult: Wo und wann würden wir eingreifen, wie würden wir unsere Wahrnehmung kommunizieren? Um solche Dinge geht es beispielsweise.

Viele Klubs können in Schwierigkeiten geraten, wenn die Pause länger dauert. Wie ist das bei den Schiedsrichtern? Kann Corona auch für Sie finanzielle Probleme nach sich ziehen?

Es gibt Teile der Gesellschaft, die nun in große Schwierigkeiten geraten, davon sind wir aber weit entfernt. Viele von uns Schiedsrichtern gehen noch einem Beruf nach, ich selbst bin Bankkaufmann. Außerdem kann es uns auch sonst passieren, etwa aus Verletzungsgründen oder in der Sommer- und der Winterpause, dass wir mal wochenlang lang kein Spiel leiten können. Das ist dann ja auch nicht existenzbedrohend, zumal wir als Unparteiische ein Grundhonorar bekommen. Da geht es anderen im Moment wesentlich schlechter, und um die muss es nun gehen, nicht um uns.

Wenn der Spielbetrieb demnächst wieder aufgenommen werden sollte, dann in Form von Geisterspielen. Niemand mag Spiele ohne Zuschauer - aber sagt man sich gegenwärtig, wenn es denn wieder losgeht: Besser als gar kein Fußball?

Natürlich freue ich mich, wenn man wieder Fußball schauen und auf dem Platz stehen kann. Aber es gibt aktuell einfach Wichtigeres, und das ist die Gesundheit der Menschen. Außerdem ist es gerade ungewiss, wie es weitergehen wird, besonders gesellschaftlich und wirtschaftlich. An Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen, also warte ich zurzeit vor allem ab.

Für Sie ist es die zweite Saison als Schiedsrichter in der Bundesliga. Was sind in Ihrer Perspektive die größten Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Zweiten oder Dritten Liga?

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Der Video-Assistent hilft Schlager bei kritischen Entscheidungen - und er ist dankbar dafür.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Das Spiel ist einfach noch einmal merklich schneller und athletischer. In der Zweiten Liga ist es zweikampforientierter, da geht es für den Schiedsrichter noch stärker um die Spielkontrolle. In der Bundesliga kann man mehr über das Spielverständnis machen, das Spiel eher laufen lassen. Das Niveau ist noch mal höher - technisch, taktisch, personell -, vor allem im oberen Tabellendrittel. Hinzu kommt das wesentlich größere Interesse von Zuschauern und Medien, auch damit muss man sich als Schiedsrichter auseinandersetzen.

Derzeit läuft die dritte Bundesliga-Saison mit Video-Assistenten. Haben Sie sich als Schiedsrichter auf dem Feld inzwischen an ihn gewöhnt? Und wie hat sich nach Ihrer Wahrnehmung die Akzeptanz in der Öffentlichkeit entwickelt?

Zu Beginn war es schon eine Umstellung, auch weil man eine weitere Person in die Kommunikation über das Headset einbinden muss und das die Anforderungen an die Funkdisziplin nicht unwesentlich erhöht. Ungewohnt war es für uns Schiedsrichter und die Assistenten erst mal auch, bei knappen Abseitssituationen nicht sofort zu pfeifen beziehungsweise die Fahne zu heben, sondern das Ende des Angriffs abzuwarten, damit der Video-Assistent die Situation bei einer Torerzielung überprüfen kann. Aber das läuft inzwischen gut. Trotzdem darf man nicht vergessen: Wir sind mit dem VAR erst im dritten Jahr und sammeln noch wertvolle Erfahrungen. Die Trefferquote, die Geschwindigkeit von Entscheidungen und die Abläufe werden sich weiter verbessern - und damit auch die Akzeptanz, da bin ich sicher. Der Video-Assistent ist kein Allheilmittel, aber er trägt zu mehr Fairness bei.

Aber gibt man als Schiedsrichter nicht auch immer mal wieder für einen Moment die Kontrolle an jemanden ab, der nicht mit auf dem Platz sieht und den man in diesem Moment nicht einmal sieht?

Der Video-Assistent greift bei einem klaren und offensichtlichen Fehler ein. Am Ende entscheidet aber immer der Schiedsrichter auf dem Platz. Der VAR ist ein Teil des Teams, und ich bin froh, dass er mir hilft, einen gravierenden, möglicherweise spielentscheidenden Fehler zu vermeiden. Lieber korrigiere ich mit seiner Hilfe etwas, als für eine Niederlage verantwortlich gemacht und womöglich tagelang durch die Medien gereicht zu werden. Als Schiedsrichter analysiert man seine Spielleitungen sehr selbstkritisch und ärgert sich über Fehler. Das kann einen tagelang beschäftigen und ins Grübeln bringen, obwohl Fehler völlig menschlich sind und es die perfekte Spielleitung nicht gibt. Man lernt ja auch viel aus ihrer Verarbeitung. Dennoch ist es besser, wenn ich vom Feld gehe und ziemlich sicher sein kann, dass mir zumindest kein ganz dicker Patzer unterlaufen ist.

Vor dieser Saison gab es einige Regeländerungen. Eine davon betraf die Handspielregel, die völlig neu formuliert worden ist. Ist es nun leichter für die Schiedsrichter geworden? Ist die Regel nun klarer als vorher?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Es gab vorher schon detaillierte Anweisungen an die Schiedsrichter, wie der recht kurze Regeltext zum Handspiel auszulegen ist. Viele dieser Auslegungsbestimmungen sind nun im Regeltext selbst verankert worden und damit besser nachvollziehbar. In der Praxis hat sich für uns aber gar nicht so viel verändert, ich würde deshalb auch eher von einer Klarstellung sprechen. Geblieben ist ein gewisser Graubereich, der lässt sich beim Handspiel aber auch nicht vermeiden, zumal es Situationen gibt, in denen einige Parameter für ein strafbares Handspiel sprechen und andere dagegen. Wir versuchen immer wieder, mit Referenzszenen die Entscheidungsspielräume zu verkleinern, aber manchmal sorgt schon eine Nuance dafür, dass eine Entscheidung anders ausfällt. Und wenn wir ein Handspiel falsch beurteilen, was nun mal nicht ausbleibt, ist es wichtig festzuhalten, dass dann eben ein Fehler vorliegt und nicht eine geänderte Auslegung. Aber insgesamt bekommen wir es gut und berechenbar hin, finde ich.

Seit dieser Spielzeit gibt es außerdem Gelbe und Rote Karten auch für Trainer und andere Teamoffizielle. Einige Trainer beklagten sich zu Saisonbeginn vehement über diese Änderung, weil sie glaubten, sie würden in ihren Emotionen eingeschränkt. Täuscht der Eindruck, oder hat sich die Debatte inzwischen beruhigt?

Ich bin glücklich mit dieser Neuerung. Es ist gut, dass wir nun auch bei Trainern die Signalkarten einsetzen können. Das macht es transparenter, für die Beteiligten selbst, aber auch für alle anderen. Und wir suchen ja weiterhin das Gespräch mit ihnen, zumal wir wissen, wie sehr sie unter Druck stehen, und das nachvollziehen können. Nun haben wir aber auch eine weitere Stufe bei den Maßnahmen: nicht mehr nur die Ermahnung und den Tribünenverweis, sondern eben auch die Verwarnung, sozusagen als Mittelweg. Was die Emotionen betrifft: Die sind selbstverständlich weiterhin erlaubt. Aber wenn sie als unsportliches Verhalten zum Ausdruck gebracht werden, müssen wir einschreiten. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass der anfängliche Unmut weitgehend vorbei ist und diese Regeländerung viel Akzeptanz erfährt. Die Trainer reflektieren ihr Verhalten nun auch stärker als vorher.

Mit Daniel Schlager sprach Alex Feuerherdt

Quelle: ntv.de