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Nicht nur Leipzigs Naby Keita mochte angesichts der Standardschwäche seines Teams in Porto nicht mehr hinschauen.
Nicht nur Leipzigs Naby Keita mochte angesichts der Standardschwäche seines Teams in Porto nicht mehr hinschauen.(Foto: dpa)
Donnerstag, 02. November 2017

"Zu naiv" beim CL-Matchball: "Wahnsinn" in Porto zermürbt RB Leipzig

Von Ullrich Kroemer, Porto

Im dritten Topspiel binnen einer Woche kassiert RB Leipzig die dritte "bittere Niederlage", diesmal in der Champions League. In Porto wird den frustrierten Leipzigern die Naivität bei Standards zum Verhängnis. Statt der K.-o.-Runde winkt jetzt der K.o.

Beim FC Porto haben sie durchaus Sinn für Symbolik. Das transparente Stadiondach des Estádio do Dragão, der Drachenhöhle sozusagen, ist einer Drachenhaut nachempfunden. In den Stadionkatakomben hängen auf mehr als 100 Metern großformatige Fotos der Klubgeschichte. Und Pressekonferenzen werden hier in einem Raum abgehalten, der einem Kinosaal nachempfunden ist. Die perfekte Bühne für strahlende Helden. Und eine bittere für gefallene.

Porto - Leipzig 3:1 (1:0)

Tore: 1:0 Herrera (13.), 1:1 Werner (48.), 2:1 Danilo (61.), 3:1 Maxi Pereira (90.+3)
FC Porto: Jose Sa - Ricardo, Felipe, Marcano, Alex Telles - Herrera, Danilo - Corona (72. Maxi Pereira), Brahimi (89. Reyes) - Marega (12. Andre Andre), Aboubakar. - Trainer: Conceicao
RB Leipzig: Gulacsi - Bernardo, Orban, Upamecano, Halstenberg (46. Klostermann) - Kampl, Keita - Forsberg, Sabitzer, Bruma (46. Timo Werner) - Augustin (75. Poulsen). - Trainer: Hasenhüttl
Schiedsrichter: Ovidiu Hategan (Rumänien)
Zuschauer: 41.616
Torschüsse: 11:9 - Ecken: 3:5
Ballbesitz: 42:58 % - Zweikämpfe: 91:92

Auch RB Leipzigs Trainer musste nach der 1:3-(0:1)-Pleite in der Champions League an 124 Jahren Portoer Klubgeschichte vorbeischreiten und im Kinosaal in der Rolle des Verlierers Platz nehmen. Der Österreicher konnte und mochte seine Enttäuschung nach der dritten Spitzenspiel-Niederlage in drei verschiedenen Wettbewerben - DFB-Pokal, Bundesliga und nun "Königsklasse" - nicht verbergen.

"Das ist eine sehr bittere Niederlage. Wir waren nicht das schlechtere, aber das weniger effektive Team heute Abend", formulierte Hasenhüttl zerknirscht. "Dass wir nach dem Aufwand, den wir betrieben haben, mit leeren Händen dastehen, ist Wahnsinn." Ihm war ebenso wie seinen Spielern bewusst, dass der Champions-League-Debütant RB Leipzig beim abgezockten, aber keineswegs furchteinflößenden "Drachen" FC Porto eine riesige Chance vertan hatte, um in der "Königsklasse" zu überwintern. Zumindest ein Punkt wäre möglich gewesen im Quasi-Matchball-Spiel. Nun muss RB als Gruppendritter in den verbleibenden beiden Partien auf Patzer des Konkurrenten aus Portugal hoffen. Selbst hat RB das Weiterkommen nicht mehr in der Hand.

Erst Rotschwäche, jetzt Standardpatzer

Nachdem zuletzt nach den beiden Niederlagen gegen Bayern München viel über Rote Karten gesprochen worden war, stand in Porto ein Thema im Mittelpunkt, das sich ebenfalls durch die Amtszeit von Trainer Ralph Hasenhüttl zieht: Gegentore nach Standards. Gegen das robuste Team von der Atlantikküste hatten sich die Leipziger bereits im Hinspiel zwei Gegentreffer nach einem Einwurf und einer Ecke eingefangen. Das hatte die grandiose Offensivleistung der Leipziger noch kaschiert.

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In Porto brach RB die Schwäche nach ruhenden Bällen des Gegners das Genick. Der frühe Führungstreffer durch Portos Kapitän Herrera entstand nach einer Ecke (13.) aus dem Gewühl heraus. Das spielentscheidende 2:1 durch Abwehrhüne Danilo Pereira, dessen leichte Abseitsposition nicht geahndet wurde, resultierte aus einem Freistoß 40 Meter vor dem Leipziger Tor (61.).

Leipzigs Offensivspieler Marcel Sabitzer erklärte verärgert: "Wir haben eine klare Zuteilung. Bei Eckbällen spielen wir Mann gegen Mann. Und bei Freistößen stehen wir hoch und fallen dann. Dass Danilo frei zum Kopfball kommt, darf auf jeden Fall nicht passieren." Und Abwehrspezialist Willi Orban, der den 1,88 Meter großen Danilo frei zum Kopfball hatte kommen lassen, konkretisierte: "Wir müssen uns als Viererkette besser fallen lassen, dürfen die Gegner gar nicht dazwischen in die Lücken laufen lassen. Da haben wir auch zu schludrig agiert."

Nach Standards brach in Leipzigs Strafraum regelmäßig Abwehrchaos aus.
Nach Standards brach in Leipzigs Strafraum regelmäßig Abwehrchaos aus.(Foto: imago/GlobalImagens)

Und in Richtung des Kollegen Kevin Kampl sagte Orban: "Wir haben bei Eckbällen eine klare Zuteilung, die sollte man auch bis zum Schluss einhalten, bis der Standard wirklich geklärt ist." Kampl hatte erst das Kopfballduell gegen Herrera verloren und den Torschützen dann blank stehen lassen, als der Ball aus dem Getümmel zu ihm zurückkam - Doppelfehler. Generell forderte Orban von sich und anderen bei gegnerischen Standards: "Wir müssen wacher und konsequenter sein, uns mit aller Macht reinschmeißen. Das ist zu naiv."

"Viel Ballbesitz, kaum Tiefgang"

Zwar waren die Treffer der Portugiesen nach Ecke und Freistoß in dieser Partie entscheidend. Doch RB hatte es zuvor auch versäumt, spielerisch an die Leistung der ersten Begegnung anzuknüpfen. "In der ersten Halbzeit hatten wir viel Ballbesitz, aber viel zu wenig Torgefahr, kaum Tiefgang", kritisierte Hasenhüttl. Weder Kampl, der im Hinspiel noch überragend das Spiel dirigiert hatte, noch Naby Keita konnten Situationen im Sechzehnmeter-Raum kreieren.

"Wir sind zu wenig ins letzte Drittel gekommen, konnten nicht wirklich etwas mit unserem Ballbesitz anfangen, haben zu viel quer gespielt, zu viel klein, klein, was nicht unser Spiel ist", ärgerte sich Kampl. "Wir haben zwar viele Bälle gewonnen, haben es aber versäumt geradlinig nach vorn zu spielen, haben uns zu oft nach hinten weggedreht. Wir hätten einfach nach Ballgewinnen schneller in die Tiefe spielen sollen, da waren einige Lücken da." Dabei hatte RB Leipzig genau diese Automatismen, die im Hinspiel zum Erfolg und deutschlandweiter Beachtung geführt hatten, eigens in einem Geheimtraining am Dienstagmorgen geübt.

Dass das nun im Spiel nicht fruchtete, liegt möglicherweise auch an der physischen und mentalen Belastung, die das Team nach den beiden verlorenen Partien gegen Bayern München als Rucksack mit sich herumschleppte. Das anarchische, ungezügelte und zugleich chirurgisch genaue RB-Spiel war in Porto nur selten zu sehen. So richtig funktionierte das im Grunde nur beim 1:1, als der eingewechselte Timo Werner nach herrlichem Pass von Sabitzer in die Nahtstelle von Portos Viererkette traf (48.).

Porto zieht die richtigen Schlüsse

So blieb von dieser spielerisch dürftigen Partie vor 1100 mitgereisten RB-Fans und insgesamt 41.616 Zuschauern letztlich die Erkenntnis, dass Porto aus dem Hinspiel seine Lehren gezogen hatte, die Pressing-Reihen unglaublich eng auf dem Spielfeld formierte und RB kaum Platz ließ. Auch Kampl musste anerkennen, "dass Porto schlau gestanden hat, sie haben die Räume hervorragend verteidigt. Sie wussten, dass wir diese tiefen Bälle spielen wollen." RB hingegen versäumte es, an den einzigen Fehlern des Hinspiels zu arbeiten - das Verteidigen von Standardsituationen in Nähe des eigenen Tores. Nach der zu uncleveren Spielweise mit zwei Platzverweisen gegen München ein weiterer Beleg dafür, dass die Leipziger auf internationalem Niveau noch deutlich abgezockter werden müssen. Drachenhöhle hin oder her.

Am Samstag gegen den Bundesliga-Tabellenvierten Hannover steht für die Rasenballsportler übrigens das nächste Spitzenspiel an. Das sechste innerhalb von drei Wochen.

Quelle: n-tv.de

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