Fußball

Er entschuldigt und erklärt sich Warum Salomon Kalou das gemacht hat

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Einfach nur nicht nachgedacht?

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Hygiene, Abstand, Demut - nicht mit Salomon Kalou! Und nicht mit ein paar Kollegen von Hertha BSC. Ein Verhalten, das besser nicht öffentlich werden sollte? Ja. Stattdessen wird die ganze Dreistigkeit von Kalou live gestreamt.

Offiziell war es dann eben so: "Es tut mir leid, wenn ich mit meinem Verhalten den Eindruck erweckt habe, dass ich Corona nicht ernst nehme", erklärt Salomon Kalou. Der Stürmer von Hertha BSC wird mit diesen Worten in einer Stellungnahme des Bundesligisten zitiert, die auf der Vereinshomepage veröffentlicht wurde. Kalou wolle sich auch entschuldigen. Es sei nämlich ganz anders. Er nehme Corona sehr ernst. "Ich mache mir vor allem auch über die Menschen in Afrika große Sorgen, denn dort ist die medizinische Versorgung bei Weitem nicht so gut wie in Deutschland."

Am Tag danach lässt der 34-Jährige sich nicht mehr zitieren, er spricht selbst. "Ich kann verstehen, dass die Menschen wütend auf mich sind. Ich bin es auch", erklärt er dem "Spiegel". Das Video hätte er "niemals machen dürfen", es sei "respektlos" gewesen, "dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen." Seit 2014 spielt Kalou für Hertha, kam damals vom OSC Lille, zwei Jahre zuvor hatte er mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen. In seiner Zeit in Berlin fiel Kalou nie negativ auf, laut "11 Freunde" genießt der Kreativspieler "unter Ber­liner Jour­na­listen und Hertha-Fans einen tadel­losen Ruf". Nun ist seine Aufgabe eine andere, die vor allem abseits des Fußballplatzes liegt: "Ich muss wieder beweisen, dass ich ein gutes Vorbild sein kann."

Und dann beantwortet der 34-Jährige auch noch die Frage, die wohl jeden umtreibt, der sein Video am Montag gesehen hat. Zu seinem Verhalten in diesem 25-minütigen Video, das live via Facebook gestreamt wurde, das so langweilig beginnt und so brisant endet. Das für so viel Aufsehen und Aufregung gesorgt hat wie zuletzt der Rückzug von Jürgen Klinsmann aus dem deutschen Fußball (freilich auch bei der Hertha und bei Facebook). Kalou beantwortet die Frage nach dem "Warum". Er habe nicht wirklich nachgedacht, heißt es in der Berliner Erklärung. "Wir werden wöchentlich auf den Erreger getestet", berichtet er dem "Spiegel", und "bei uns gab es keine weiteren positiven Testergebnisse".

Social Media ist kein unerforschtes Testfeld

Aber ist es wirklich glaubhaft, dass er nicht abschätzen kann, was ein Video über locker und lässig gebrochene Abstandsregeln, über mangelnde Hygiene und Spott über einen Verzicht aufs Gehalt auslöst? Darüber, also über die Diskussion über den Gehaltsverzicht, spricht Kalou nun nicht, vielleicht auch einfach deshalb, weil er nicht danach gefragt wurde. In der Hertha-Kabine schien es darum zu gehen, wie hoch der Verzicht denn nun ausfällt, und ob alle Profis auf denselben Anteil ihres Einkommens verzichten.

Mit seinem Video macht er öffentlich, was zumindest an diesem Tag und in diesen Minuten bei Hertha BSC so alles schiefläuft. Dabei bittet sogar ein gefilmter Physiotherapeut darum, die Aufnahmen doch bitte zu löschen, die sich da jedoch längst im Internet verbreiten. Die Hertha-Mitteilung nennt dies die "Verfehlung eines einzelnen Spielers". Obwohl die Türen im Gebäude nicht wie empfohlen allesamt geöffnet sind, nirgendwo Mittel zur Desinfektion der Hände zu sehen sind, der Physiotherapeut einen Abstrich vornimmt, ohne dabei die entsprechende Schutzkleidung zu tragen.

Das ist nicht allein Kalous Fehler, das muss sich auch Hertha vorwerfen, dennoch ist er der Sündenbock. "Aber ich bin mehr als diese fünf schlechten Minuten", sagt der 34-Jährige dem "Spiegel". Dennoch hätte er eben wissen müssen, was ein solcher Livestream auslösen kann. Social Media ist ja für Profisportler alles andere als ein neues Testfeld, dessen Wirkung so schwer abzuschätzen ist wie die Entwicklung mit dem Coronavirus. Social Media, das weiß man, das weiß auch Kalou, ist ein hochsensibles Vehikel, was bei aller Stumpfheit auch gesellschaftliche Debatten mit Wucht und Brisanz anfeuern kann - siehe Mesut Özil, siehe Ilkay Gündogan, beide sogar mehrfach.

Nun geht es aber nicht um ein Foto mit einem politischen Despoten oder Likes für militaristische Gesten, sondern es geht um ein Virus, das extrem infektiös ist, das sehr schwere Krankheitsverläufe auslösen kann, das viele Familien in Tod und Trauer stürzt, das Gesellschaften mit brutaler Vollbremsung in einen kompletten Stillstand zwingt. In einen zehrenden Stillstand, der akzeptiert wurde, nun aber, nach einigen positiven Entwicklungen, wieder behutsam aufgehoben und gelockert werden soll. Von dieser Stimmung will auch der Profifußball profitieren, er will zurück in die (leeren) Stadien, die Saison beenden. Unter strengen Regeln. Mit Restrisiko.

Gift für die Fortsetzungspläne

An diesen strengen Regeln, an diesem klaren Konzept führend mitgearbeitet hat Tim Meyer. Er ist Leiter der "Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" der Deutschen Fußball-Liga und er sagte zuletzt zu Sport1: "Wenn es zu viele positive Fälle gibt, kann dieses System sicherlich ins Wanken geraten." Deswegen sei "extreme Disziplin" aller Beteiligten auch abseits des Spielfeldes so unglaublich wichtig.

Und tatsächlich wankt das System nun, es muss wanken. Denn Kalou hat allen, die es sehen wollten (oder mussten), gezeigt, wie ignorant Fußballer (selbst bei der genannten Motivlage) in ihrer bisweilen entrückten Welt mit den Direktiven umgehen. Und nicht nur sie übrigens: Dicht gedrängte Politiker inklusive Gesundheitsminister Jens Spahn in Aufzügen, dicht gedrängte Reportermassen bei der Masken-PK von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Abstand, das scheint eher was für den Normalo zu sein.

Kalou hat sich selbst zur Corona-Persona non grata gemacht. Er hat sich massiven Schaden zugefügt. Aber er hat auch seine Kollegen, die so erfahrenen Per Skjelbred, Rune Jar­stein, Petar Pekarik und Vedad Ibi­sevic belastet (und sich bei ihnen dafür entschuldigt) - und natürlich seinen Klub (auch bei dem hat er sich entschuldigt). Die Hertha, so der Eindruck, die pfeift auf Corona! Nun pfeift die Hertha vor allem auf Kalou. Er ist suspendiert, sein Vertrag läuft in knapp zwei Monaten aus.

Dabei schien es, als könnte Kalou unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia wieder zu alter Bedeutung zurückfinden. Mit Jürgen Klinsmann kam der Ivorer weniger gut zurecht. Er fühlte sich nicht wertgeschätzt. Daraus, also aus einer sportlichen Wiederauferstehung, wird nun nichts. Das weiß auch Kalou: "Man macht Fehler im Leben. Dafür muss man gerade stehen."

Quelle: ntv.de