Flick als letzter SiegertrainerWarum das DFB-Pokal-Halbfinale für den FC Bayern so wichtig ist
Von Anja Rau
Die Meisterschaft sicher, das Kracherduell im Halbfinale der Champions League vor der Brust. Da ist doch das Halbfinale im DFB-Pokal nicht ganz so relevant? Von wegen, alle beim FC Bayern widersprechen. Aus guten Gründen.
Der FC Bayern ist besser als in der Triple- (oder Sextuple?, es gab ja auch noch den DFL-Supercup, den UEFA-Supercup und die Klub-WM)-Saison 2019/2020. Zwar haben sie erst einen Titel - die Meisterschaft - sicher, doch geht es nach den Pflichtspieltoren haben sie den bisherigen Bestwert von 159 Toren aus eben jener historisch-erfolgreichen Saison mit inzwischen 161 Treffern bereits übertroffen. Nun müssen "nur" noch die Titel folgen. Ganz einfach, oder? Nun ja, ein paar Zwischenschritte stehen schon noch an.
Man könnte meinen, die Luft ist gerade ein bisschen raus beim Team von Trainer Vincent Kompany. Schließlich wurde am Sonntag erst die 35. Deutsche Meisterschaft gefeiert - und in der kommenden Woche folgt schon das Halbfinale in der Champions League gegen Titelverteidiger Paris St. Germain. Es gibt also Wichtigeres als das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen (Mittwoch, 20.45 Uhr/ZDF, Sky und im ntv.de-Liveticker).
Dem ist allerdings nicht so, wenn es nach dem FC Bayern geht. Schon der erste Titel der Saison wurde nur mit angezogener Handbremse begossen. Kompany hatte gewarnt: "Die Saison ist noch nicht vorbei. Es gibt noch Dinge zu gewinnen. PSG in der Champions League, der Titelverteidiger, das ist wahrscheinlich die schwerste Herausforderung. Aber davor wartet Leverkusen."
Eben jener Klub, der bei der 1:2-Niederlage gegen den FC Augsburg am Samstag womöglich die Champions-League-Qualifikation verspielt hat, der also in einer Krise steckt. Von einer einfachen Nummer will Kompany aber überhaupt nichts wissen: "Was wir da erlebt haben, war immer ein totaler Kampf. Wir erwarten auch nichts anderes, das wollen wir auch."
Letzter Finaleinzug gelang 2020
Schließlich muss der FC Bayern eine Scharte auswetzen. Seit 2020 stand der deutsche Rekordmeister und Rekordpokalsieger - der die Trophäe schon 20-mal in die Höhe reckte - nicht mehr im Finale in Berlin. Damals war das Olympiastadion inmitten der Corona-Pandemie fast leer, der Jubel nach dem 4:2-Sieg entsprechend nüchterner. Gegner damals: Bayer Leverkusen.
Seitdem setzte es nach eigenem Verständnis teilweise unwürdige Pleiten: 2021 verloren die Münchner mit 5:6 im Elfmeterschießen in der zweiten Runde beim Zweitligisten Holstein Kiel, ein Jahr später kam das Aus ebenfalls bereits in der zweiten Runde nach einem desaströsen 0:5 gegen Borussia Mönchengladbach. Schluss im Viertelfinale war in der Saison 2022/23 nach einem 1:2 gegen den SC Freiburg. Danach brachte wieder die tückische zweite Runde viel Häme nach dem 1:2 gegen den 1. FC Saarbrücken.
Und wer schmiss den FC Bayern in der Vorsaison aus dem DFB-Pokal? Bayer Leverkusen. Endstation Achtelfinale (0:1). Erst hatte die Werkself den Münchnern das Double weggeschnappt, ein Jahr später auch noch die Chance darauf, sich das Double zurückzuholen. Am Ende blieb "nur" die Meisterschaft.
Hansi Flick letzter Pokal-Siegertrainer
Hansi Flick ist also tatsächlich der bislang letzte Trainer, der den FC Bayern zum Pokalsieg führen konnte. Sechs Jahre ist das her. Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel gingen nach Flick leer aus. Warum jetzt alles anders ist, glaubt Felix Magath zu wissen: "Der Trainer hat es wieder geschafft, dass der FC Bayern eine Einheit ist. Man hat das Gefühl, dass Harmonie innerhalb der Truppe ist und jeder für den anderen da ist. Das Schöne am Fußball ist, dass nicht die besseren Einzelspieler gewinnen, sondern am Ende die bessere Mannschaft die Nase vorn hat", sagte der einstige Meistertrainer bei RTL. Und geht auch deswegen "davon aus, dass der FC Bayern München das Finale erreichen wird."
Darauf setzt auch Vorstandschef Jan-Christian Dreesen: "Wir haben den wichtigsten Titel gewonnen, die deutsche Meisterschaft, aber es ist more to come", sagte er am Sonntag. Auch Harry Kane betonte: "Wir haben zu Saisonbeginn viel darüber gesprochen, dass der Pokal eine Priorität für uns hat. Es ist zu lange her, dass unser Klub diesen Wettbewerb gewonnen hat - vor allem, wenn wir bedenken, wie dominant wir in der Liga gewesen sind."
Das Endspiel in Berlin, die Glückwünsche vom Bundespräsidenten und die Konfetti-Fontäne auf der Tribüne des Olympiastadions, es gehört zum Selbstverständnis des Klubs hinzu. Und ist seit jeher bekanntermaßen ein Traum der Fans: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", skandierten auch die Bayern-Anhänger kurz nach dem 4:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart, mit dem die Meisterschaft schon am 30. Spieltag eingetütet war. Für Kane ist klar: "Wir müssen es dorthin schaffen!"
Neuntes Pokal-Duell mit Bayer
Dieses Halbfinale wird das neunte Pokal-Aufeinandertreffen mit Bayer, sechsmal hatte der FC Bayern die Nase vorn. Obwohl es zuletzt nicht klappte, will Kompany nicht von einer Revanche sprechen. "Keiner von uns wird dieses Spiel unterschätzen. Vertrauen haben wir, aber wir wissen, was auf uns zukommt."
Und so rückt das Duell mit PSG, das vermeintlich alles überstrahlt, erstmal in den Hintergrund. Mit dem Pokal und dem Liga-Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05 stehen eben noch zwei Partien an. Schön den Rhythmus behalten, im Fokus bleiben - es sind Phrasen, aber sie zählen auf dem Weg zum möglichen Triple. "Zwei Titel sind jetzt noch zu vergeben und ich habe keinen Zweifel daran, dass Bayern im DFB-Pokal in Leverkusen und im CL-Halbfinale gegen PSG weiterkommt. Warum sollten sie jetzt den Fokus verlieren?", schrieb Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne. Sein Urteil: "Meiner Meinung nach ist Bayern momentan die beste Mannschaft der Welt."
Ohnehin, die einstigen Weltstars sind ganz verliebt in den FC Bayern. Nicht nur Matthäus schwärmt, auch der brasilianische Weltmeister Cafu: Der FC Bayern ist "eine Mannschaft, die stets nach vorne schaut, eine Mannschaft, die immer angreift, eine Mannschaft, die keine Angst vor dem Gegner hat, eine Mannschaft, die weiß, dass sie Gegentore kassieren wird, aber auch eine Mannschaft, die weiß, dass sie viele Tore schießen wird."
51 davon hat allein Kane in dieser Saison zu verantworten - eine irre Zahl. Und es werden sicherlich noch mehr werden. Bestenfalls stehen für ihn und seine Teamkollegen noch neun Saisonspiele an. Dann hätten die Bayern das Pokalfinale und auch das Champions-League-Finale gespielt. Der Weg ist klar. Da ist dieses vermeintlich unwichtige Duell mit Leverkusen alles andere als ein Störfaktor.