Fußball

"Der Osten kann wieder gewinnen" Warum die Leipziger ihr Red-Bull-Ufo lieben

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Echte Liebe?

(Foto: dpa)

Eine Studie untersucht, weshalb viele Menschen in Leipzig im Gegensatz zur überregionalen Wahrnehmung das Ufo RB heiß lieben. Ergebnis: Der Klub fördert durch sein Erfolgsstreben neues ostdeutsches Selbstwertgefühl zutage.

Das Bild vom Ufo, das im Sommer 2009 in Markranstädt landete, um den Menschen in Leipzig und der Region den Profifußball zu bringen, gehört immer noch zu den gelungensten, um die Ankunft von RB Leipzig in Sachsen zu beschreiben. Wie extraterrestrische Wesen müssen den Bewohnern der Kleinstadt im Südwesten Leipzigs die Dutzenden Red-Bull-Mitarbeiter erschienen sein, die am beschaulichen Stadion am Bad einen gläsernen Container aufbauten, der sonst in der Formel 1 verwendet wurde und als Geschäftsstelle des künftigen Bundesligisten diente.

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"In anderen Regionen nicht denkbar": Timo Meynhardt und Eduard Frantz

Doch dieses Bild ist mittlerweile knapp acht Jahre alt. Längst ist der Reizklub, der gerade die Bundesliga aufmischt, nicht nur in Markranstädt, sondern auch in Leipzig und der Region angekommen. Denn im gleichen Maße, wie in den vergangenen siebeneinhalb Jahren überregionale Anfeindung durch gegnerische Fan- und Ultraszenen wuchsen, festigte sich die Verbindung der Menschen vor Ort mit dem einstigen Ufo-Verein. "Das 2009 gelandete Raumschiff entpuppte sich als etwas, das die Leipziger und die Menschen in Mitteldeutschland lieben gelernt haben und ein Stück weit in einer Weise für sich vereinnahmen, wie es in anderen Regionen nicht denkbar gewesen wäre", sagt Professor Timo Meynhardt. Ähnlich wie im Science-Fiction-Kultfilm bei E.T. und Freund Elliott. Der Wirtschaftspsychologe von der renommierten Handelshochschule Leipzig (HHL) veröffentlicht an diesem Donnerstag eine Studie zum Public Value von RB Leipzig, in der er den Gemeinwohlbeitrag RB Leipzigs für die regionale Gesellschaft erforscht hat.

"RB Leipzig ist kein One-Night-Stand"

Dabei geht es weniger um konkrete Zahlen wie neue Arbeitsplätze und Mehreinnahmen durch Steuern oder Ausgaben der Stadionbesucher für Leipzig. Vielmehr interessiert Meynhardt der ideelle Wert, den Rasenballsport für Leipzig, Mitteldeutschland und in Teilen für die gesamten neuen Bundesländer besitzt - nicht nur für das Portemonnaie der Einwohner, sondern auch für das eigene Selbstverständnis. "RB Leipzig ist ein Motor des Gemeinwohls", der die Sozialverhältnisse in der Region in Bewegung versetze und "unheimliche Kraft" ausstrahle, sagt Meynhardt. "Das ist ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges."

Der Bundesliga-Überraschungsklub bringe die Gesellschaft nicht nur voran, "sondern das geht viel tiefer. RB ist mehr als ein Tabellenplatz, RB spricht nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch, den kollektiven Unterleib der Region an." Oder anders: "RB Leipzig ist kein One-Night-Stand, keine Affäre", sagt Meynhardt, sondern da wachse eine echte, tragfähige Beziehung zwischen den Menschen hier und dem Verein heran. Die HHL-Studie ist deswegen spannender als andere rein quantitative Erhebungen, die RB allesamt steigende Sympathiewerte in der Gesellschaft bescheinigen, weil sie die tieferen psychologischen Ursachen untersucht, die die Euphorie vieler Leipziger für die neue Fußballmacht begründen. Meynhardt empfängt in seinem Büro unweit des Stadions auf dem Gelände der sportwissenschaftlichen Fakultät - einst Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK). Bis zur Wende war hier die wissenschaftliche Elite des DDR-Sports versammelt. Das passt insofern gut, weil die Akzeptanz von RB Leipzig in der Region viel mit der ostdeutschen Vergangenheit zu tun hat.

Erfolg um - fast - jeden Preis

Dominantester und zentraler Public Value, den die Menschen mit RB Leipzig verbinden, ist die Variable Erfolg um (fast) jeden Preis. "Es gab in den letzten 20, 25 Jahren nicht so viele Erfolgsbeispiele, die den Menschen hier symbolisiert haben, dass man es auch mit eigenen Leistungen zu etwas bringen kann", erklärt Meynhardt. "Die Region ist eben nicht erfolgsverwöhnt, es gibt zu wenige Vorbilder - auch in der Wirtschaft -, die dafür stehen, dass der Kapitalismus funktioniert", argumentiert er. "Bei RB Leipzig trifft viel Geld auf fähige Leute, die etwas daraus machen - und das finden die Menschen attraktiv."

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"Der Osten kann wieder gewinnen."

(Foto: imago/Picture Point LE)

Laut dem 44-Jährigen, erster ostdeutscher Professor an der HHL, vermittele RB Leipzig die zentrale Botschaft: "Der Osten kann wieder gewinnen." Mit dem Erfolg von RB Leipzig werde "ein ostdeutscher Traum" wahr – der Red-Bull-Klub sei auch "Projektionsfläche" für eigene Wünsche und Ziele, sagt Meynhardt. Unternehmerisches Kalkül sei auf das Leipziger Lebensgefühl mit einer seit jeher starken, bürgerlichen Stadtgesellschaft getroffen, "die damit nicht nur etwas anzufangen weiß, sondern sich dadurch wieder gestärkt fühlt". Die Fans des Tabellenzweiten könnten so auch ihre eigenen, durch die Wiedervereinigung entstandenen Identitätsdefizite kompensieren. "Das ist eine Art von Wundheilung, die Überwindung einer Opferkultur", analysiert Meynhardt. Erfolgsfußball als Wunder-Medizin für ein über 25 Jahre währendes Unterlegenheits-Gefühl.

Davon ausgehend haben die Wissenschaftler weitere Gemeinwohl-Faktoren wie Stärkung der Region und Erwachen einer neuen Fußballkultur aufgestellt, die Rasenballsport Leipzig als ersten "postmodernen Fußballklub" ausweisen, der sich gerade aufgrund der fehlenden Tradition den Slogan "Vielfalt durch Offenheit" auf die Fahne heften könnte. "Das Antlitz von Leipzig im Stadion ist ein anderes als das, was man überregional mit Sachsen verbindet, wenn es um die Zustände im Osten geht", hat Meynhardt beobachtet. "RB Leipzig ist ein Beispiel dafür, wie die Region dieses Image des Dunkeldeutschlands abstreifen kann und andere Bilder erzeugt." Dass dieser Erfolg mit äußerst konsequenten, teils rigorosen Mitteln errungen wurde – rücksichtslose Kreativität heißt das in der Studie - störe die Leipziger nicht. Solange die Anhänger das Gefühl haben, bei Entscheidungen über Fanbelange mitgenommen zu werden, überwiegt der Vertrauensvorschuss der Leute.

Für die Untersuchung haben Meynhardt und sein Mitarbeiter Eduard Frantz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena 24 Wort- und Meinungsführer der Gesellschaft ausgewählt, die detailliert über RB Leipzig aussagefähig sind. Vom Bürgermeister bis zum Zoodirektor, vom Fanvertreter über leitende Angestellte des Vereins sowie mit dem Klub befasste Journalisten, unter anderem der Autor. Aus den intensiven, ein- bis zweistündigen Befragungen ergab sich ein Mosaik der Ausprägung und Ursachen der regionalen Bindung zwischen den Menschen und der neuen Fußballmacht. Problem der Arbeit: Aufgrund der Komplexität der Fragen wurden nur gebildete Probanden aus der sozialen Mittel- und Oberschicht befragt. Eine vergleichbare Studie hatte Meynhardt 2013 über den FC Bayern erstellt - jeweils in enger Kooperation mit den Klubs.

Auch RB Leipzig wurden die Ergebnisse präsentiert, inklusive Empfehlungen an den Klub. "Sagt mal danke, gebt mal ein Kompliment zurück", riet Meynhardt den Funktionären. "Wenn die Fans der zwölfte Mann sind, ist die Region sozusagen der 13. Mann." Der Verein sei selbst von der Wucht der Sympathie in der Region überrascht worden, müsse erst lernen, mit der Liebe der Menschen umzugehen, was bisweilen als Fremdeln wahrgenommen werde. "Wichtig ist, dass RB sich positiv zu seiner Rolle und Funktion in der Region einstellt, bekennt und das auch öffentlich macht", sagt Meynhardt. "Da wünschten wir uns vonseiten des Klubs noch mehr Mut." Denn noch sei der komplett von Westdeutschen geführte Verein im Osten "nicht parkettsicher. Diese Sicherheit muss sich der Verein erst noch erarbeiten." Insofern ist die Ufo-Metapher noch immer treffend.

Quelle: n-tv.de

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