Fußball

Nach Champions-League-Geplustere Warum es Götze nach Eindhoven verschlägt

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Endlich wieder spielen, endlich wieder Anerkennung: Womöglich macht PSV Götze zu einem glücklicheren Fußballer.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Keine Hertha BSC, erst recht kein Champions-League-Klub, stattdessen PSV Eindhoven: Der Wechsel von Mario Götze in die Niederlande kommt überraschend. Vor allem nach dessen großen Tönen. Aber womöglich steckt dahinter ein ziemlich cleverer Schachzug.

Er wolle unbedingt "noch einmal die Champions League gewinnen". Das waren Mario Götzes Worte vor wenigen Wochen. Der vereinslose Spieler, der bei Borussia Dortmund aussortiert worden war, hat große Ziele. Übergroße offenbar. Denn nun hat er einen neuen Arbeitgeber gefunden. Und spielt mit diesem sogar international. In Gruppe E trifft Götzes Klub auf Granada CF, Omnia Nikosia sowie Paok Saloniki. Allerdings in der Europa League, nur für die hatte sich die PSV Eindhoven qualifiziert.

Die Philips Sport Vereinigung also ist es, für die sich Götze entschieden hat. Eine Überraschung, aber immerhin, es geht für den 28-Jährigen wieder aufs internationale Parkett. Mit der Hertha, mit der der WM-Held von 2014 lange in Verbindung gebracht wurde, wäre es gar nichts geworden mit den europäischen Duellen. Schließlich konnte sich der Bundesligist nicht qualifizieren. Die Gerüchte um einen Coup des selbsternannten "Big City Club" rissen auch nach dem Schließen des Transferfensters am Montag um 18 Uhr nicht ab - aus gutem Grund. Götze war bereits vereinslos gewesen und somit nicht an die Termine der Transferperiode gebunden. Warum er jetzt trotzdem so schnell eine Entscheidung traf? Am Dienstag mussten die Teilnehmer ihre Spieler-Meldelisten für die Europa- und Champions League an die Uefa übermitteln. Damit Götze also für Eindhoven nicht nur in der Liga und im Pokal kicken darf, brauchte es eine schnelle Einigung.

"Glücksfall"

Zwar hatte seine Frau Ann-Kathrin bereits vor einigen Wochen bei Instagram verlauten lassen, dass schon bald bekannt würde, wohin ihr Mann wechseln würde - doch das war offenbar nicht mehr als ein leeres Versprechen. Schließlich bekannte Götze nun im vereinseigenen TV, dass der Wechsel überraschend kam. Aber er freue sich, betonte er. "Es ist das komplette Paket aus Fans, Klub und Ambitionen." Zudem findet Götze, dass er perfekt zum Team passe: "PSV Eindhoven passt zu meinem Spielstil. Ich bin hier am richtigen Platz, für meine Art zu spielen."

Den Schubs gab der Trainer der PSV. Roger Schmidt, den Götze aus der Bundesliga kennt, überzeugte ihn. Er habe "viele Angebote" gehabt, betonte Götze abermals, "aber nach ein paar guten Gesprächen" mit Schmidt habe er "ernsthaft darüber nachgedacht, in die Niederlande zu wechseln". Das bestätigte auch PSV-Direktor John de Jong: "Nachdem unser Cheftrainer Roger Schmidt Kontakt mit ihm aufgenommen hatte, war Mario sofort interessiert. Und am Ende erwies er sich als der Glücksfall, auf den wir gehofft hatten. Wir freuen uns, dass er einen Vertrag mit der PSV unterschrieben hat. Wir sind sehr stolz." Es ist nur die kleine internationale Bühne, aber Götze sagt: "Ich hoffe auf viele Tore und viele Assists. Ich will ein wichtiger Teil dieses Teams sein und möglichst viele Spiele gewinnen."

Schon wieder Druck?

Damit setzt er sich selbst unter Druck. Schon wieder, muss man nach dieser unglücklichen Champions-League-Sieger-Aussage, mit der er sich doch ziemlich unnötig aufgeplustert hat, konstatieren. Dabei weiß Götze doch eigentlich, wie übermächtig groß Druck werden kann. So wie 2014, als er der gefeierte Held war - und nie wieder den Kritikern gerecht werden konnte. Nicht beim FC Bayern, zu dem er 2013 von Borussia Dortmund gewechselt war, nicht beim BVB, zu dem er 2016 scheinbar geläutert zurückkam.

Dazu erkrankte er an metabolischer Myopathie, einer Stoffwechselkrankheit. 2018 bekannte er: "Ich habe mich körperlich überfordert und mir zu viel zugemutet." Es sei eine "sehr frustrierende Zeit" gewesen, so der Mittelfeldspieler damals bei Dazn: "Wenn man eine Verletzung hat, ist es einfach: Der Knochen oder das Band heilt wieder, dann ist es gut. Aber zu verstehen, dass es auf einer anderen Ebene nicht rund läuft, das zu begreifen und zu verarbeiten, war die größte Herausforderung. Im Nachhinein ist es verständlich, dass der Körper gesagt hat: bis hierher, aber nicht weiter." Ein körperliches Problem, das sich anhaltend auch auf die Psyche ausgewirkt hatte. Und nun baut er sich selbst wieder Druck auf. Oder?

Der Wechsel nach Eindhoven könnte nicht nur der Freude über internationale Spiele geschuldet sein, sondern auch der Hoffnung, künftig etwas mehr in Ruhe gelassen zu werden. In den Niederlanden wurde sein Transfer bereits gefeiert, das Interesse an seiner Person ist groß. Doch die Aufmerksamkeit in Deutschland ist ungleich größer. Ein Wechsel zu Hertha BSC wäre gleichzeitig ein Wechsel in die Hauptstadt gewesen. Ein Wechsel zu einem Verein, der sich dank Investor Lars Windhorst, seinen Millionen und seinen großen Erwartungen selbst Aufmerksamkeit verschafft. In diesem Umfeld hätte Götze nun Woche für Woche bestehen müssen. Er wäre das neue Zugpferd des Teams von Bruno Labbadia gewesen. Und der hatte schließlich schon kritisch angemerkt: Er wisse nicht, ob Hertha stark genug sei, "um so einen Spieler aufzufangen".

Deutsches Team in den Niederlanden

In Eindhoven machte man sich darüber offenbar weniger Gedanken. Es ist Götzes Möglichkeit, wieder auf dem Platz zu überzeugen. In einem Umfeld, das ihm gelegen kommen dürfte, schließlich ist er von vielen bekannten Gesichtern umgeben: Trainer Schmidt hat auch die Deutschen Philipp Max, Adrian Fein, Lars Unnerstall, Timo Baumgartl und Vincent Müller im Team. Und trotz der vielen Deutschen im Team wird nicht ganz Deutschland auf Eindhoven blicken. Trotz der nur 60 Kilometer Entfernung von der deutschen Grenze. Mal eben hinfahren ist aufgrund der Coronavirus-Pandemie ohnehin nicht möglich.

Nach dem vergeblichen Kampf um Anerkennung und einen Stammplatz beim BVB, hat Götze einen Klub gefunden, der sich auf ihn freut, der stolz auf ihn ist. Sein Vertrag läuft bis Sommer 2022, womöglich kann er sich in diesen zwei Jahren von der Last des WM-Helden freispielen. Mit 30 Jahren wäre er zwar schon in fortgeschrittenem Alter für einen Champions-League-Klub, aber wer weiß, was bis dahin passiert. Nicht zuletzt will Hertha BSC dann ja am liebsten selbst bei den ganz Großen mitmischen. Aber das baut nur wieder Druck auf.

Quelle: ntv.de