Fußball

Langweiliger und unattraktiver Was dem Fußball ohne Fans verloren geht

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Fast schon Normalität: Tristesse auf der Dortmunder Südtribüne.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Seit knapp einem Jahr rollt der Fußball hinter verschlossenen Türen. Studien haben ermittelt, welchen statistischen Einfluss die Geisterspiele auf die Ergebnisse haben. Es zeigt sich: Der Heimvorteil geht verloren und der Wettbewerb wird langweiliger.

Im Januar 2021 war es dann so weit: Die Festung des FC Liverpool, das Anfield, sie ist gefallen. 68 Ligaspiele seit April 2017 hatte die Mannschaft von Jürgen Klopp zu Hause nicht mehr verloren, die 0:1-Niederlage gegen Burnley markierte den Schlusspunkt. Das Ende der Serie hat unterschiedlichste Gründe. Da wären das massive Verletzungspech der Klopp-Elf oder die kräftezehrende Mehrfachbelastung aus Königsklasse, Pokal und Premier League. Aber ein großer Faktor, der den FC Liverpool normalerweise beflügelt, fehlt: die Fans und ihre einzigartige Atmosphäre im Anfield.

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Wie in der Bundesliga rollt auch in England seit Beginn der Coronavirus-Pandemie der Ball meist hinter verschlossenen Türen. Inzwischen gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass Geisterspiele dort einen Einfluss haben. Normalerweise gewinnen Heimmannschaften knapp die Hälfte ihrer Spiele, im Lockdown hat sich das geändert. Professor Martin Lames von der TU München untersuchte das für die Bundesliga und erklärte im DLF dazu, dass sich das Verhältnis aus Heimsieg, Unentschieden und Auswärtssieg "deutlich" verändert habe. Die Zahl der Heimsiege sei um 15 Prozent zurückgegangen. "Dies gilt sowohl im langjährigen Vergleich, als auch im Vergleich des ersten Saisonabschnitts 19/20 mit Zuschauern, zum zweiten ohne Zuschauer."

Ein Comeback wird zur Seltenheit

Der Zuschauerausschluss raubt Mannschaften nicht nur den Heimvorteil, er macht die Partien auch berechenbarer und damit langweiliger. Die Bundesliga büße so an Attraktivität ein, "da sich diese zum Teil aus Überraschungen und sensationellen Comebacks der Underdogs speist. Und eine erhöhe Vorhersehbarkeit von Siegen der großen, finanzstarken Vereine dem Interesse eher abträglich ist", so Lames im DLF.

Die Sensation gebe es zwar noch, aber sie wird seltener. "Wenn man sich das veränderte Ergebnisprofil genauer anschaut, stellt man fest, dass es vor allem auf Rückgänge der Heimsiege von tabellarisch Unterlegenden gegen tabellarisch überlegende Gäste zurückgeht", so Lames: "Schaut man noch genauer hin, dann sind besonders Spiele, in denen die Heimmannschaft gegen überlegende Mannschaften das Spiel noch dreht, in Geisterspielen seltener geworden."

Wie das sein kann, daran wird auch in anderen Ligen geforscht. Mittels videogestützter Beobachtungen haben Dr. Michael Leitner und Fabio Richlan für die Universität Salzburg 20 Red-Bull-Salzburg-Partien vor und nach dem Zuschauerausschluss verglichen. Auch bei ihren Analysen in Österreichs Bundesliga zeigt sich, dass das Publikum das Spiel verändert. Bleiben die Ränge leer, gibt es weniger hitzige Debatten. Zwar protestieren Spieler, Trainer und Betreuer häufiger, dafür sind Wortgefechte wesentlich kürzer.

In der Praxis bedeutet das: Ärgert sich beispielsweise ein vermeintlich gefoulter Profi über den fehlenden Pfiff, mache es ein Unterschied, ob das Spiel vor Fans ausgetragen wird oder nicht. "Diese Verstärkung, die vom Publikum passiert, fällt jetzt eben weg", erklärt Leitner im DLF. Die Spieler werden von außen weniger "gepusht" und regen sich weniger intensiv auf. Die Geisterspiele machen die Akteure also in einem gewissen Maße ruhiger.

Der Schiedsrichter-Effekt ist "weg"

Ähnliches beobachtet auch Carlos Cueva von der Universität in Alicante. Er untersuchte schon im vergangenen Herbst in einer Studie, welchen sozialen Druck Fans von den Rängen ausübten. Gerade bei den Schiedsrichtern wird er fündig. Er beschreibt, dass es normalerweise einen Heimvorteil bei Schiedsrichtern gebe, der durch die Geisterspiele verschwunden sei. Normalerweise würden Fouls von Auswärtsteams häufiger gepfiffen werden oder sie bekämen mehr Gelbe und Rote Karten. Im Lockdown sei dieser Effekt "statistisch nicht von null zu unterscheiden". So beeinflusse das Publikum im Normalfall den Unparteiischen durch beispielsweise das Aufpeitschen der Heimmannschaft oder auch mit der Lautstärke, mit der Fans ein Foulspiel bewerten.

Cueva merkt zudem an, dass der Heimvorteil während des Lockdowns nicht vollständig verschwunden sei, sondern nur halbiert wurde. Mit einer Teilrückkehr des Publikums nehme der Heimvorteil auch wieder zu. Jürgen Klopp hat das schon erlebt. Im Dezember 2020 durfte der FC Liverpool vier Spiele vor 2000 Fans veranstalten. Der Trainer der "Reds" geriet danach ins Schwärmen: "Ich wusste gar nicht mehr, wie gut sich das anfühlt."

Quelle: ntv.de, ses